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Das frisch sanierte Haus am Waldsee.

Haus am Waldsee

Ausstellung ohne Werke

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Das Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf ist nach aufwendiger Sanierung wieder offen und präsentiert Arbeiten der Bildhauerin Karin Sander.

Herbe Poesie: Der Waldsee ist zugefroren, schimmert weiß durch die Äste der Bäume. Weiß leuchtet es auch von der gelbbraunen Fassade der fast 100-jährigen Villa in Berlin-Zehlendorf, die seit dem Nachkriegsjahr 1946 als Ausstellungsort der Gegenwartskunst dient. Rundum hat Karin Sander, für ihren radikal reduzierten Stil vielfach mit Preisen bedachte Bildhauerin, das idyllisch gelegene Haus von außen mit motivlosen Bildern versehen: große weiße Rechtecke, kleinere weiße Quadrate.

Diese strenge konzeptuelle Geometrie, man könnte sie auch als eine minimalistische Variante der sogenannten Konkreten Kunst sehen, leuchtet und blinkt in der Wintersonne formstreng, wirkt aber beim längeren Hinsehen auch fröhlich und wird so zur Einladung – hinüber zur vielbefahrenen Argentinischen Allee, wo sich die Passanten wundern, was da wohl mit der alten Villa passiert. Ungerührt natürlich die hohen alten Kiefern am Seeufer angesichts des ungewohnten Fassadenschmucks.

Katja Blomberg, seit 14 Jahren die Direktorin des Hauses, hatte die Bildhauerin Karin Sander schon vor Jahren eingeladen, die Räume zu bespielen. Sander, Meisterin des Weglassens alles Überflüssigen in ihren zumeist weiß-farbenen Bildern, Objekten, Skulpturen, hatte nun noch einmal anderthalb Jahre Zeit, sich auf das Ambiente einzulassen. Das Baugeschehen war überhaupt kein Problem für sie, sagt sie mit gelassener Heiterkeit. Im Gegenteil: „Ich glaubte ja, das Haus zu kennen, lernte aber seine diversen architektonischen Seiten ganz neu kennen. Und damit Geschichte.“

Der Architekt Max Werner hatte das Haus für die jüdische Textilfabrikanten-Familie Knobloch im englischen Landhausstil errichtet: ein großer Gartensaal, Damenzimmer, Esszimmer, oben Kinderzimmer, Spielzimmer und die Schlafräume mit Blick zum Wasser. Das alles wurde erstmals komplett grundsaniert. Monat für Monat hat die Bildhauerin die Zurückverwandlung des Hauses in seine originale alte Gestalt beobachten können.

Auf der Ostseite wurde ein zu Kriegsende 1945 zerstörter Gebäudeflügel wiederaufgebaut, mit großen, an die typischen Halbrundungen des Werkbund-Stils erinnernden Fenstern. Die können bei Bedarf von einem luftigen, mit dem Design eines alten Alphabets versehenen Vorhang des Künstler Tobias Rehberger zugezogen werden – nach dessen Intention als Grenzziehung zwischen drinnen und draußen.

Hier ist nun Platz für Workshops und Veranstaltungen. Das Café, ausgestattet im originalen Werkbund-Stil, bekam eine größere Küche. Und gewonnen wurden Büro- und Depotflächen, ein Dachstudio, eine öffentliche Bibliothek. Und durch einen Lift ist das Haus barrierefrei. Wer hier ausstellt, das konnte auch Karin Sander sich nicht anders vorstellen, wird sich auf den Ort und seine Geschichte einlassen. Lange wohnten die Knoblochs nicht in dem Haus.

1926 haben sie die Villa verkauft, und danach wechselten mehrfach die Eigentümer. 1942 gehörte es der Ufa und mit Kriegsende 1945 wurde das Haus zur Erfassungsstelle des Bezirksamtes für in Zehlendorf ansässige Künstler und auch bereits gelegentlich Ausstellungsort. Am 6. Januar 1946 gab es die erste Vernissage mit Werken von Käthe Kollwitz und Ewald Vetter; es folgten Werkschauen von Künstlern, die in der NS-Zeit als „entartet“ diffamiert wurden, und bald darauf auch internationale Aufgebote der Nachkriegskunst und der späteren Moderne von Meret Oppenheim über Cindy Sherman zu Leiko Ikemura.

Und Aufregung gab es auch, nicht nur in der Kunstszene, sondern in der Bevölkerung, wo es hieß: Dürfen die das denn? Sieben Jahre nach dem Mauerfall war das Haus am Waldsee nämlich Labor für ein biologisch-zoologisches Experiment der ostdeutschen Künstler um Georg Herold und die Gabriel-Zwillinge: Fluxus im Schneckentempo, eine riesige Schneckenpopulation okkupierte das Ausstellungshaus vor der damaligen Teilsanierung. Und wohl nie mehr seit damals war das Haus derart beliebt bei Kindern.

Für Karin Sander sind das alles Aufladungen, nur zu gern lässt sie sich darauf ein. Ihre „Gebrauchsbilder“ – leere, nicht gegen Wind, Sonne, Regen und Schmutz imprägnierte Leinwände, verlangen geradezu den Prozess des Verwitterns, des Abnutzens. Und so wirken die ungeschützten Flächen als Ready-mades an der Hausfassade, geben der Architektur eine neue zeitliche Ordnung. Das Hausinnere lässt Sander geradezu jungfräulich leer. Lediglich im einstigen Musikzimmer stellte sie ein im 3-D-Drucker erstelltes Google-Earth-Daten-Modell von Haus und Garten auf. Gerade hier wird man als Besucher der Verschiebung der Innen- und Außenperspektiven gewahr. Und, witziger Aspekt der Ausstellung ohne Werke: Am Eingang liegt auf einem Podest der dicke Sander-Katalog „Von A–Z“, so humorvoller wie platzsparender „Ersatz“ für eine Retrospektive, wie sie jeden namhaften, aber in die Jahre kommenden Künstler ereilt. An den Wänden verweist Sander mit Schildern auf die einstige Funktion des jeweiligen Raumes – und dann nach draußen, auf das jeweilige motivlose Bild vorm Fenster. Die Konzeptkünstlerin hat den Zustand des alten, subtil restaurierten Hauses einfach umgestülpt.

Freilich ist das eine Zumutung für Besucher, die ein üppiges Aufgebot an Kunstwerken erwarten. Diese große, beinahe meditative Leere, das viele Weiß werfen einen ziemlich brüsk auf sich selber zurück. Nun ja, manchmal ist es anstrengend, Fantasie zu entwickeln, Assoziationen zu wagen. Und von innen nach außen und umgekehrt zu denken: Wie eigentlich wollen wir leben?

Sander arbeitet aus Prinzip immer konkret architektur- und ortsbezogen. Sie entschied sich, keine Objekte an den Wänden anzubringen, lässt stattdessen die Leere erzählen, vom Haus und seiner Geschichte. Und in der Tat, der kompromisslos minimalistische Stil der aus Bergisch-Gladbach stammenden, bis 2007 an der Kunsthochschule Weißensee und seitdem in Zürich lehrenden Bildhauerin macht die Räume ohne Kunstwerke sinnlich erfahrbar. Alles ist frisch, riecht gut nach Farbe, neue Strahler zum Dimmen sind montiert, die Dielen sind geschrubbt oder auch neu verlegt, die Kasse bekam einen leuchtend gelben Tresen – aber die Spuren der Zeit, des „Gebrauchs“ sind nicht verborgen. Und das ist es ja, worauf es Karin Sander ankommt.

Haus am Waldsee,Berlin: bis 3. März. www.hausamwaldsee.de

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