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Based in Berlin Performance von "Metroccolis".
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Based in Berlin Performance von "Metroccolis".

Prestige-Ausstellung in Berlin

Hauptstadt der Superbohnen

Im alten Atelierhaus der Kunsthochschule Weißensee stellen achtzig junge Künstler aus - die letzte Schau in dem Gebäude. Klaus Wowereits Prestige-Ausstellung heißt „Based in Berlin“.

Von Sebastian Preuss

So ist es immer in Berlin. Wenn der Abriss eines Gebäudes schon feststeht, dann erst beginnen die Leute, dessen Qualitäten zu schätzen. Nicht anders geschieht es nun mit dem alten Atelierhaus der Kunsthochschule Weißensee, das kaum jemand im Monbijoupark wahrnahm. Im September sollen die Abrissbagger kommen, zuvor aber findet hier das Hauptereignis des Kunstsommers statt, und siehe da: Der verschachtelte, vernutzte DDR-Bau entpuppt sich als kleines Juwel.

Das Atelierhaus hat den richtigen schäbigen Berliner Schick, und rundum spielt sich das echte urbane Leben ab – so wie es die Kunst liebt. Um die Lage mitten in der Stadt richtig wahrzunehmen, ließen die Kuratoren von „Based in Berlin“ ein vierzehn Meter hohes Gerüst mit einer großen Aussichtsplattform vor dem Gebäude errichten. Darauf stehen nun drei Autos, als hätte sich hier oben ein fliegender Händler eingerichtet. Auf den ersten Blick sehen die Karossen wie die luxuriösen Allradmonster X5 von BMW aus. Doch es sind Kopien aus chinesischer Produktion; alle importierten Exemplare wurden im Hafen von Rotterdam beschlagnahmt.

Oliver Laric, in Berlin lebender Österreicher, gelang es, drei dieser Pseudo-BMWs namens „CEO“ zu ergattern. Jetzt exponiert er sie, so, wie sie sind, als Ready-mades. Sie sind ein Kommentar zur Globalisierung, zu unseren Problemen mit China, aber auch zum Fetisch des Echten. Derweil hat der Kosovare Petrit Halilaj, der bei der letzten Berlin-Biennale gleich sein ganzes Elternhaus nachbaute, im Garten eine Kuschelecke angelegt. Noch besteht sie nur aus kegelförmig gespannten Fäden, bald aber sollen superschnell wachsende Bohnensetzlinge alles zuwuchern.

Giulio Delvè, gebürtiger Neapolitaner, lässt Sonnenschirme in der von Cookies bespielten Bar kreisen. Trevor Lloyd erinnert sich in krakeligen Linien an seine Mutter im fernen Kalifornien, während sich der Kanadier Jeremy Shaw an den Drogen-Film „Christiane F.“ erinnert, den er schon immer mit Berlin verband. Jetzt kopierte er Filmplakate in etlichen Sprachen und verteilte sie über die Stadt.

Die Ausstellung trifft ziemlich genau das, was auf den Biennalen, in den Kunsthallen und den Galerien, die sich als besonders kuratorennah verstehen, derzeit den Ton angibt. Es ist eine lässige Neo-Konzeptkunst aus Sack und Asche, körnig kopierten Schwarz-Weiß-Fotos und Basteleien, verspielten Pappmaché-Skulpturen und bierernsten dokumentarischen Videos. Eine Kunst, die sich sozial und politisch gibt, auch wenn es oft eher um Attitüden geht; eine Kunst, die viel andeutet, aber ablesbare Botschaften meidet. Ihr sind die Wohnzimmer-Accessoires der Nierentisch-Ära ebenso Formenreservoir wie der Baumarkt.

Der wichtigste Humus aber ist und bleibt die Popkultur. Am faszinierendsten bei Matthias Fritsch. Er filmte während der Berliner Fuckparade im Jahr 2000 einen grimmig tanzenden Muskelberg. Jahre später gelangte das Video auf Youtube und entwickelte ein erstaunliches Eigenleben, mit mittlerweile über 30 Millionen Klicks und zahlreichen Nachahmern in aller Welt, von denen Fritsch jetzt die skurrilsten zeigt. Das sind die starken Momente der Ausstellung, in der man überraschenderweise auch auf Nostalgiker wie den tollen Schriftsetzer Martin Z. Schröder trifft: Ilya Lipkin hat ihn für eine (leider ziemlich verkopfte) Aktion über das Auftragswesen in der Kunst gewonnen.

Seite 2: Ärger um das Prestige-Vorhaben

Aber so offen und pluralistisch, wie sich die fünf jungen Kuratoren – Angelique Campens, Fredi Fischli, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Cameron Weaver – im Vorfeld gaben, sind sie nicht. Sie haben Vorlieben, auch, was die Berücksichtigung einiger Galerien betrifft. Viele Berliner Künstlerzirkel, die eine solche Plattform dringend nötig hätten, werden sich hier nicht vertreten sehen. Es sollte eine Bestandsaufnahme vom Geschehen in der Stadt werden, die viele für den derzeit aufregendsten Kunstort der Welt halten. Aber mit 80 Künstlern ist es eben eine Selektion.

Die Künstler sollen erst in den letzten fünf Jahren an die Öffentlichkeit gekommen sein – das war die einzige Vorgabe, die sich die fünf Macher auferlegt haben. Bei den Recherchen riefen sie einen „Open Call“ aus, zu dem 1250 Dossiers hereinfluteten. Jakob Schillinger beteuert, dass sie viele Künstler vor ihren Touren durch die Ateliers nicht gekannt hätten. Es sind also echte Newcomer dabei, denen die Teilnahme an „Based in Berlin“ gewiss einen Karrieresprung verschaffen wird. Etwa Rocco Berger, der noch in Weißensee studiert und jetzt Altöl über eine flatternde Folie tropfen lässt: Eine eher trashige, stinkende Angelegenheit, die aber das gute alte Drip Painting der Nachkriegsmaler mit neuer Rauheit erfüllt. Oder Köken Ergun, dessen Video im Tiefbunker neben dem Atelierhaus sich einprägt: Er besuchte Dutzende türkische Hochzeiten im Wedding. Raffiniert schnitt er die Aufnahmen zusammen, etwa jenes Ritual, bei dem verkündet wird, wer dem Paar wie viel Geld geschenkt hat.

Als würden sie selbst den ganzen unbekannten Namen nicht trauen, haben sich die Kuratoren mit einer Phalanx von Künstlern abgesichert, die aktuell heiß gehandelt werden: etwa Nina Canell, Klara Lidén (gerade hatte sie ihren großen Auftritt in Venedig), die Trash-Minimalistin Kitty Kraus oder den unvermeidlichen Danh Vo, auf den offenbar kein Ausstellungsmacher verzichten will.

Doch insgesamt ist es eine lebendige, sympathische, informative Ausstellung. Dazu trägt bei, dass Off-Projekträume wie Autocenter oder After the Butcher (die ein hochglänzendes Wowereit-Porträt von Clegg & Guttmann beisteuern) integriert sind, aber auch die Ausweitung auf fünf Institutionen wie die Kunst-Werke oder den NBK.

Nur: Brauchen wir wirklich eine solche Schau, wo es doch alle zwei Jahre die Berlin Biennale gibt? Im Winter gab es einigen Ärger um dieses Prestige-Vorhaben, mit dem Klaus Wowereit eigentlich seine Kunsthalle in einer provisorischen Architektur am Hauptbahnhof bewerben wollte. Peinlich wurde es, als das ominöse Wort „Leistungsschau“ fiel. Die Kuratoren von „Based in Berlin“ erkannten besser als die Politik, dass der Standort dort am sterilen Wasserbecken keine Stimmung für die Kunst aufkommen lässt. So vereitelten sie Wowereits Kunsthallen-Glamour im Wahlkampf.

Vom Humboldthafen spricht der Regierende Kultursenator tunlichst nicht mehr. Auch das Wort „Kunsthalle“ entschlüpfte seinem Mund nicht, als er „Based in Berlin“ eröffnete. Dabei waren das die Voraussetzungen dieser Sommerausstellung. Die eigene SPD-Fraktion hatte Wowereit die Gefolgschaft bei seinem Kunsthallenprojekt versagt. Statt 20 Millionen für einen schicken Neubau erhielt er nur Geld, um in temporären Aktionen zu erproben, ob Berlin eine solche Kunsthalle tatsächlich brauche. Aufgestockt durch Lotto-Mittel wurden 1,4 Millionen Euro daraus. Jetzt profitiert die junge Szene davon, und im Rahmenprogramm ist nicht einmal mehr eine Diskussion zur Notwendigkeit einer Kunsthalle angekündigt. So begräbt die Kunst Polit-Projekte.

Berlin, Atelierhaus im Monbijoupark: bis 24. Juli. Zudem: Kunst-Werke, Hamburger Bahnhof, Neuer Berliner Kunstverein, Berlinische Galerie. Katalog 7 Euro.

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