Beschädigte Gipsfigur der Skulptur "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenman.
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Beschädigte Gipsfigur der Skulptur "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenman.

Vandalismus in Münster

Hass leert den Kopf

  • vonIngeborg Ruthe
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"Figürliche Kunst provoziert eben", erklärt sich der künstlerische Leiter des "Umsonst und Draußen"-Spektakels in Münster den Vandalismus gegen Skulptur-Projekte.

Unlängst noch, zur Eröffnung, feierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters das „wunderbare Kunst-Chaos“, das seit 1977 alle zehn Jahre über (ihre Heimatstadt) Münster hereinbreche. Dass unter den Massen bis zum Ende des Projektes am 1. Oktober nicht bloß echte Freunde der Kunst im öffentlichen Raum sind, das wissen die Veranstalter. Und das weiß auch der in Berlin lebende Museumsmann Kasper König.

Seit 40 Jahren ist der einstige Kölner Museum-Ludwig-Direktor künstlerischer Leiter des „Umsonst und Draußen“-Spektakels im wohlhabenden, den schönen Künsten zugetanen Münster. Jedoch ist bereits zum vierten Mal seit dem Start dieser nunmehr fünften und überaus beliebten Skulpturenschau ein Werk beschädigt worden.

Im Juni wurde eine LED-Installation des Japaners Ei Arakawa zerstört. Jemanden störte offenbar, dass der Künstler für digitale Vernetzung außerhalb der Stadt sorgte, am südöstlichen Ende des malerischen Aa-Sees. Auf einer Wiese postierte der junge Mann aus Fukushima ein Hightech-Licht- und Klangspiel: sieben gerasterte LED-Panels – auf Leinwand unter Plexiglas. Tausende winzige farbige Leuchten generieren Gemälde der Kunstgeschichte. Man schaut auf digitale Tafelbilder in der Graslandschaft, es ertönen elektronische Klänge, als ein audiovisueller Chor. Ei Arakawas „Harsh Citation, Harsh Pastoral, Harsh Münster“(übersetzt heißt das „Grobes Zitat, schroffe Pastorale, ruppiges Münster“) hat arg provoziert. Nichtsdestotrotz haben Künstler und Veranstalter die Arbeit rasch erneuert.

„Dummheit stirbt niemals aus“

Dann aber wurde in der Nacht zum Sonntag einer Gipsfigur der Skulptur „Sketch for a Fountain“ von Nicole Eisenman der Kopf fast abgetrennt. Schon Tage zuvor fanden Besucher eine andere Figur des gleichen Ensembles „geköpft“ vor. „Figürliche Kunst provoziert eben“, erklärt sich Kaspar König den brutalen Akt, warnt aber davor, daraus gar aktuelle politische Schlüsse zu ziehen.

Die New Yorkerin Eisenman greift bei dem Werk im Park weit zurück in die Kulturgeschichte: Brunnen als kultische oder als Trink-Orte im Stadtraum. Die fünf um ein Wasserbecken gruppierten Gestalten, nicht Frau, nicht Mann, sind klobig, fast derb. Aus diversen Körperöffnungen sprüht Wasser. Klassisches Pathos ist gebrochen. Das konnten gewisse Leute also nicht ertragen.

Mit „Kunst ohne Gebrauchsanweisung“ – für jedermann öffentlich zugänglich – könne das passieren, räumt König ein. Natürlich sind er und sein Team auch traurig. Nur lasse man sich nicht entmutigen von „Leuten, die heftige Probleme haben“. Nun verschwand vorletzte Nacht die Technik des japanischen Künstlers Koki Tanaka aus dem Universitätsfoyer. Beamer, Boxen, Monitore sind weg. Wohl eher Beschaffungskriminalität denn Kunsthass. Künstler und Veranstalter lassen sich nicht entmutigen, neue Technik wird besorgt. In Kürze soll die Arbeit wieder funktionieren. Man traf Sicherheitsvorkehrungen.

„Dummheit stirbt niemals aus. Also: Sich kümmern ist die Parole“, ermuntert König sich und die Seinen. Es klingt so gelassen wie trotzig.

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