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Paula Müller, wie sie in Neukölln mit ihren Zeichnungen lebt.
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Paula Müller, wie sie in Neukölln mit ihren Zeichnungen lebt.

Kunstszene

Harte Landung

  • VonIngeborg Ruthe
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Aus dem Leben einer Künstlerin: Paula Müller ist eine leidenschaftliche, originelle Zeichnerin, fremdelt aber mit dem etablierten Kunstbetrieb. Ihr Trotz hat Folgen.

Der dystopische Mythos vom erst himmelhoch geschossenen, dann hart gelandeten Künstler ist auch heutzutage nicht bloß dramatischer Roman- oder Filmstoff. Der immer gierigere, innovationssüchtigere und daher unsichere globale Kunstmarkt macht daraus oft genug verächtliche Realität. Ihr müssen sich Heerscharen von Kreativen nach ihrer Zeit an den Kunstakademien und auch noch später stellen.

In einem kleinen Raum in einer preiswerten Ateliergemeinschaft im Neuköllner Rixdorf sind die Wände mit großen und kleinen Farbzeichnungen bepinnt. Zeichnen, sagt Paula Müller, sei für sie eine andere Art von Sprache. Auf dem größten Blatt in der Mitte sind Notationen und poetische Gleichungen zu entdecken, mal abstrakt lineare, dann wieder fast organische Formen.

In eine codierte Bildwelt wird der Blick hineingesogen, zu rätselhaften, mit strengen, widerständigen oder aber spielerisch schwingenden Linien beschriebenen Phänomenen aus der realen wie der inneren Welt der Zeichnerin. Als Handlungen jedenfalls lassen sich Paula Müllers Kompositionen, in die sie dann auch mit quellenden Ölfarben hineinmalt, nicht erzählen. Eher sind es Transformationen von Erlebtem, Geschautem, Gehörtem. Andere Blätter weisen ins Comic-artige. Und noch andere bilden ganze Serien konstruktivistischer Experimente, stabil bis fragil, mit geometrischen Formen, die aber ins Geheimnisvolle, fast Surreale gleiten.

Zeichnen, das ist für diese manische Zeichnerin das Verarbeiten all dessen, was auf sie eindringt, ihre Vorstellungen, Fantasien. Für sie ist es das „Neu-Erfinden, meine Sprache eben“. Aber sie mag auch das „disziplinierte“ Zeichnen, Paula Müller hatte schon während des Studiums an der Fachhochschule für Illustration, Grafik und Design in Münster begonnen, im Auftrag von Archäologen akribische Zeichnungen der ausgegrabenen Artefakte zu machen. Oft war sie bei Grabungen dabei. So konnte die Tochter eines Arbeiterpaares aus Trier ihr Studium selbst finanzieren, sich auch danach ernähren: „Morgens war ich bei den Archäologen, nachmittags im Atelier, um frei zu zeichnen.“ Diese Blätter entdeckte auf einer Ausstellung ein Antwerpener Galerist, der den österreichischen Star Franz West im Programm hatte und sich nach junger Kunst umsah.

Die Zeichnerin hatte dann durch den Belgier viele Ausstellungen und mehr und mehr Erfolg. Von der Kunststiftung NRW kam ein Stipendium für New York. Danach folgten Ausstellungen in Museen und Institutionen in Belgien, Luxemburg, Spanien, Russland, in Deutschland und der Schweiz. Das war der Moment, wo sie den lange Zeit zweifelnden und besorgten Eltern nicht mehr erklären musste, dass die Kunst das Richtige für sie sei.

Nach sechs Monaten New York ging sie nach Genf, wo sie zuvor schon mal für zwölf Monate studiert hatte. Sie konnte von der Kunst drei Jahre lang gut leben und fing auch wieder mit dem gut entlohnten Brotjob des Archäologie-Zeichnens an. Abermals konnte sie da auch an spannenden Grabungen teilnehmen, sogar im Senegal und in Mali. „Und es kamen wieder Ausstellungsangebote“, erzählt sie. „In Luxemburg, in der Kulturhauptstadt von 2007, dem Siebenbürgischen Sibiu. Komisch, in meiner Heimat Trier habe ich noch nie ausgestellt.“

„Im Jahr 2012 hatte ich so viele Ausstellungen und auch Messeauftritte wie noch nie“, setzt sie hinzu. Und doch hatte sie gerade in diesen bewegten Zeiten schon so ein ungutes Gefühl. „Das lief so irrsinnig gut. Trotzdem wurde ich immer skeptischer, je mehr man mich feierte“, sagt sie. „Da wuchs in mir so ein Widerstand. Alles war so kommerziell geworden, so ausschließlich und damit beengend. Mir widerstrebte der Druck, immer nur zu machen, was gewünscht wurde, was marktgängig war. Denn ich wollte noch suchen, ausprobieren, spielen.“

Sie zeichnete damals riesige Panoramen an die Galeriewände, halb konstruktivistische, halb comicartige, auch surreale Szenen. Sie wollte es so radikal gegen die Dauer und den Besitz von Kunst. Die Bilder sollten nach Ausstellungsende wieder überstrichen werden. Von der Arbeit, an der sie Wochen gestrichelt hatte, sollten nur Fotos oder Katalogbilder bleiben. Das ließ sich nicht vermarkten, die Galerie machte nicht mehr mit. Ende.

Paula Müller, die sonst so offen und unkompliziert wirkt, wurde trotzig wie ein Kind. Sie gab Genf und alles Gewohnte auf, die Wohnung, das Atelier, die sicheren Einkünfte durch die Archäologie-Zeichnungen bei der Universität. Sie packte ihre Siebensachen und zog nach Berlin, nicht wegen des allgemeinen Hypes, sondern eher „trotz alledem“, sagt sie heute selbstironisch.

Nein, sie hatte keine hochfliegenden Illusionen, dennoch falsche Erwartungen. Vielleicht auch verständlich, wenn man im kunstsinnigen, wohlhabenden Rheinland und in der an Sammlern reichen Schweiz gearbeitet hat. Im ruppigen, frugalen Berlin, mit seinen Abertausenden von Künstlern aus aller Welt, kannte sie keiner. Sie dachte, das sei eher eine Chance, vieles noch einmal neu zu denken und zu machen. „Auch hatte ich fest damit gerechnet, ich könnte hier wieder mit dem Archäologie-Zeichnen, das ja nur wenige wirklich gut können, mein Auskommen finanzieren.“

Ein Irrtum, den sie bald erkannte, aber auf den sie nicht vorbereitet war: Hiesige archäologische Institutionen lassen das Zeichnen von Sub-Firmen erledigen, bei minimaler Bezahlung. Aufträge konnte sich Paula Müller also abschminken.

Um anzukommen, die Stadt besser zu verstehen, verkaufte sie auf dem Markt Obst und Gemüse, jobbte in einem Klamotten-Laden. Mit Ausstellungen außerhalb Berlins und ein paar Mini-Stipendien hangelt sie sich seitdem von Monat zu Monat. „Nein, aufs Amt geh’ ich nicht“, das ist so ein Stolz- und Trotz-Satz von ihr. Zum Lichtblick werden soeben Workshops mit Kindern, Jugendlichen – auch Flüchtlingen – und Studenten in der Berliner Gemäldegalerie und anderen Häusern der Staatlichen Museen. „Das ist anstrengend, aber da lerne ich viel“, so gewinnt sie der provisorischen Arbeit die beste Seite ab. Denn auch die Staatlichen Museen können Künstlern bloß bescheidene, kurze Werkverträge bieten.

Für die aktuelle Ausstellung der spanischen Altmeister zeichnete Paula Müller das Begleitheft zum Kinder-Audioguide „Compañero“, als witzigen, unterhaltsamen, comicartigen Führer durch die Schau. „Dieser schöne kleine Auftrag gab mir wieder Bestätigung“.

„Zeigen, wie es geht und dabei Fehler machen“, schrieb sie in steilen Lettern auf eine ihrer farbigen Zeichnungen. Genau das scheint sie sich zum Lebensmotto gemacht zu haben. Die zierliche Paula Müller hat Kraft und auch Mut, aber sie weiß auch, dass sie mit dem Kunstsystem, so, wie es halt ist, nicht mehr länger wird fremdeln können, dass sie einen für sie auskömmlichen Kontrakt schließen und Antwort auf die Frage finden muss: „Ist das der Rhythmus, in dem ich mit muss?“

Aber sie will nicht aufgeben. Sie kann fantastisch eigensinnig und originell zeichnen, hat eine Serie mit den Versen einer serbischen Poetin geschaffen. So etwas müsste endlich im Berliner Kunstbetrieb erkannt werden. Freilich kommt kein Galerist oder Mäzen ins Atelier und sagt: Ich will deine Bilder, dann kannst du weiter experimentieren.

Die nachdenkliche, zurückhaltende Paula mit dem suchenden, witzigen, hintergründigen, lustvoll grotesken Zeichenstrich und den fortwährend die Welt befragenden Bildeinfällen ist kein Mitglied der coolen Berliner Kunstszene. Und sie hasst es, sich anzubieten. Und doch tun das ja fast alle ihrer Kollegen.

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