+
Harald Naegeli, der am 4. Dezember 80 Jahre alt wird.

Sprayer von Zürich

Harald Naegeli zum 80. Geburtstag: Er ging ins Gefängnis, er machte weiter

  • schließen

Harald Naegeli, der „Sprayer von Zürich“, wird am Mittwoch 80 Jahre alt.

Im Jahre 1978 begannen die glatten Fassaden der Zürcher Innenstadt sich zu beleben. Merkwürdige, langgestreckte Gestalten verbreiteten sich. Da hatte jemand der Idee der Leere den Krieg erklärt. Ornament war kein Verbrechen mehr, sondern unbedingt nötig. Also doch ein Verbrechen. Mindestens aber „Sachbeschädigung“. Der Moderne, deren ganzer Stolz die Schmucklosigkeit war, wurden Muster aufgemalt – gegen den Willen der Eigentümer.

Nach dem Täter wurde gefahndet. Dass es ein Täter war oder eine Täterin, war klar. Denn aller Zierrat hatte dieselbe Handschrift. Da war einer auf einem Feldzug. „Gegen das Bauhaus“ liegt mir auf den Lippen. Jedenfalls gegen die Idee, dass die Form der Funktion zu folgen habe, dass Schönheit und Klarheit dasselbe seien, dass alles mit einem Blick erfasst und begriffen werden muss.

Die Moderne wich in den siebziger Jahren der Postmoderne. Das Spielerische wurde wieder interessant. Der Reichtum der Vergangenheit wurde nicht mehr von den Fassaden geschlagen, sondern wieder herangezogen. In der Architektur, der bildenden Kunst, in der Literatur und in der Musik.

Als Harald Oskar Naegeli 1979 als der „Sprayer von Zürich“ überführt wurde – er hatte an einem seiner Tatorte seine Brille liegen gelassen –, da gab es die Empörung gegen ihn, den Verunstalter der schönen reinen Moderne und es gab die Verteidiger der Freiheit der Kunst, die Verteidiger einer freien, auch von ihren eigenen Regeln befreiten Kunst. Naegeli floh nach Deutschland. Ihm folgte ein internationaler Haftbefehl. Er ging für sechs Monate ins Gefängnis, kehrte zurück nach Düsseldorf, wo er heute lebt, und sprayte weiter.

Wikipedia schreibt über ihn: „Sein Ziel war es, mit seinen Aktionen als „Aufstand des unterdrückten Unbewussten“ gegen die zunehmende Uniformierung und Unbewohnbarkeit der Stadt zu demonstrieren, da er Zürich als eine spießige, sauberkeitsfanatische Stadt empfand, die den Bewohnern mit ihrer grauen und überbetonierten Architektur den Lebensraum zu nehmen drohte.“

2004 restaurierte die Stadt Zürich eines der wenigen erhaltenen Strichmännchen seiner frühen Sprayerjahre. Es dauerte also ein paar Jahrzehnte, bis auch die Stadtverwaltung in der Lage war zu begreifen, welchen Schatz ihr Harald Naegeli geschenkt hatte. Kurz vor seinem heutigen 80. Geburtstag erklärte Naegeli, er wolle Düsseldorf verlassen und wieder zurück nach Zürich: „Meine Lebenszeit und meine Zeit hier ist abgelaufen... Ich will wieder zurück an meinen Ursprung.“

Vielleicht spielt eine Rolle dabei, dass ausgerechnet die Nordrhein-westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste ihn im vergangenen Jahr wegen Sachbeschädigung anzeigte. Im April kam das Urteil: Harald Naegeli muss den „Schaden“ ersetzen. Aber er erhält keine Strafe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion