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Hans Belting: Deuter des Blicks

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Von: Michael Hesse

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Hans Belting. Foto: Peter Mosimann
Hans Belting. Foto: Peter Mosimann © Peter Mosimann

Der Kunsthistoriker Hans Belting ist gestorben.

Das Ende der Kunstgeschichte war der Anfang einer neuen. Mit ihr ist der Name Hans Belting unlösbar verbunden. Bekanntheit erlangte der Kunsthistoriker und Medientheoretiker durch sein Buch „Bild und Kult“. Es gilt als sein „Meisterwerk“. Belting hatte die Bildmacht des christlichen Kultbildes aus einer sozialgeschichtlichen Richtung interpretiert. Auch seine Arbeiten zu „Das Bild und sein Publikum im Mittelalter“ sowie „Bild-Anthropologie“ sorgten für Aufmerksamkeit in Fachkreisen. Vor allem seine Arbeit zum zentralperspektivischen Sehen platzte mitten in die Debatte über die Differenzen zwischen Westen und Islam nach den Anschlägen auf die Twin Towers hinein.

Beltig leitete da das Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien. Weitere Stationen waren die Universitäten Heidelberg und München sowie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Letztere hatte der 1935 in Andernach geborene Belting mitgegründet. In Hamburg hatte er sich habilitiert, in Mainz seine Dissertation verfasst, dort auch studiert, unterbrochen von einem Aufenthalt in Rom. Hinzu kamen zahlreiche Gastprofessuren, die ihn nach New York oder Paris führten. Er war Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Doch vor allem das Buch „Florenz und Bagdad“, das im Verlag C.H. Beck erschienen ist, sorgte für ein Aufhorchen über die Fachgrenzen hinweg. Belting hatte darin die Grundlagen der Zentralperspektive untersucht, womit sich die Florentiner Malerei von der anderer Epochen unterschied. Die italienische Kunst des Mittelalters und der Renaissance bildete seit jeher einen seiner Schwerpunkte. Der Islam galt als jener Kulturkreis, in dem das Bilderverbot in der Nachfolge des Terroranschlags von New York als deutliches Zeichen der Rückständigkeit gegenüber dem Westen galt. Doch Belting zeigte, dass die eigentlich als genuin westliche Erfindung angesehene Perspektive, als eine Art Durch-Blick, ihre Wurzeln in Wahrheit im Orient hatte. Der Titel des Buches „Florenz und Bagdad“ greift genau diese Entdeckung auf.

Belting spürte dem arabischen Mathematiker Alhazen nach, der im Jahr 965 in Basra geboren worden war. Alhazen studierte in Bagdad, bevor er später nach Kairo übersiedelte. Er legte den Grundstein für die optische Theorie des Orients, die sich nicht am Bild orientierte, sondern sich als eine Wissenschaft vom Sehen verstand, so Belting. Alhazen hatte das erste Modell einer camera obscura entworfen.

Für Belting stand fest, dass erst durch die Sehtheorie von Alhazen die Anwendung der Perspektive in der Kunst möglich geworden war. Fälschlicherweise gelte Florenz als der Ursprungsort der Zentralperspektive, so Beltings Schlussfolgerung. In Wahrheit sei diese in Bagdad entstanden, jenem Ort, der dem Westen so viele Kulturgüter der alten Welt übermittelt hatte, wie etwa die griechischen Philosophen, die in Europa längst in Vergessenheit geraten sind. Erst der Austausch mit der Wissenschaft und Kultur der arabischen Welt hatte also das auf den Weg gebracht, was der Westen als Teil seiner Identität ansah. Belting starb am 10. Januar im Alter von 87 Jahren.

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