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Technische Innereien: „Futura I“ von den Mindpirates.
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Technische Innereien: „Futura I“ von den Mindpirates.

Frankfurter Kunstverein

Handy in Flammen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Der Frankfurter Kunstverein stellt „Metaphern des Wachstums“ vor: Das können Computermonitore sein, die auf einem Elektroherd verbrennen, oder ein Paar, dass auf einer illegalen italienischen Müllkippe Twist tanzt.

Die Zeiten, in denen das Wort Wachsen positive Assoziationen ausgelöst hat, sind lange vorbei. Kaum einer denkt bei Wachstum heute noch an Kinder oder Bäume. Viel zu häufig ist der Begriff im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Vorgängen gebraucht worden, als dass er noch einen unbeschwerten Klang hätte. Auch das – eigentlich erfreuliche – Wirtschaftswachstum hat schließlich seine Kehrseite. Natürlich gehören auch diese Aspekte hinein, in eine Ausstellung „Über die Metapher des Wachstums“. Drei deutsche Kunstvereine haben miteinander kooperierende Schauen zum Thema erarbeitet, eine davon ist im Frankfurter Kunstverein zu sehen.

Die erschreckenden, ja: beängstigenden Facetten des Wachstums eröffnen sich dem, der in einem ausgelegten Magazin der Gruppe Mindpirates zum Thema Verschwendung blättert: Stromverbrauch in Indien im Jahr 2007 in Gigawattstunden – 566846. Stromverbrauch in Deutschland im Jahr 2007 in Gigawattstunden – 527352. Einwohnerzahl Indiens im Jahr 2007 in Millionen – 1129,9. Einwohnerzahl Deutschlands im Jahr 2007 in Millionen – 82,4.

Wider die Großmannssucht

Es ist ein Beispiel unter etlichen. Dass die Mindpirates es nicht beim Auflisten von Zahlen belassen, die das Gewissen belasten, sondern selbst einen kreativen Umgang mit energetischer Großmannssucht pflegen, macht das Projekt auf sinnliche Weise sympathisch. Es sieht aber auch wirklich spektakulär aus, wenn man einen Computermonitor auf einem Elektroherd verbrennen oder ein Handy am Bügeleisen in Flammen aufgehen lässt, um das Ereignis zu fotografieren.

Überhaupt ist die Schau im Frankfurter Kunstverein keineswegs eine lustfeindliche Zeigefinger-Diskursveranstaltung. In einem Video von Marisa Argentato und Pasquale Pennacchio tanzen sie sogar fröhlich Twist auf einer illegalen italienischen Müllkippe. Dan Peterman hat sich für seine Serie „Things that were are things again“ einer Silvesternachts-Technik bedient. Der Künstler hat ein Fries aus Aluminiumgusselementen geschaffen, die aussehen wie ein aus Blei gegossener Regenschirm, eine Handtasche oder wie Werkzeuge. Der Transfer ausgedienter Gegenstände in Kunst ist zumindest ein guter Ansatz.

Eine ganz andere Facette des Wachstums hatte Ulrich Gebert im Sinn, als er Nadelholzgewächse im botanischen Garten in London fotografierte und zu Tableaus aus jeweils sieben zusammengehörenden Typen sortierte, die allesamt merkwürdig artifiziell und normiert anmuten. So hatten wir uns kontrolliertes Wachstum eigentlich nicht vorgestellt. Eher zufälligen Charakter hat hingegen die „Samensammlung aus Mali“, die Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger zusammengetragen haben: eine Fülle verheißungsvoller Flocken, Körner und Kerne, die das Künstlerpaar auf Zetteln ausgebreitet hat, in denen die Samen eingewickelt waren. Da in Mali Papier knapp ist, verwendeten Steiner und Lenzlinger alles, was ihnen in die Hände kam, vom Medikamentenbeipackzettel bis hin zur Hotelrechnung. Das Ergebnis sieht aus wie eine Art Tagebuch und erzählt so einiges über Kulturtransfer und den Alltag in Mali.

Tue Greenfort wiederum hat mit „Plant Oil Circulation – After Hans Haacke 1969“ zugleich ein Recyclingkunstwerk und Kunstzitat geschaffen. Während einer Ausstellung in einer Kleinstadt führte der Künstler einen kostenlosen Nahverkehrsbus ein, den er selbst fuhr und mit Pflanzenöl betrieb. Jetzt wird das Öl durch ein am Boden liegendes Geflecht aus Kunststoffschläuchen gepumpt, das aussieht wie eine alte Arbeit von Hans Haacke, dieser jedoch einen Recyclingaspekt hinzufügt.Auch Peter Buggenhout hat seine gigantische Skulptur mit dem Titel „The Blind Leading The Blind (Herzliya Piece)“ aus gebrauchten Materialien gebaut. Es handelt sich um ein gigantisches, recht schmutziges Gebilde, das sich jeglicher Interpretation zu verweigern scheint.

Immer wieder umkreist man dieses Monstrum, das aussieht wie ein improvisiertes Endzeitgebilde, meint hier etwas Bauschaum, dort ein Stück Bootsrumpf zu identifizieren und kommt doch nicht weiter. War hier ein Wahnsinniger am Werk? Handelt es sich um die Überreste einer Katastrophe? Oder hat sich das Material am Ende selbstständig gemacht, ist das Ding etwa unkontrolliert gewachsen?

Frankfurter Kunstverein: bis 31. Juli. www.fkv.de

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