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Edgar Arceneaux, „Church for Sale“, 2013, Sammlung Haubrok.
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Edgar Arceneaux, „Church for Sale“, 2013, Sammlung Haubrok.

Hamburger Bahnhof

Hamburger Bahnhof in Berlin: Kunst, die Krisen-Geschichten erzählt

  • VonIngeborg Ruthe
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Der Hamburger Bahnhof feiert seinen 25. Geburtstag mit zwei Ausstellungen – über Nation und Trauma. Und mit „Church for Sale“ aus der Sammlung Haubrok.

Dies gleich vorweg: Wer zu diesem Jubiläum eine Geburtstagstorte aus schöner lukullischer Heile-Welt-Kunst erwartet, liegt völlig falsch. Dieser „25.“ fällt mitten in eine Zeit, in der sich zu viele Krisen auf der Welt überlagern. Eine Welt, in der sich Gewissheiten verflüchtigen, jede Entscheidung auf Pragmatismus ausgerichtet ist und große Visionen beinahe unter Verdacht geraten.

Links vom Museumseingang des Hamburger Bahnhofs an der Berliner Invalidenstraße steht ein Kampfflugzeug, das sich beim näheren Betrachten als zwar bedrohlich wirkender, aber eigentlich harmloser Dummy aus einer sich ständig aufblasenden PVC-Hülle erweist. Der Bildhauer Christoph Büchel hat das Fake 2003 gefertigt. Das Sammlerpaar Haubrok kaufte ihn aus dem Stand heraus und hat ihn 2009 der Nationalgalerie mit weiteren Werken als Dauerleihgabe übergeben.

Jetzt markiert das militante Ungetüm den Zugang zu den beiden Jubiläumsausstellungen zum 25. Geburtstag des Berliner Museums für Gegenwartskunst – als eine sarkastische Metapher für die Bedrohung der musealen Räume. Die Mietverhältnisse sind fahrlässig ungeklärt. Vor einem Vierteljahrhundert war das Haus ein ganz großer Wurf für Berlin. Hier gab es die spektakulärsten Ausstellungen internationaler junger Kunst. Hier wurde der Preis der Nationalgalerie ins Leben gerufen. An den einstigen Kopfbahnhof wurden die Rieck-Hallen für die Dauerschau der Sammlung Flick angebaut. Signale an die Welt, dass Berlin unter den Kunstmetropolen mitzumischen imstande ist.

Inzwischen hat Flick seine Dauerleihgaben abgezogen, der Abriss der Rieck-Hallen konnte gerade noch abgewendet werden durch ein Abkommen für einen geplanten Grundstückstausch zwischen dem Land Berlin und der Wiener Grundstücks-Eignerin CA Immo, die auf dem Gelände Eigentumswohnungen baut. Aufatmen. Ungeklärt ist aber, ob es einen gleichen Deal für das Areal geben könnte, auf dem das Museum Hamburger Bahnhof steht. Auch das gehört dem österreichischen Immobilienkonzern. Doch in diesem Fall müsste der Bund tauschen oder gar kaufen.

In der imposanten einstigen Bahnhofshalle hat Gabriele Knapstein die Ausstellung „Church for Sale“ mit Werken der Sammlung Haubrok sowie einigen korrespondierenden Arbeiten aus dem Bestand des Hauses kuratiert. Die Metaphorik des Unbehagens, das sich einstellt beim Anblick des Flugzeug-Monstrums am Eingang, setzt sich drinnen fort. So mit der 2013er Bildserie von Edgar Arceneaux: Lauter gemalte Anzeigetafeln aus der vom finanziellen Bankrott bedrohten US-Stadt Detroit. Zum Verkauf angeboten werden Kirchen- und letztlich auch Gemeinschaftsräume.

Gegenüber greift die von Arno Brandlhuber entworfene Ausstellungsarchitektur die Situation auf. Die Hallenwand ist versperrt mit Bauverschalungen. Metergenau markieren die grauen Platten die Baugrenze des Areals sowie die bisherigen Bebauungspläne des Immobilienkonzerns, welche die historische Bahnhofshalle von Norden nach Süden in zwei Teile zerschneidet. So steht die Frage im Raum: Welcher Platz bleibt der Kunst in der ungeklärten Zukunft des Museums?

Werke aus der Sammlung Haubrok – mit großen Namen wie etwa Bruce Nauman, Tom Burr, Santiago Sierra, Kara Walker, Jenny Holzer, Cady Noland, Alfredo Jaar – sind im besten Sinne aus einer gesellschaftlich engagagierten, politischen Weltsicht heraus zu verstehen. Es ist eine alles Liebliche und Scheinschöne vermeidende Kunst, die sich gegen Gewalt und Aggression, gegen Ausgrenzung und mangelnden Schutz von lebensrelevanten Gemeingütern richtet. Rodney McMillians „18 Boxes“ versperren in der Halle den Weg. Es sind aus Wellpappe und Panzerband gebaute „Särge“. Ursprünglich Verpackungen aus der Konsumgüter-Industrie, erinnern sie an die Opfer von Polizeigewalt, an die Black-Lives-Matter-Bewegung. Das Sperrige, Lapidare ist typisch für die Sammlung Haubrok. Die Französin Claire Fontaine hat einen blauen Kinderanorak über einen Straßenpoller gehängt: Die Frage nach dem ungewissen Schicksal von Millionen Kindern in dieser Welt steht als Schmerz-Signal im Raum.

Die Konsequenzen enthemmter Machtpolitik, des Neo-Kolonialismus, der bedenkenlosen Ausbeutung der Natur-Ressourcen sind Leitfaden durch die Ausstellung „Nation, Narration, Narcosis“, kuratiert von Anna Catharina Gebbers in einer Kooperation mit südostasiatischen Museen in Indonesien, Thailand und Singapur. Der Parcours über zwei Stockwerke des Westflügels vereint Werke aus dem 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Die Arbeiten befassen sich mit oft fatalen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Was zunächst irritiert, erweist sich bald als dringliche Mahnung: Wir leben alle in einer Welt. Und alles hängt mit allem zusammen. Man erkennt den universalen Zusammenhang mit Hauptwerken des Propheten der „Sozialen Plastik“ Joseph Beuys. Seine Basalt-Brocken „Das Ende des 20. Jahrhunderts“, die Fett-Felsen „Unschlitt Tallow“ fungieren wie Kettenglieder zwischen den Werken aus Jakarta, Chiang Mai, Bangkok und Singapur, zwischen dem Video von Natasha Tontey aus Jakarta über eine heilige Basalt-Stein-Zeremonie, die vor Krankheit, Krieg und Missernte bewahren, den Menschen Liebe bringen soll.

Der bewegende Film des jungen Thai Korakrit Arunanondchais erzählt eine Geschichte vom Sterben. Ein Song begleitet den behutsamen Abschied der Familie, die Trauer-Zeremonie, den selbstverständlichen, würdigen Umgang mit dem Tod. Ansatzlos stellt sich die beschämende Erkenntnis ein, wie sehr die zum Leben doch dazugehörende Endlichkeit in unserer modernen Gesellschaft aus dem Bewusstsein hinausgedrängt und an anonyme Dienstleister übergeben wird.

Den stärksten Eindruck hinterließ bei mir die Konstellation von Joseph Beuys’ Installation „Richtkräfte einer neuen Gesellschaft“, dieses Werk für Erkenntnis, Energie und Spiritualität, und der Videobilder von Tita Salina aus Jakarta: Die Schiefertafeln weisen auf Fischer hin, die aus dem Ozean statt der Fische, ihrer Nahrungsgrundlage, Unmengen von Plastik-Müll fischen.

Unendlich weit weg vom reichen Europa entscheidet sich auch hier die ökologische Zukunft der Erde.

Hamburger Bahnhof Berlin: „Church for Sale“, bis 19. Juni 2022 und „Nation, Narration, Narcosis“, bis 3. Juli. www.smb.museum

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