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Flaka Haliti, „Its urgency got lost in reverse“, 2018.

Junge Kunst

Hamburger Bahnhof Berlin: Science-Fiction und Blutwurst

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Im Hamburger Bahnhof Berlin beginnt die Kandidatenschau zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst.

Drei junge Europäerinnen und ein Mann mit japanischen Wurzeln – alle noch unter 40 und sämtlich mit Ateliers in Deutschland: Das ist das Kandidaten-Quartett.

Eine namhafte und wie man im Museum Hamburger Bahnhof betont, strenge internationale Jury setzte diese vier auf die Shortlist für den alle zwei Jahre ausgeschriebenen Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Und nun beginnt der Countdown. Am 12. September, mitten in der Berlin Art Week, bestimmt eine weitere Jury die Gewinnerin oder den Gewinner. Und die oder der darf sich dann alles nehmen – und zwar bargeldlos, wie schon seit Jahren üblich bei diesem von den Freunden der Nationalgalerie und dem Sponsor BMW ermöglichten Preis, der vormals mit 50 000 Euro dotiert war. Aber das Bare war bisherigen Preisträgern nicht so wichtig. Vielmehr das, was nach der Verleihung folgt: Der Zugang zum weltweiten Kunstbetrieb, zum Markt. So winken dem Sieger Ruhm, eine große Ausstellung mitsamt Katalog in einem Haus der Nationalgalerie. Als Startrampe.

Zunächst aber nehmen sich die vier mit souveräner Geste den Berliner Museumsraum Hamburger Bahnhof, oben im Westflügel. Erobern ihn sich im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum ein Fleckchen bleibt kahl bei diesen gewaltigen Installationen aus Objekten, Skulpturen, Wandzeichnungen, Computertechniken und Monitoren. Und es ist keine tonlose Ausstellung. Alle Raumarbeiten der vier Preisbewerber sind durchzogen und überlagert mit jeweils sehr speziellen Sounds.

Es gibt für dieses Wetteifern um einen der begehrtesten Kunstpreise im deutschsprachigen Raum kein übergreifendes Motto. Jede(r) der vier verfolgt ein ganz spezielles Thema für sein jeweiliges Raumkunstwerk. Da aber auch Künstlerinnen und Künstler des 21. Jahrhunderts noch immer Kinder ihrer Zeit auf diesem Planeten Erde sind, sieht, erfährt, spürt und hört der Betrachter, wie sehr Geschichte und Gegenwart, Utopien, Emotionen, Obsessionen, Ängste, gesellschaftliche Zustände und außerdem der wissenschaftlich-technische Fortschritt die Bildsprache bestimmen.

Krieg und Frieden, Flucht und Vertreibung, Grenzen und deren Durchlässigkeit, dazu eigene schlimme Erlebnisse im Kosovo fasst Flaka Haliti aus Pristina in deckenhohe Zeichnungen. Aus Hinterlassenschaften im Feldlager der Kfor baute sie Maschinenwesen, Frau und Mann, über ihnen Lungenflügel auf Plexiglas, die Flügel des gestürzten Ikarus. Aber die metaphorischen Gestalten sind tatenlos. War die Mission vergebens? Simon Fujiwara aus London setzte eine hyperreale Wachsskulptur, unverkennbar Anne Frank beim Verfassen ihres Tagebuchs, an einen Tisch im Amsterdamer Versteck. Eine Kopie der Figur im Berliner Kabinett der Madam Tussaud. Eine Kamera auf einem Videoarm erforscht zudringlich per Video die ebenso zudringlichen Blicke der Besucher auf die Replik des 1945 im KZ Bergen-Belsen umgekommenen jüdischen Mädchens.

Pauline Curnier Jardin aus Marseille, die nächste im Bunde, verbindet in ihrer bühnenartigen Rauminstallation aus Wandbildern und Großvideos dramatische Elemente des Theaters und Erzählkinos. Es geht um surreale Obsessionen, Gewalt – und Lächerlichkeit: Ein Metzger wird dabei Opfer seiner eigenen Blutwurst, ein Wärter im Weiberknast zum hohn- und spottverdienenden Voyeur alter masturbierender Insassinnen.

Liebling eines jungen Publikums könnte Katja Novitskova aus Tallinn mit ihrer Bildsprache der „Post-Internet Art“ werden. Sie baute ein beklemmend schönes Labor auf, darin schier irreale Computer-Wesen, halb technoid, halb biomorph, ein Science-Fiction-Raum voller Sphärenklänge. Die Estin Novitskova thematisiert damit auf faszinierende Weise neueste Forschungen der Biotechnologie. Ihre Gebilde ziehen einen so sehr in den Bann, dass sich ethische Fragen erst beim Verlassen des Raumes stellen.

Termine

Hamburger Bahnhof, Berlin: Bis 16. Februar. Zugleich sind die Bewerber-Arbeiten für den Förderpreis für Filmkunst zu sehen, den die Nationalgalerie seit dem Jahr 2011 gemeinsam mit der Deutschen Filmakademie verleiht.

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