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Blick in die Rotunde der Schirn.
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Blick in die Rotunde der Schirn.

Schirn

Der Halley’sche Kosmos

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Subversiv ist das, was Peter Halley jetzt mit Frankfurts Kunsthalle Schirn angestellt hat. Seine Installation reflektiert die Reizüberflutung durch die Medien und die Zumutungen einer durchdigitalisierten Welt.

Die Sonne, weil sie kaum etwas auslässt, steht auch über Frankfurts Schirn als einmalige Lichtquelle. Doch dermaßen gelb, so kunstgelb hat sich die Rotunde noch nie dargestellt. Wo bisher sandfarbener Naturstein der Konstruktion des Eingangsbaus vorgeblendet wurde, blendet jetzt schrilles Gelb. Und je intensiver die Sonne hineinscheint, desto stärker wird das Rund entflammt. Dass die Schirnrotunde so gesehen wird, liegt an einem Eingriff Peter Halleys.

Basiert auf einer „Halley’schen Komposition“, wie Max Hollein es als Kurator ausdrückt, mit der sich der Schirndirektor von seinem Museum verabschiedet. Für seine Schirn-Komposition hat der 62-jährige Halley den Boden des Übergangsraums gelb streichen lassen und die umlaufenden Fenster mit gelber Folie verkleiden lassen, mit Digitaldrucken seines „Explosionsmotivs“.

Selbst an einem trüben Tag glimmt die Rotunde, von der sich der Künstler verspricht, dass sie auch entflammt. So wie auf der Fotogalerie, über die Halley auf seinem Handy wischt. Das gefilterte Licht soll den zylindrischen Baukörper glühen lassen, hoffentlich auch am längsten Tag des Jahres, zur Sommersonnenwende. Der New Yorker meint das keinesfalls esoterisch – vielmehr reflektiert seine Frankfurter Installation die Reizüberflutung durch die Medien und die Zumutungen einer durchdigitalisierten Welt kritisch.

Seit den 1980er Jahren ist Halley von seinen „Gefängnis“- und „Zellen“-Arbeiten nicht abgekommen, eingestandenermaßen beherrschen seine „Prisons“ und „Cells“ sein Werk in „obsessiver Wiederholung“ – so auch im ersten Geschoss der Schirn, im Rotundenumgang, unter ultraviolettem Licht, die Wandfläche. Der Rundgang, eine hermetische Promenade, ist eine im Kreis, vorbei an denjenigen Fenstern, die gelb in den Innenraum der Rotunde pulsieren. Hier, aus der Innenwelt, verweigern die Folien den Ausblick in den Außenraum. Immer schon regelrecht ein Rätsel: die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.

Wer den Halley’schen Kosmos betritt, sieht sich ausgesetzt auf abstrakten Terrain – und konfrontiert mit den Herausforderungen der Abstraktion. Früh schon hat Halley auf den Doppelcharakter der Geometrie als Orientierungsangebot und Ordnungsprinzip hingewiesen. Ganz recht, bestätigt Halley, angesichts der Schirnrotunde sei ihm der Gedanke an das Panoptikum nicht mehr aus dem Kopf gegangen, mit ihm die Architektur eines Rundbaus, in der ein Michel Foucault den Baukörper der perfekt gemachten Überwachung ausmachte.

Halleys komplexe Installation greift in viele Richtungen assoziativ aus. So stellt er nicht zuletzt einen Link her zum Cern, angefangen mit der phonetischen Verwandtschaft, die Schirn und Cern im Englischen aufweisen. Zugleich macht er eine Verwandtschaft zwischen dem Zylinder des Schirneingangs und der des Teilchenbeschleunigers in Genf aus. So wie das Tageslicht die Rotunde auflädt, so möchte er seine gesamte Installation aufgeladen sehen, als Bannkreis der Euphorie, zugleich einer der Beklemmung.

Für den ringförmigen Korridor im zweiten Geschoss der Schirn hat er einige seiner Skizzenbücher großformatig auf die Wand reproduzieren lassen, „ein besessenes Schaffen von Aufzeichnungen“, mit der er Zellen und Gefängnisse in abstrakten Umrissen festgehalten hat – die sich, bei aller Skizzenhaftigkeit, nicht mehr, wie noch vor 20 Jahren, als Baukörper ansehen lassen, sondern als die Baupläne einer Welt des Digitalen.

Mit der durch die Schirn angelegten Promenade wird der Besucher durch einen schmalen Korridor geschleust – durch Halleys Mikrokosmos der vergitterten Rechtecke und Quadrate. Wenn sich dieser schließlich in einem Raum weitet, dann, um den Besucher mit einem für Halley richtungsweisenden Gemälde zu konfrontieren, seinem „rechtwinkligen Gefängnis“, obendrein mit seiner Videoarbeit, „Exploding Cell“, seiner digital animierten Explosion einer Zelle, schon 1983.

Isolierung, Gefangenschaft, Kontrolle, erzählt Halley bemerkenswert zurückhaltend, geradezu höflich, schlage sich nieder in greifbaren Räumen und virtuellen Netzen. So wie Halley Geometrien begreift, sind sie nicht neutral, vielmehr dystopische Weltordnungen. Dennoch die Anstrengung einer Überschreitung – und das dann nicht ohne Humor.

So wirft die Sonne, da ihr kaum etwas verborgen bleibt, auf die streng abgezirkelte Rotunde der Schirn nicht etwa starre Schatten – vielmehr organische! Zu sehen sind bauchige Schattenlinien, verzerrte, trotz der gerasterten Folie, die Halley unter die Kuppelkonstruktion hat spannen lassen. Was an ihr auf durchexerzierter Geometrie basiert und zu strenger Symmetrie geronnen ist, versetzt der Einfall der Sonne in asymmetrische Linien.

Das ist ein subversiver Effekt einer Installation. So kritisch die Haltung Halleys gegenüber einer Netzwelt, die die Bedürfnisse ihrer Kunden durch Algorithmen ermittelt, ausspäht, manipuliert – mit dem Netz, das er unter die Kuppelkonstruktion der Schirnrotunde gespannt hat, scheint er die mächtigste Macht unseres Kosmos zu einem Komplizen gemacht zu haben. Der Halley’sche Schirnkosmos: ein Spielfeld der Sonneneinstrahlung. Man muss diesen transitorischen Raum nicht mehr nur immerzu queren. Man darf hier, Teilchen der Schirn bereits, nun auch zögern, innehalten, sich besinnen. In einem Energiefeld aus Kunstgelb wird der zylindrische Bau zu so etwas wie einem Besinnungsbeschleuniger.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis zum 21.August.

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