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Picasso als Häuptling - eine Aufnahme von David Douglas Duncan
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Picasso als Häuptling - eine Aufnahme von David Douglas Duncan

Picasso in Köln

Halbgott in Badelatschen

Mysterium Picasso: Eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig zeigt den Jahrhundertmaler im Fotoporträt, so wie er sich gesehen hat - als Ausnahmemensch jenseits gesellschaftlicher Konventionen.

Von Manfred Schwarz

Seit Michelangelo träumten die Künstler davon: Zu den ganz Großen dieser Welt zu gehören, zu den Extraordinären. Nicht nur Ruhm und Reichtum zu erwerben, wie ein strebsamer Bürger. Sondern mehr zu sein als ein Normalsterblicher, aus der Masse herauszuragen, als Heiliger vielleicht, als Märtyrer oder Magier. Im „Jüngsten Gericht“ der Sixtinischen Kapelle, wo er sich kühn, ja schrill als Gemarterter verewigt, stimmt Michelangelo diesen lange nachhallenden Orgelton an. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Pablo Picasso dann all diese Träume wahr gemacht, in seinem geradezu mythischen Dasein an der französischen Riviera.

Natürlich war er da längst reich und weltberühmt. Zugleich aber trat er auf wie ein veritabler Fürst aus alten Zeiten, stets umgeben von einem mehrköpfigen Gefolge aus dienstbaren Geistern und devoten Verehrern. Demonstrativ nahm er für sich heraus, als Ausnahmemensch nicht den Konventionen unterworfen zu sein, und präsentierte sich bevorzugt mit nackter Brust und Badelatschen statt in Gesellschaftskleidung; den alten Picasso kennen wir vor allem in Unterhosen. Unmissverständlich aber wird sein außergewöhnlicher, geradezu königlicher Rang in den Momenten, wo er seine Rechnungen nicht mit Geld begleicht, wie ein Normalsterblicher, sondern mit einem Wink seiner Hand, mit einer flüchtig aufs Papier geworfenen Zeichnung. Sein Schneider in Nizza etwa konnte damit eifrig die Galerien beliefern.

Picasso: Mythos und Folklore

Diese mythische Erscheinung Picassos, die längst Folklore geworden ist, die letztlich wirkmächtiger und weiter verbreitet ist als all seine Werke, überliefert uns vor allem die Porträtfotografie: Hier wird das Bild fabriziert, das wir bis heute von ihm als ebenso außerordentlichen wie exemplarischen Schöpfer haben.

Wenn jetzt also das Museum Ludwig in Köln eine große Auswahl fotografischer Aufnahmen Picassos versammelt – sie stammen aus einem Zeitraum von weit mehr als einem halben Jahrhundert, ihr Schwerpunkt liegt natürlich in den an der Riviera verbrachten Jahren seit dem Ende des Kriegs –, so wird hier mitnichten Nebensächliches geboten. Diese Fotos erlauben nicht nur einen Blick auf die Schauplätze, wo Picasso lebte, und auf die Menschen, mit denen er sich umgab: Sie fügen sich zu einer großen Erzählung zusammen, der größten und eindringlichsten wohl überhaupt, die uns von der Kunst des 20. Jahrhunderts überliefert ist.

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Im Großen und Ganzen erzählen diese Dokumente ein modernes Märchen, das uns deshalb so ungemein fasziniert und nie ermüdet, weil seine Heldenfigur genauso ist, wie wir sie uns, seit Michelangelo, insgeheim erträumen: Sie besitzt magische, schier übermenschliche Schöpferkräfte, und sie vermag sogar fast die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Die Legende vom Jahrhundertmaler Picasso nimmt in diesen Fotos sinnfällige Gestalt an. Unentwegt und scheinbar nie angestrengt sieht man ihn seine so teuren Meisterwerke am Fließband produzieren, mit den Fischgräten auf seinem Teller, mit dem Schrott in seinem Atelier oder mit dem Sand am Strand.

Possen und Maskenspiele

Immerzu ist Picasso zu Possen, zu Maskenspielen aufgelegt – spielerisch, mühelos bewegt er sich durchs Dasein. Außerdem ist er noch bis ins allerhöchste Alter so vital und potent – von seinen kleinen Kindern und drallen Strandschönheiten meist umgeben –, dass man unweigerlich an eine Götterfigur aus der griechischen Mythologie denken möchte. Durch seinen nackten Oberkörper, durch die Sandalen, die kurzen Hosen, die er immerzu trägt, durch seine Existenz an der Meeresküste wird diese antikische Anmutung des Künstlers noch unterstrichen. Wir blicken auf einen ewig heiteren, ewig sonnengebräunten Olympier. Der unermüdlich schöpferische Picasso ist zugleich Held der Arbeit und Vertreter der beneideten Leisure Class, ein Mitglied des internationalen Jetsets, der sich in diesen Jahren ja ebenfalls, mit und um den berühmten Maler, die Cote d’Azur zum Jagdrevier erwählt, als Gegenwelt zum tristen Alltag.

So findet man unter den 250 Fotos der Schau, die zwischen den frühen Pariser Boheme-Jahren Picassos und seinem Lebensabend im klösterlich anmutenden Domizil von Mougins entstanden, zwar ein reiches und teils auch überaus markantes Anschauungsmaterial. Aber man hat doch hier stets den Eindruck, dass die entscheidenden, die wirklich epochalen Aspekte an den Porträtaufnahmen Picassos von den Ausstellungsmachern irgendwie übersehen wurden. Zwar mag man sich darüber freuen, dass viele der größten Fotografen des 20. Jahrhunderts mit bekannten oder weniger bekannten Picasso-Porträts vertreten sind; der Bogen spannt sich von Man Ray und Brassaï über Cecil Beaton und Robert Doisneau bis zu Irving Penn und Robert Capa. Aber die für das mythische Bild Picassos eminenten Fotografen David Douglas Duncan, Edward Quinn oder Lucien Clergue etwa, die Picasso im Lauf vieler Jahre aus intimster Nähe und aus dem täglichen Umgang ablichteten, bleiben hier eher Randfiguren: Offenbar weil man in ihnen keine allzu großen Fotokünstler sieht.

Der Künstler als Ausnahmemensch

Dabei machen gerade ihre Aufnahmen, die in zahllosen Illustrierten und Bildbänden zu Lebzeiten Picassos verbreitet wurden, dass es sich bei dem in den Fotografien ausgiebig zelebrierten sagenhaften Künstlertum Picassos eben nicht in erster Linie um die strategisch gelenkte Selbstdarstellung des Malers handelt, wie es in der Ausstellung allzu voreilig heißt. Sondern vielmehr um die Erfüllung eines alten und überaus naiven Wunschtraums vom Künstler als Ausnahmemenschen, der mit Michelangelo und der Renaissance beginnt.

Es sind jene Fotografen wie Quinn oder Duncan, die gar nicht anders wollen, auch nicht anders können, als Picasso gemäß jener latenten Sehnsüchte und Vorstellungen zu inszenieren. Das bewegendste und schillerndste Picasso-Bild stammt also nicht vom Meister selbst. Es handelt sich, im tiefsten Sinne, um eine Gemeinschaftsarbeit.

Museum Ludwig in Köln, bis 15.Januar. Der Katalog kostet 34 Euro.

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