Julius von Bismarck, "Landscape Painting (Desert)", Filmstill, 2015.
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Julius von Bismarck, "Landscape Painting (Desert)", Filmstill, 2015.

"Nach der Natur"

Haarspray für den Samenschopf

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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"Nach der Natur", eine staunenswerte Ausstellung im Sinclair-Haus in Bad Homburg.

Darf man in diesem Raum als Besucher kräftig atmen? Schnaufen? Husten? Gar niesen? Letzteres könnte zum Problem werden, lässt sich aber im Fall einer Blütenstauballergie wohl kaum vermeiden. Das Kunstwerk, das hier fast den ganzen Boden einnimmt, trägt den Titel „Blütenstaub von Kiefern“, befindet sich derzeit in einem eigenen kleinen Raum des Bad Homburger Sinclair-Hauses und ist genau das: Mittelgelber Blütenstaub auf einer dunklen (Metall?-)Platte. An der Wand hängt der ausdrückliche Hinweis, dass der Blütenstaub nicht fixiert ist. Seltsamerweise hat die Besucherin sofort auch das Gefühl, sie müsste leise auftreten, was natürlich Unsinn ist.

Das Sinclair-Haus, üblicherweise mit Werken aus der Sammlung der Altana-Kulturstiftung bespielt, kooperiert diesmal außerdem mit der Offenbacher Hochschule für Gestaltung; einige Studenten des „Lehrgebiets Visualisierung und Materialisierung“ konnten Arbeiten beisteuern zur Ausstellung „Nach der Natur – Material, Form, Struktur“. Zum Beispiel Schalen aus hauchdünnen Blätterrippen oder „Ceramic Woods“, gleichsam keramisierte Holzstücke.

Echtes Holz kommt auch bei Peter Emch ins Spiel, beziehungsweise zum Druck – Werktitel „Lothar“: Am 26. 12. 1999 entwurzelte Orkan Lothar auch im Züricher Rieterpark einige sehr alte Bäume, etwa eine Stieleiche. Emch bat das Gartenbauamt, ihm dünne Scheiben aus den Stämmen zu schneiden. Die von ihm geschliffenen, gebürsteten Scheiben machte er dann zum Druckstock und zum Thema. Auf den Drucken kann man, Geduld vorausgesetzt, die Jahresringe zählen. Sie sind das charakteristische, individuelle Profil eines Baumes und einem Fingerabdruck nicht unähnlich. Fast möchte man es als Gesicht des Baumes bezeichnen.

Während die „Lothar“-Arbeiten Emchs traditionell an der Wand hängen, wachsen bei Giuseppe Licaris „Humus“ drei mächtige Wurzelstöcke aus der Decke. Man ist aufgefordert, sich vorsichtig zwischen ihnen zu bewegen, denn einzelne Wurzeln greifen weit aus – unter Umständen auf Augenhöhe. Man kann sich zwischen ihnen als Maulwurf fühlen, allerdings mit weit besserem Überblick. 

Obwohl in der Altana-Sammlung Foto- und Videoarbeiten dominieren, ist diesmal nur ein Video zu sehen. Julius von Bismarck hat es „Landscape Painting“, Landschaftsmalerei genannt, was absolut wörtlich zu nehmen ist: Ein Stück Wüstenlandschaft wurde von Arbeitern mit weißer Acrylfarbe grundiert, danach hatten sie den Auftrag, Kakteen und Felsen nach der Erinnerung wieder möglichst naturgetreu anzustreichen. Steigt man zufällig gegen Ende des Videos ein, sieht man nur ein völlig unauffälliges Wüstenstillleben. Der dann schon erfolgte, ziemlich brachiale menschliche Eingriff ist – aus einer gewissen Entfernung – weder auf den ersten noch zweiten Blick sichtbar. 

Bei vielen der für „Nach der Natur“ ausgewählten Arbeiten entspringt das Staunen des Ausstellungsbesuchers aus ihrer Fragilität. Silberpappelblätter hat Werner Henkel eng gerollt und zur kleinen Armee gestellt, eine pyramidenartige Formation aus Wiesenlieschgras-Ähren gebaut. Noch winziger und zerbrechlicher ist das Material, das Angela M. Flaig benutzt: Distelsamen zum Beispiel, trockene Löwenzahnköpfe mit ihrem zarten Samenschopf. Nicht weggeweht werden die Samen – die etwa einen großen Quader bilden – durch ein bisschen Haarspray, aber vor allem eine Verzahnung untereinander, wie im Beiheft zur Ausstellung erklärt wird. 

Man stellt sich die Künstlerin vor, wie sie durch Feld und Flur streift und ihr Material in einem zuletzt immer noch federleichten Sack sammelt. Im Vergleich dazu muss Mario Reis für seine „Naturaquarelle“ zwar weit reisen – zu Flüssen auf der ganzen Welt. Hat er einen mit Baumwollstoff bespannten Rahmen aber erstmal ins Wasser gehängt, geht es schnell. Die Strömung malt mit den in ihr enthaltenen Erdpartikeln binnen Minuten „Aquarelle“ (ihr Entstehungsort ist jeweils angegeben) in allen Schattierungen zwischen Schwarzgrau und Orangerot, Bären-, Schokoladen- und Schlammbraun. „Erdfarben“ kann, so sieht man hier, ein betörend weiter Begriff sein. 

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