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Willi Sitte, „Meine Eltern von der LPG“, 1962.
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Willi Sitte, „Meine Eltern von der LPG“, 1962.

Retrospektive

Willi-Sitte: Guter Künstler, schlechter Mensch?

  • VonIngeborg Ruthe
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An der Hallenser Willi-Sitte-Retrospektive scheiden sich abermals die Geister. Der ehemalige Staatsmaler der DDR hat seine Biografie ein wenig frisiert.

Halle - Willi Sittes Malerei wurde zu DDR-Zeiten gelobt und abgelehnt, verstanden und verspottet. Und doch waren die Bilder Standardwerke des Realismus. Mit der Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg Halle zum 100. Geburtstag, in der Stadt, in der Sitte lebte, glüht der abgeebbte Diskurs um den „Staatsmaler“ und die Kunst der DDR wieder auf. Das war zu erwarten, angesichts des Bilderberges, betitelt als „Sittes Welt“. Vor genau 50 Jahren hatte das Haus dem Maler die Schau zum 50. Geburtstag ausgerichtet. Damals raunte der Volksmund über die prallen Figuren: „Lieber von der sozialistischen Arbeit gezeichnet, als von Sitte gemalt.“

Jetzt füllen sie die Wände, diese kraftstrotzenden, sinnlichen Proleten, die Chemiearbeiter und Bergleute, all die zupackenden, nackt duschenden, sich orgiastisch liebenden ganzen Kerle und Wuchtbrummen einer besseren Welt, die „die Sieger der Geschichte“ sein sollten.

Willi-Sitte-Retrospektive in Halle: Wieder einmal ist vom „Staatskünstler“ die Rede

Und einmal mehr scheiden sich davor die Geister im deutschen Bilderstreit. Einmal mehr ist wieder vom „Staatskünstler“ die Rede, denn Willi Sitte gehört zu den prominenten Malern der DDR, dem die Stadt Nürnberg im Jahr 2001 die schon vorbereitete Retrospektive verweigerte, weil die Bilder ideologisch „kontaminiert“ seien.

Die Hallenser Ausstellung bietet erstmals seit der Wiedervereinigung einen umfassenden Überblick über Weg und Werk dieses exponiertesten Repräsentanten des offiziellen Kunstsystems DDR. Auf 1500 Quadratmetern ist ausgebreitet, was der ostdeutsche Kurator Paul Kaiser und der westdeutsche Kunsthistoriker Eckhard Gillen dem Publikum zur Ansicht und zur Bewertung stellen: Sitte als personifizierter Zwiespalt, eigenwilliger Figurenmaler, begnadeter Zeichner – und ein von den zur D-Mark strebenden Proletariern enttäuscht-wütender Kommunist.

Die Arbeiten Willi Sittes (v.l.) „Katastrophe“, „Philosoph“, „Sirenen“ (r. oben) und „Schlangenform“, alle von 1949, sind während einer Vorbesichtigung im Kunstmuseum Moritzburg zu sehen. Anlässlich des 100. Geburtstages des Künstlers öffnet die Schau am Sonntag (03.10.2021) unter der Überschrift „Sittes Welt. Willi Sitte: Die Retrospektive.“

Die Hängung belegt den Weg des Malers, die Brüche: Deutlich sehen wir in frühen Bildern Einflüsse von Picasso. Frauenbilder gleichen den Gertrude-Stein-Motiven des Spaniers. Der mythologische „Raub der Sabinerinnen“ hat kubistische, auch surreale Anklänge, andere Motive fast religiöse, so die Ecce-Homo-haften „Lidice“-Studien, 1956, und das Bild „Meine Eltern“ ist an Otto Dix’ Verismus orientiert.

Collage galt im Stalinismus als „formalistisch“

„Leuna II“ aus der Nationalgalerie zählt unbestritten zum Wichtigsten, was deutsche Nachkriegsmalerei hervorgebracht hat. Aber die fast abstrakte Mal-Collage „Rufer I“ gibt es nicht mehr. Collage galt im Stalinismus als „formalistisch“. Sitte übermalte das Selbstbild 1964 mit der neuen – proletarischen – Fassung. Das war auch Arbeit am Ich, denn er wollte den Vorwurf ausräumen, seine Menschenbilder schauten nicht optimistisch genug in die sozialistische Zukunft. Die allmächtige Partei zeigte ihre Instrumente, als er verzweifelt versuchte, sich das Leben zu nehmen. Er unterwarf sich, übte öffentlich im „Neuen Deutschland“ „Selbstkritik“.

Wohl zu diesem Zeitpunkt wertet er seine Biografie als Deserteur der Wehrmacht in Italien auf, stilisiert seinen „Partisanenkampf“ bei den Garibaldi-Truppen, wo er in Wahrheit nur zwei Wochen beteiligt war, vor der Kapitulation der Deutschen in Italien.

Willi Sitte brach mit allen „westlichen“ Stilismen

Dieses Aufpolieren der Legende haben die Ausstellungsmacher um Paul Kaiser jüngst bei ihren Nachforschungen herausgefunden. Hier drängt sich einem eine seltsame Parallelität auf. Auch Joseph Beuys, die große Figur der westdeutschen Nachkriegskunst, hat seine Biografie aufgebauscht und aufgeladen mit dem wirkmächtigen Mythos der Krimtataren als Lebensretter, den fortan als Reliquien eingesetzten Naturstoffen Filz, Fett und Honig.

Willi Sitte agierte prosaischer, brach mit allen „westlichen“ Stilismen, widmete sich fortan den sozialistischen Programmbildern – und seiner Karriere, der Anerkennung durch die Machthaber, die ihn 1977 sogar an der Documenta 6 in Kassel teilnehmen ließen, zusammen mit Kollegen wie Heisig, Mattheuer, Tübke. Der von der SED-Kunstpolitik akzeptierte stilistische Bezug zu den Körperformen Rubens’ und der expressiv-fleischlichen Farbästhetik eines Corinth wurde sein Markenzeichen.

Kunstmuseum Moritzburg, Halle (Salle)

Austtellung bis 9. Januar 2022. Das Buch zur Ausstellung: „Willi Sitte. Maler und Funktionär. Eine biografische Recherche“ (Thomas Bauer-Friedrich/Paul Kaiser) kostet im Kunstmuseum Moritzburg 27 Euro.

Infos im Netz: www.kunstmuseum-moritzburg.de

In Sittes Kunstbegriff spielte die barocke Neigung zum nackten Fleisch in seiner unter Erich Honecker exponierten Funktion eine so ästhetische wie ideologische Rolle. Revolutionäre Kraft kannte bei Sitte keine Tabus, auch nicht das Sexuelle. Aber der Prager Frühling war für ihn Konterrevolution. Und sein einstiger Freund Wolf Biermann wurde ihm zum Feind. Mancher Künstler, der das Land im Zorn verließ, weil er nicht eingeengt arbeiten wollte, gab dem linientreuen Künstlerverbands-Chef einen Teil der Schuld.

In Halle sehen wir den ganzen Willi Sitte. Die Bilder, die Dokumente, das Buch zur Ausstellung antworten auf die Frage des Jahrzehnts: Können wir Werk und Künstler noch trennen? Gerade forscht und gräbt der Kulturbetrieb nach dem Paradoxen, dem Geheimen, dem Bösen in Leben und Kunst mächtiger Berühmtheiten. Wahrscheinlich aber ist die Suche nach einem guten Menschen hinter einem großen Werk ein Holzweg. Marx behauptete, der Mensch sei das Produkt seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Max Liebermann sagte: Jeder Künstler ist ein Kind seiner Zeit.

Kunstmuseum Moritzburg, Halle (Salle): bis 9. Januar 2022. Das Buch zur Ausstellung: „Willi Sitte. Maler und Funktionär. Eine biografische Recherche“ (Thomas Bauer-Friedrich/Paul Kaiser) kostet im Kunstmuseum Moritzburg 27 Euro. (Ingeborg Ruthe)

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