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Zurückhaltend in Wasserstrichziegeln: Der Neubau des Kunstmuseums Basel.
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Zurückhaltend in Wasserstrichziegeln: Der Neubau des Kunstmuseums Basel.

Kunstmuseum Basel

Ein guter Auftritt der Architektur

Der Erweiterungs-Bau des Kunstmuseums in Basel wird heute mit einer Skulpturenschau eröffnet.

Von Peter Iden

Der Ruhm, eine Stadt des öffentlichen Interesses an der Kunst zu sein, datiert von länger her. Anlässlich der Eröffnung des neuen Hauses, das die Ausstellungsfläche des Basler Kunstmuseums um ein Drittel erweitert, ist daran erinnert worden, dass die nachmalige Stadtregierung die erste öffentliche Kunstsammlung der Welt anlegte, als sie 1661 den Verkauf ins Ausland der Bestände im Besitz der Basler Familie Amerbach verhinderte, indem sie selbst kaufte, um die Erwerbungen dann öffentlich zu präsentieren.

Drei Jahrhunderte später gelang es dem Konservator Arnold Rüdlinger, vermittelt durch seine Verbindung mit dem kalifornischen Maler Sam Francis und mit Hilfe von mäzenatischen Zuwendungen, dem Basler Haus als erstem Museum in Europa Hauptwerke von Mark Rothko, Barnett Newman, Clifford Still und Franz Kline zu sichern. Auch zwei großformatige Bilder von Sam Francis im Treppenhaus ergänzten seitdem dieses einzigartige Ensemble von Belegen für eine neuen Kunststil. Es war bald darauf der Direktor Franz Meyer, dem 1968 ein nächster Coup glückte, als er den bürgerlichen Kunstsinn derart stimulierte, dass zwei Werke Picassos durch eine öffentliche Sammelaktion für Basel erhalten werden konnten. Was dann Picasso veranlasste, dem Museum großzügig weitere Bilder zum Geschenk zu machen.

In Gang gesetzt wurden diese Initiativen nicht vordringlich aus Gründen der Mehrung des Prestiges der Institution Museum, sondern weil bestimmte Werke der Kunst für den argumentativen Schub sorgten. So auch jetzt wieder im Fall des Erweiterungsbaus. Zum einen ließen sich in dem Altbau die Bestände der Sammlung dem Publikum nicht mehr hinreichend vorführen – die Direktion spricht von nur fünf Prozent, wobei allerdings der enorm angewachsene Besitz an Graphik in den Gesamtbestand eingerechnet ist. Zum anderen waren die Voraussetzungen für Wechselausstellungen unzulänglich, ohne die heute kein Museum auskommt. Eine Erweiterung war also öffentlich durchaus zu rechtfertigen.

Die Suche nach einem Bauplatz fand eine Möglichkeit direkt gegenüber einer Längsseite des Altbaus, von diesem getrennt nur durch eine Straßenbreite, angrenzend an die historische St.Alban-Vorstadt und unweit der Wettsteinbrücke über den Rhein. Ein international ausgeschriebener Wettbewerb wurde überraschend von dem jungen Basler Büro Emanuel Christ/Christoph Gantenbein gewonnen. Städtischer Bürgersinn: Das Terrain für den Standort wurde von privat gestiftet, ebenso zur Hälfte die Bausumme von 100 Millionen Franken (ohne indes die nicht unerheblichen Nebenkosten der Eingriffe in die städtische Infrastruktur). Untergeschoss, Erdgeschoss sowie zwei Obergeschosse haben eine Grundfläche von insgesamt 8000 Quadratmeter, davon sind 2500 Ausstellungsfläche.

Das neue Haus macht im Stadtbild gute Figur. Bei gleicher Traufenhöhe mit dem Altbau ist es mit diesem durch einen technisch aufwändigen Tunnel in beträchtlicher Tiefe unter dem Niveau der zwischen den Häusern verlaufenden Straße verbunden. Die Architektur bekennt sich in der äußeren Erscheinung zu den Volumina eines auf der Schauseite wegen der notwendigen Hängeflächen im Inneren nur mit drei Fensteröffnungen versehenen Gebäudes. Jedoch zeigt die Seite zur Rheinbrücke hin den Einsprung eines Knicks, durch den der Bau an Schwere verliert, so, als mache das Haus zum Kunstspiel lächelnde Miene. Von zurückhaltender Eleganz sind die Außenmauern aus sogenannten Wasserstrichziegeln, mit nach oben sich aufhellenden Grautönen. Das Grau der Steine kontrastiert den auflockernden Knick mit einem leise melancholischen Anflug, die Architekten sprechen sogar von einem „sachte ruinösen Eindruck“, den sie gewollt hätten: Erinnerung an die unvermeidliche Vergänglichkeit auch alles Neuen.

Zu den Häusern der Basler Altstadt kann der Bau eine gewisse Schärfe des Gegensatzes nicht ganz überspielen. Aber der Bruch ist doch von eher milder Art. Kein Vergleich etwa mit der gewollten Brutalität des Eingriffs in vorgefundene Strukturen von Zaha Hadids Maxxi-Museum in Rom, dem die eigene Auffälligkeit um jeden Preis auch im Inneren wichtiger ist als alles andere. Indes die Architektur von Gantenbein/Christ schon nach außen zu erkennen gibt, dass sie die Kunst nicht übertrumpfen, sondern ihr dienen will. Gut fügt sich zu diesem Ziel ein umlaufender Fries bestückt mit LED-Röhren, mit denen aktuelle Ausstellungen angezeigt werden können.

Der erste Versuch gilt einer Schau, die sich „Sculpture on the Move“ nennt, Skulptur in Bewegung. Dargestellt werden soll, wie sich die Plastik vom frühen 20. Jahrhundert an bis heute entwickelt hat – um es knapp zu markieren: von Brancusis archaischen Stelen bis zu Jean Tinguelys mal langsam und schwerfällig wie ein mühsames Tun, mal frohgemut behende wie ein Kinderspiel sich bewegenden Maschinen. Viele Stationen natürlich dazwischen und auch noch nach Tinguely, Bruce Nauman und George Segal, Mario Merz und Joseph Beuys, Walter de Maria, Eva Hesse und Jeff Koons; unter den Jüngeren die Deutschen Isa Genzken und Katharina Fritsch. Von Kippenberger, verstorben 1997, ein Vorgriff auf das kommende Luther-Jahr, eine männliche Gestalt, Hände auf dem Rücken, in einer Ecke, Blick auf die Wand: „Martin, ab in die Ecke und schäm’ dich“.

Desaströses Gedrängel

Eingeschoben zwischen die Skulpturen Malerei aus der Basler Sammlung – auf den drei Stockwerken herrscht ein ungutes, ja: geradezu desaströses Gedrängel. Zerstörerisch für die Mehrheit der Werke. Parole: Wir zeigen alles, was reingeht in das neue Haus. Aber wie kann man denn auf die Idee kommen, um nur die ärgsten Fälle zu bemühen, die berühmten Basler Bilder von Rothko, Still, Kline und Newman, oder, nicht weniger schmerzlich, je ein Bild in Weiß von Robert Ryman und Agnes Martin derart dicht zusammen zu hängen, dass keines mehr Raum hat, Atem, Ausstrahlung, keines die je eigene Wirklichkeit behaupten kann, auf die es ein Recht hat? Bernhard Mendes Bürgi, verantwortlich für dieses verklebte Durcheinander, ist zu Gute zu halten, dass ihm das neue Haus als Ausstellungsort noch zu fremd ist.

Das Bespielen wird möglicherweise aber generell nicht erleichtert werden durch die Entscheidung, in den unterschiedlich zugeschnittenen, kleineren und größeren Räumen keine Aufteilung mit Hilfe von semi-permanenten Wänden vorzusehen. Es bedeutet den Verzicht auf eine Variabilität der räumlichen Umgebung, die den offenen, auch spielerischen Formulierungen zumal der aktuellen Kunst entgegenkäme. Ob es ohne auf die Objekte sich einstellende räumliche Veränderungen geht, ist unter Museumsleuten umstritten. Ganz in der Nähe, in Renzo Pianos Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, bestechen die Vorzüge der Möglichkeit für individuelle Varianten. Der Basler Neubau zeigt einstweilen deutlich die Schwächen des Verzichts darauf. Aber das muss nicht das letzte Wort sein.

Organisatorisch bilden in Zukunft in Basel der Altbau des Kunstmuseums, das Haus für die Kunst der Gegenwart unten am Rheinufer (das einzige europäische Museum, durch das ein Bach fließt) und der Neubau eine Einheit. Inhaltlich wird mehr zu sehen sein als zuvor. Derzeit macht dabei noch der Altbau das Rennen: Für das Kupferstichkabinett dort hat Anita Haldemann eine beispielhaft konzentrierte Ausstellung von Zeichnungen und Druckgraphik Barnett Newmans eingerichtet, die dessen einsamen Weg nachvollzieht von flatternd farbigen Blättern zu der radikalen Strenge des Spätwerks.

Kunstmuseum Basel: Erweiterungs-Neubau geöffnet vom 17. April an.

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