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Erich Heckel: Annweiler, 1933

Berliner Brücke-Museum

Expressionisten: Nur gute Menschen machen gute Kunst?

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Nach der Debatte um Emil Nolde: Das Berliner Brücke-Museum beleuchtet Werke der legendären Gruppe während der Hitlerzeit.

Expressionisten unter Verdacht? Gerade eröffnete eine differenzierende, die Nähe zum NS-Regime beleuchtende, aber die Fakten auch tiefgründig erklärende Schau über den „Entarteten“, paradoxerweise zugleich „völkischen“ Emil Nolde in der Berliner Nationalgalerie. Jetzt setzt das Dahlemer Brücke-Museum mit seiner Analyse der Situation der Expressionisten der legendären Künstlergruppe „Die Brücke“ nach dem Jahr 1933 ein.

Wer nun denkt, jüngere Forschungserkenntnisse wie im Fall Nolde als heftiger Antisemit und Sich-Anbiederer ans System, das seine Bilder aber dennoch verfemte, ließen sich auch auf die zeitweiligen Gefährten der „Brücke“ übertragen, ist im Irrtum. Bei keinem der Maler, auf deren Werk sich unsere prüfenden Blicke richten, lässt sich derart krasses nachweisen. Aber es stimmt freilich, dass Karl Schmidt-Rottluff als junger Offizier im Ersten Weltkrieg unverzeihlich Dummes über die „jüdische Weltverschwörung“ gesagt hat. War damals Zeitgeist, wie Historiker wissen. Was dann kam, hat den Maler und späteren Gründungsvater des Brücke-Museums denn doch eines Besseren belehrt, ihn in die Innere Emigration und zum metaphorischen Gemälde „Entwurzelte Bäume“ getrieben.

Expressionisten: Antisemitismus bei Kirchner und Schmidt-Rottluff

Es ist auch eine peinliche Tatsache, dass Ernst-Ludwig Kirchner sich empört gegen den Anwurf wehrte, es gäbe einen „jüdischen Einfluss“ auf seine Arbeit, und er habe doch für eine „echte deutsche Kunst gekämpft ...“. Kirchner, der zu Kriegsende 1918 in die Schweiz gezogen war, nur von fern erlebte, was in Deutschland politisch passierte, nahm sich 1938 resigniert über die Feme und seinen fatalen Irrtum das Leben. Eines seiner letzten Motive in der Ausstellung ist das einer blökenden, offenbar heillos chaotischen Schafherde vor steilen Berggipfeln.

Brücke-Museum, Berlin: bis 11. August.

Katalog 39,90 Euro.

www.bruecke-museum.de

Das Brücke-Museum, gegründet 1967, besitzt etwa 400 Gemälde und Plastiken und einige Tausend Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken von Künstlern der 1905 in Dresden gegründeten, 1913 in Berlin aufgelösten Gemeinschaft. Damit ist es die weltweit größte zusammenhängende Sammlung von Werken dieses besonderen Stils. Was die Brücke-Leute verband, waren die Absage an den Akademismus, der Wille zum radikalen Ausdruck und die brachiale Abgrenzung von der atmosphärisch weichen Eindruckskunst des Impressionismus. Typisch ist die Vereinfachung der natürlichen Motive aufs Wesentliche. Die Farben sind leuchtend, großflächig aufgetragen und entfernen sich bewusst von den Naturfarben. Man malte und zeichnete spontan, impulsiv und mit dynamischer Pinselführung Landschaft, Natürlichkeit und Nacktheit. Sie malten im Atelier und in der Natur.

Die Brücke-Gründungsmitglieder Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl, Max Pechstein, kurzzeitig Emil Nolde sowie der früh verstorbene Otto Mueller, „Zigeunermueller“ genannt, schrieben Kunstgeschichte. Ihre Werke zählen zu den Ikonen der Moderne, machen Schule bis heute, stehen für Innovation, Aufbruch, Freiheit der Kunst. Und sie sind heute unbezahlbar.

Expressionisten: Werk und Biografien kritisch befragen

Nun aber gibt es mehr als genug Gründe, Werk und Biografien dieser Ikonen weniger bewundernd denn kritisch zu befragen. Erstmals überhaupt setzt das Brücke-Museum sich mit der Kunstpraxis, den Handlungsspielräumen, dem Alltag der Brücke-Maler während der NS-Zeit auseinander. Die meisten Bilder ab 1933/34 verraten eine große Verunsicherung, gemischt mit der Sehnsucht, vom NS-Regime doch noch Anerkennung und Existenzsicherung zu erhalten.

Ernst Ludwig Kirchner: Artistin, 1910.

Aber Expressives war weitgehend verpönt, auch wenn es unter den Nazi-Größen den einen oder anderen Sympathisanten gab, rettete das nicht vor der Feme, gerade Nolde nicht, der den ohnehin an der Existenzgrenze lebenden Max Pechstein bei Goebbels als „jüdisch“ denunzierte. Nolde und Schmidt-Rottluff flogen aus der Reichskulturkammer. Absurderweise aber blieb Pechstein drin. Letzterer malt den „Jungen mit Schneebällen“, 1937 auffällig naturalistisch, fast lieblich, derweil Heckel, bei den Nazis der „Kulturbolschewist“, schon 1933 eine lyrische „Annweiler“-Landschaft zelebrierte und badende Knaben malte, die alle durchweg arisch aussehen. Schmidt-Rottluff wiederum malte etwa „Brücke mit Eisbrechern“, 1934, als gewaltsames, gefahrvolles Inszenario. Und schließlich gingen sie alle in die Innere Emigration, malten Landschaften, Stillleben. Unverfängliches. Erst nach 1945 kam die Verehrung zurück und „Brücke“ wurde Kunstkanon in West und Ost.

Differenzierung ist geboten, wenn wir auf die Bilder schauen. Der moralische Zeigefinger sollte unterbleiben. Brücke-Ikonen sind nicht lupenrein. Großartige Künstler, jedoch in einer Diktatur, haben gemalt, um zu überleben. Kanzlerin Merkel hat Nolde aus ihrem Arbeitszimmer verbannt. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hängte sich soeben einen Nolde über den Schreibtisch. Können nur gute Menschen gute Kunst machen? Ist wohl der größte Irrtum.

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