+
Mit dabei: Emil Noldes „Mann und Weibchen“.

NS-Raubkunst

Gurlitt-Schau in Jerusalem: „Eine ziemlich typische Geschichte“

  • schließen

Im Israel-Museum in Jerusalem werden jetzt Bilder aus der Sammlung Gurlitt gezeigt: Ein Gespräch mit Museumsdirektor Ido Bruno.

Ido Bruno, 1963 in Jerusalem geboren, ist Designer und hat eine Professur für Industriedesign an der Bezalel Akademie für Kunst und Design in Jerusalem. Das Israel-Museum leitet er seit Herbst 2017.

Die Gurlitt-Ausstellung nach Israel zu bringen, geht auf eine Verabredung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit dem israelischen Kulturministerium zurück. Seit Mitte der Woche ist nun im Israel-Museum in Jerusalem eine Auswahl der Werke zu sehen, die Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, in seiner Münchner Wohnung aufbewahrte. Die Ausstellung heißt „Schicksalswahlen“ und läuft bis zum 24. Januar 2020.

Herr Bruno, was bedeutet es Ihnen, eine Gurlitt-Ausstellung hier in Israel zu zeigen?
Wir sind ein Kunstmuseum und einfach sehr froh, diese wunderbaren Werke hier in Jerusalem zeigen zu können. Da sind ein paar wirklich sehr schöne Stücke dabei.

Welches ist Ihr Lieblingsbild?
Schwierige Frage. Von den zeitgenössischen Werken vielleicht die von Emil Nolde. Außerdem mag ich die Bilder von Cornelia Gurlitt, der Schwester von Hildebrand Gurlitt.

Wenn Adolf Eichmann ein sehr guter Maler gewesen wäre, hätten wir seine Werke sicher nicht gezeigt. Oder wir würden sie gerade deshalb zeigen. Um den Riss zwischen Künstler und Person darzustellen und zu diskutieren, warum gute Künstler nicht unbedingt gute Menschen sind.

Ido Bruno

Emil Nolde, ausgerechnet?
Ich finde, er war ein sehr guter Künstler.

Stört es Sie nicht, dass er Antisemit war?
Das hat mit seiner Kunst nichts zu tun.

In Deutschland wird diese Frage heftig diskutiert. Die deutsche Kanzlerin hat zwei Noldes abgehängt.
Was Sie ansprechen, ist eine sehr große Frage, die nicht nur Nolde betrifft und die viele andere Fragen nach sich zieht: Müssen wir einen Künstler boykottieren, nur weil wir seine Einstellungen problematisch finden? Nach welchen Kriterien entscheiden wir, ob ein Künstler tragbar ist oder nicht? Wer legt diese Kriterien fest? Wer entscheidet, wer hält Gericht?

Haben Sie Antworten darauf?
Ich glaube, wenn wir uns einmal auf diese Diskussion einlassen, werden wir schnell feststellen, dass wir kaum noch auf die Kunst achten, sondern viel Zeit damit verbringen, Urteile über Künstler zu fällen und dass Politiker aus allen möglichen Richtungen sich diese Diskussion zunutze machen, um Kunst zu verhindern. Womöglich völlig ungerechtfertigt. Das ist ein sehr gefährliches Spiel, und deshalb finde ich, jeder sollte für sich selbst entscheiden, was er sich ansieht und was nicht. Wenn jemand meint, Nolde war ein Antisemit oder sogar aktiver Nazi und aus diesem Grund seine Kunst nicht sehen will, ist das zu akzeptieren.

Ido Bruno.

Gibt es Künstler, die Sie in Ihrem Museum nicht zeigen würden?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Ist das eine sehr deutsche Diskussion?
In gewisser Weise schon. Aber sie wird auch hier geführt, im Bereich der Musik zum Beispiel.

Sie meinen, die Diskussion darüber, ob in Israel Richard-Wagner-Kompositionen gespielt werden dürfen oder nicht.
Genau, Komponisten, die von den Nazis bewundert wurden. Es ging eine Weile heiß her. Ob das bei Nolde auch so sein wird, weiß ich nicht. Wenn Adolf Eichmann ein sehr guter Maler gewesen wäre, hätten wir seine Werke sicher nicht gezeigt. Oder wir würden sie gerade deshalb zeigen. Um den Riss zwischen Künstler und Person darzustellen und zu diskutieren, warum gute Künstler nicht unbedingt gute Menschen sind.

Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal vom Fall Gurlitt gehört haben?
Ich dachte, das ist eine ziemlich typische Geschichte, eine, die in diese Zeit passt. Aber diese hat einen ganz besonderen Reiz, weil sie wie ein Kriminalfall ist, ein guter Kriminalfall.

Typisch inwiefern?
In dem Sinn, dass es viel Raubkunst in Nazideutschland gab und Kunsthändler, die das ausgenutzt haben. Wir im Israel-Museum hatten hier allein zwei Ausstellungen dazu.

Wie bekannt ist der Fall Gurlitt in der israelischen Gesellschaft?
Er ist kaum bekannt. In Kunstkreisen natürlich schon. Unsere Kuratorin Schlomit Steinberg war Mitglied der Taskforce, die nach den ursprünglichen Besitzern der Gurlitt-Bilder geforscht hat. Aber für einen Großteil der Leute hier ist das alles sehr weit weg.

Obwohl es Teil der jüdischen Geschichte ist?
Nicht alle Israelis haben die gleiche Verbindung zu jedem Teil der jüdischen Geschichte. Natürlich hat jeder hier vom Holocaust gehört. Aber es gibt so viele Nebengeschichten, und Raubkunst ist eine sehr kleine Nebengeschichte.

Wie sind die Reaktionen auf die Ausstellung?
Das müssen Sie mich in einer Woche noch einmal fragen.

Was erwarten Sie?
Ich denke, im Unterschied zu Europa können wir die Diskussionen ein bisschen mehr öffnen. Wir sind freier in der Diskussion, denn es ist nicht hier passiert und uns belastet keine Schuld.

Sind unter den sechs Familien, die bisher Werke rückerstattet bekamen, auch israelische?
Nein, davon ist mir nichts bekannt.

Könnte es passieren, dass Besucher durch die Ausstellung gehen und sagen: Guck mal, das Bild hing bei unserer Oma in Berlin?
Klar kann es sein, dass jemand im Familienalbum der Großmutter ein Foto findet, wie sie im Salon sitzt und hinter ihr hängt ein Bild, das hier in der Ausstellung zu sehen ist. Sehr wahrscheinlich ist es jedoch nicht. Die Geschichte der Bilder wurde gut erforscht.

Warum ist die Ausstellung so klein? Sie zeigen nur 100 von mehr als 1500 Werken.
Wir möchten die Geschichte auf einfache und klare Art erzählen, in vier Kapitel unterteilt, leicht zugänglich. Die Qualität der Kunstwerke ist sehr unterschiedlich. Wir haben uns vor allem für hochwertige Bilder entschieden. Außerdem ist es generell so, dass die meisten Besucher kleine Ausstellungen mehr schätzen als große. Sie fühlen sich weniger überfordert.

Waren Hildebrand oder Cornelius Gurlitt jemals in Israel?
Soweit ich weiß, nein.

Ist es eigentlich möglich, dass es noch mehr versteckte Kunstsammlungen wie die von Cornelius Gurlitt gibt? Irgendwo auf der Welt?
Klar, warum nicht? Wir wissen nur, was wir wissen, nicht, was wir nicht wissen. Niemand von uns hat mit einem Mann gerechnet, der in seiner Wohnung in München mehr als tausend Kunstwerke versteckt. Aber dass es Kunsthändler gab in der Nazi-Zeit, die zwielichtige Geschäfte betrieben, das wussten wir. Und die gesamte Kunstwelt stellt sich die Frage: Warum haben wir nicht schon vor zwanzig oder fünfzig Jahren nach dem Verbleib dieser Bilder geforscht?

Interview: Anja Reich

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion