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Guido Reni im Städel: Triumph des Himmlisch-Schönen

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Von: Lisa Berins

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Guido Reni, „Immaculata Conceptio“. Metropolitan Museum of Art
Guido Reni, „Immaculata Conceptio“. Metropolitan Museum of Art © bpk | The Metropolitan Museum of

Der italienische Barockmaler Guido Reni, genannt „Der Göttliche“, hat die Menschen seiner Zeit begeistert. Im Städel Museum gerät das Publikum in seinen unvergänglichen Bann.

Vor düsteren Wolken strahlt die helle Haut seines muskulösen Körpers, nur das Nötigste wird von einem um die Hüften wallenden Tuch bedeckt. Mit dem Kopf im Nacken, in ähnlicher Pose, wie man einen Matjes essen würde, trinkt der nackte Samson aus den Kinnbacken eines Esels, mit denen er zuvor laut Altem Testament tausend Philister erschlagen hat. Auf einen Toten hat Samson seinen Fuß gestellt, wodurch seine Körperhaltung wirkt wie ein überdrehter Kontrapost. Es ist ein kurioses Motiv, und ich bin mir sofort sicher: Dieses Bild habe ich schon einmal gesehen. Vor Jahren, als Studentin in Bologna, in der dortigen Pinacoteca Nazionale. In meiner Erinnerung stehe ich alleine im Saal; nur Guido Reni und ich und sein strahlender, seltsamer Samson. Eigenwillig und mächtig, fast einschüchternd imposant. Das schlechte Gewissen meldet sich: Wie habe ich Reni nur vergessen können? Wie hat die ganze Welt ihn vergessen können? Der Künstler war seitdem nie wieder Thema, weder im Studium, noch in Ausstellungen. Bis jetzt. Im Städel Museum feiert er sein großes Comeback.

Es ist die erste Ausstellung mit Reni-Werken seit mehr als 30 Jahren. Die Schirn Kunsthalle hatte sich 1989/99 dem Barock-Maler gewidmet. Doch seitdem: Funkstille. Dabei war Guido Reni (1575-1642) zu seiner Zeit ein Star. „Der Göttliche“, „Il divino“ wurde er genannt. Einer, der seine Werke nicht einmal signieren musste, weil scheinbar ohnehin klar war, aus wessen Hand sie stammten. Dessen Vorzeichnungen für Gemälde und Fresken schon damals bei Sammlern gefragt waren. Dessen Gemälde sowohl in den Dominikaner-Konventen Bolognas als auch in den Palazzi der Oberschicht hingen – wie sein „Samson“. Er zierte einen Kaminsims im Palazzo der Familie Zambeccari in Bologna.

Die Nachfrage nach Reni-Werken war groß, und der Künstler malte auf Vorrat – meist religiöse und mythologische Sujets. Besonders ein Motiv war sein Markenzeichen: Der in den Himmel gerichtete Blick, dargestellt in extremer Untersicht, gerade ein Stück Pupille ist noch zu sehen, die Augen feucht glänzend. Das sieht so entrückt und so verdreht aus, dass es beim Betrachten fast schmerzt.

Gleich am Anfang der Ausstellung empfängt einen dieser „himmelnde Blick“. Eine heilige Maria als monumentale Einzelfigur erhebt sich vor einem gleißenden, von Engeln bevölkerten Lichtraum in die Höhe. Die Hände zum Gebet zusammengelegt, gekleidet in einem etwas kantig fallenden blauen Umhang und mit leicht geöffnetem Mund. Keine Frage, diese Madonna wendet sich mit größter Ehrerbietung an Gott. Die „Immaculata Conceptio“ (Unbefleckte Empfängnis Mariens) von 1627 ist aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art nach Frankfurt gekommen, und sie ist eine der zahlreichen hochkarätigen Leihgaben, die aus bekannten Museen stammen, wie dem Prado in Madrid, den Uffizien in Florenz, dem Getty Museum in Los Angeles. Zwei Gemälde befinden sich im Bestand des Städelmuseums selbst. Durch sie kam die Idee zur Ausstellung.

Eines dieser Werke gelangte 2014 als Schenkung des Städelvereins ins Haus: Ein Frühwerk, „Himmelfahrt Mariens“, von ca. 1598/99. Ein eher kleinformatiges Gemälde, in dem der junge Maler schon seine „himmlischen Ideen“ programmatisch zum Besten gibt, die seine Zeit so sehr bewunderten: Er übersetzte das unsichtbare Himmlische mit einer anschaulichen Bildsprache in formvollendete Malerei. Aus einer Überfülle an Figuren erhebt sich die Gottesmutter empor – und auch hier ist er schon da: Renis Himmelsblick.

Über das Leben des Bologneser Künstlers ist dank der ausführlichen Beschreibungen seines Biografen Carlo Cesare Malvasia viel bekannt, auch Privates. Guido Reni ist zutiefst religiös, aber auch abergläubisch, er hat ein schwieriges Verhältnis zu Frauen – außer zu seiner Mamma, die er vergöttert. Mit seinen Lehrmeistern Denys Calvaert und Ludovico Carracci überwirft er sich – und dessen Cousin Annibale Carracci beäugt Guido Reni als Konkurrenten äußerst kritisch. Vom Stil her vereint Reni in dieser Zeit verschiedene Einflüsse: den Spätmanierismus Calvaerts, die Reformmalerei der Carracci und seine Vorbilder der Hochrenaissance; vor allem Parmigianino und Raffael.

Als Guido Reni im Jahr 1601 nach Rom geht, und dort in eine Wohngemeinschaft mit seinen Bologneser Künstlerfreunden Francesco Albani und Domenichino zieht, hat er ein besonderes Gemälde dabei, das ihm einen schnellen Aufstieg in der Hauptstadt des Kirchenstaates sichert: Eine fast originalgetreue Kopie von Raffaels „Ekstase der heiligen Cäcilia“ (um 1600) – eine Auftragsarbeit für Kardinal Paolo Emilio Sfondrati. Zur gleichen Zeit sind auch sein Konkurrent Annibale Carracci und Caravaggio in Rom. Guido Reni schließt sich keinem der beiden Künstler an – allerdings scheint er dem Stil des Lombarden Caravaggio durchaus einiges abgewinnen zu können.

Das Gemälde „Christus an der Geißelsäule“ von 1604 – es ist das zweite Werk Renis, das sich im Besitz des Städels befindet und im Sommer aufwendig restauriert wurde – zeigt, wie Reni das für Caravaggio typische Chiaroscuro aufgreift: Die Jesusfigur hebt sich, durch eine imaginäre Lichtquelle beleuchtet, vor dem dunklen Hintergrund effektvoll ab. In Renis Gemälde allerdings geschieht das in fast sanfter Form; das Dramatische, das brutal Naturalistische ist nicht der Stil des Bolognesers. Heute würde man vielleicht sagen; auf Renis Bildern liegt ein weichzeichnender Beauty-Filter. Oder anders: In der Malerei von „Il divino“ triumphiert das Himmlisch-Schöne über das Irdische. In den Augen seines Biografen Malvasia war Reni jedenfalls eine Art „Anti-Caravaggio“.

Guido Renis Erfolg in Rom ist enorm: Er wird zum Hofkünstler von Papst Paul V. Borghese und des Kardinalnepoten Scipione Borghese, und er führt große Freskenprojekte aus (später lässt er Fresken lieber von Mitarbeitern malen, weil ihm die körperlichen Strapazen zu groß sind), unter anderem das „Aurora“-Fresko im Casino des Palazzo Pallavicini Rospigliosi. Immer wieder hält sich Reni während dieser Zeit auch in Bologna auf, und im Jahr 1614 zieht er endgültig zurück in seine geliebte Heimat. Dort muss er sich nun erst wieder als Maler behaupten.

In seiner ersten Phase nach seiner Rückkehr, die sein Biograf „prima maniera“ nennt, beschäftigt sich Reni vor allem mit dem männlichen Akt. Auf große Formate bannt er mythologische Figuren wie Bacchus, Apoll, Hippomenes, Herkules, oder den alttestamentarischen Samson. Und wie es scheint, sind seine Auftraggeber überaus zufrieden – Renis Werke sind begehrt.

Bastian Eclercy, der Kurator der Städel-Ausstellung, hat sich acht Jahre intensiv mit Guido Reni beschäftigt. Eine Fragestellung, die ihn bei seiner Arbeit begleitete, war: Warum hatte Reni einen solchen Erfolg? Mit dem Blick gerade auf die männlichen Akte scheint eine mögliche Antwort plausibel: In seinen Werken wirft Reni den Fokus gezielt auf das, was wichtig ist; eine monumentale Einzelfigur vor einem reduzierten Hintergrund, der ohne viele erzählerische Nebenstränge auskommt. „Es ist das Prinzip der genialen Einfachheit“, sagt Eclercy. In Bologna bringt Reni es zur Perfektion.

Doch das Leben in der Stadt mit ihren „Portici“, den Arkadengängen, die ihr immer auch etwas Geschlossenes, Dunkles verleihen – es hat eine abgründige Seite. Reni treibt sich herum, in den Spelunken. Er spielt Karten und Würfel, und er spielt exzessiv. „Der Göttliche“ verfällt dem Laster, er wird süchtig. An einem Abend verzockt er ein Vermögen im Wert eines Hauses, berichtet Bastian Eclercy. Als zusätzliche Einnahmequelle produzieren Mitarbeiter Repliken seiner Werke für den breiten Markt.

Guido Reni selbst arbeitet weiter auf höchstem Niveau. Und er entwickelt seine Technik immer weiter. Er setzt viel Bleiweiß ein, das seinen Gemälden eine immense Strahlkraft verleiht – und das mit der Zeit nicht so stark nachdunkelt. In den Sälen des Städel entfaltet dieser „Trick“ noch heute seine Wirkung. Es ist, als hätte Guido Reni schon damals geahnt, dass wir, Jahrhunderte später, gebannt und staunend vor seinen Gemälden stehen werden. Und, wer weiß, vielleicht hat ihm das tatsächlich der Himmel geflüstert.

Städel Museum Frankfurt :

bis 5. März. staedelmuseum.de

Studie für Apoll im „Aurora“-Fresko. His Majesty King Charles II 2022
Studie für Apoll im „Aurora“-Fresko. His Majesty King Charles II 2022 © His Majesty King Charles II 2022

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