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Der Künstler und Maler Günther Uecker steht in seinem Atelier. 

Günther Uecker

Günther Uecker zum 90.: Der die Nägel tanzen lässt

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Dem Bildhauer und Maler Günther Uecker zum 90. Geburtstag.

Kein Tag ohne Kunst: In einem halben Jahrhundert vollführte Günther Uecker, geboren am 13. März 1930 auf der Ostseehalbinsel Wustrow, berühmt geworden in Düsseldorf, wohin er schon 1953 aus der DDR unter der Ulbricht-Regierung, nach seinem Rauswurf aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee geflohen war, eine Menge Nageltänze. Ihretwegen zählt er heute zu den bedeutendsten deutschen Künstlern in der Welt. Noch in diesem Jahr gründet er ein Forschungsinstitut, das Stipendien an junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vergibt.

Er nagelte Sitzkissen und ganze Wälder, auch Andachtsräume, etwa den des Deutschen Parlaments im Reichstag. Er baute meditative Sandspiralen in Wüsten, schrieb nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989 auf Leinen mit schwarzer Tusche mahnende Briefe an die Machthaber in Peking. Er schuf mit den „Aschebildern“ ein krasses Gleichnis für die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, illustrierte so auch das Buch „Störfall“ von Christa Wolf. Er zertrümmerte Klaviere, als Metapher für die „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938, als die Nazis aus den Fenstern jüdischer Wohnungen ganze Konzertflügel, Cellos, Geigen warfen. Und er verhüllte Altäre, wie vor drei Jahren an Aschermittwoch den der Paul-Gerhardt-Kirche in Prenzlauer Berg in Berlin.

Dieser Bildhauer und Maler, der heute seinen 90. Geburtstag bei erstaunlicher körperlicher und geistiger Kraft feiern kann, ist kein religiöser Mann. Auch kein Anarchist. Der hochgewachsene, kräftige Uecker mit der Seele einer Blume glaubt an die erhellende, tröstende, ermutigende und auch irritierende Kraft der Kunst. Und wo immer er gerade ist, verwandelt er heftige Emotionen in poetische Störfaktoren.

Und er baut „Friedensangebote“: Helle Bänder und umschnürte Bündel bilden eine riesige bildhauerische Ringparabel für die seit undenklichen Zeiten gestörte friedliche Koexistenz von Christentum, Judentum, Islam. Auf weißen Tüchern schrieb er Bibelsprüche, Thoraverse, Koransuren. „Religion“, sagt er, „ist seit Urzeiten die Begleiterin der Menschheit, Wiege der Moral, Weisheit, Hoffnungsspenderin. Leider auch tyrannische, unbarmherzige Herrscherin.“

Zwei Ausstellungen

Rostocker Kunsthalle:„Günther Uecker – Huldigung an Hafez“ (erstmals mit dem „Hafez-Zyklus“) vom 22. März bis 19. April. www.kunsthallerostock.de

Staatliches Museum Schwerin:„Uecker 90“ bis 1. Juni. www.museum-schwerin.de

Sein Bilderkosmos scheint unerschöpflich. Darin macht er deutlich, dass die Welt aus den Fugen ist und die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten sind. Gewaltsam. Weil die Gier oder die Not Menschen unachtsam und brutal machen. Gott hat die Kriege und die Katastrophen nicht verhindert und so sucht und findet er sinnfällige Chiffren für eine Welt, in der die herkömmliche Ordnung dahin ist. Seine eigene war 1945 dahin; er war erst 15. Diese Tatsache ist verantwortlich für jenes Aggressionspotenzial, das Uecker in Kunst zu wandeln vermag, in erschütternde, auf Besserung zielende Zeichen.

Uecker studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie bei dem Antifaschisten Otto Pankok. Er gehörte, mit Heinz Mack, zur Künstlergruppe Zero, die aus profanen Materialien Bilder machte. Dann beengte ihn der Gruppengeist, er arbeitete zunehmend allein. Um 1959 schlug er in einen gefällten Baum Nägel ein. Kurz darauf durchsägte er Baumstämme und verschaffte ihnen in berserkerhaften Nagelaktionen Stahlhäupter. Die Gebilde sehen aus wie Graspilze oder Dornenkränze. Der Kontrast von organischer Substanz und technischer Materialität wirkt befremdlich, er beunruhigt.

Und er machte Bilder, auf denen sich Ölfarbe mit Geäst und Grasbüscheln vereint, Vergänglichkeits-Symbole oder Menetekel – für die Vergewaltigung der Natur durch den fortschrittswütigen Menschen. Verletzungen des Menschen durch den Menschen – Ueckers Thema, das Triebmittel seiner Kunst.

Der Bauernjunge von der Waterkant hat von klein auf groben Umgang mit Tier, Mensch und Natur erlebt. Dann griff der endende Krieg in seine Jugend ein. Vor der Küste waren Schiffe gesunken, mit KZ-Häftlingen an Bord. Das Meer hatte die Leichen der Frauen, Kinder, Männer angespült. Rotarmisten trieben die Jugendlichen der Insel mit vorgehaltenen Kalaschnikows zusammen, die Toten zu verscharren. Der Junge begrub mit anderen Halbwüchsigen 175 Leichen. Das Trauma blieb.

Ruhe kann Uecker nicht finden. Nicht in seinen Gedanken über Krieg und Frieden, über Gott und die Welt, über Leben und Tod und nicht inmitten der Materialien, die für ihn Kunstmittel sind: Holz und Asche, Nägel und Steine, Äste und Blätter, Bänder und Tücher, Farben und Sand. „Ich mache Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um“, sagt er über seine Arbeit. „Die Quellen meiner Kunst sind außerhalb der Kunst.“ Eher meint er Landschaften, die Gesellschaften der Erde, die Politik. Er lässt die Dinge mahnen.

Für den Bildhauer sind die im rhythmischen Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu dunklen Feldern, gefährlichen Furchen, stachligen Fellen und Baumstümpfen geformten Nagelbilder elementare Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken. Die überdimensionalen Stahlstifte übernehmen bei ihm die Funktion der Pinsel. Eiserne Pinsel, die er mit Gewalt durch Leinwände und Tafeln, durch Klaviere, Nähmaschinen, Radios, Tischplatten und Balken treibt, bis die Fläche dreidimensional wird. Doch fährt man mit den Fingerkuppen über manche Nagelfläche, spürt man auch Sanftes. Als streichle man einem struppigen Tier den Pelz und spürt überrascht, dass es weich ist. Weich wie die Sanduhren mit Pendeln aus Hanf.

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