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Eher keine rosa Brille im Portikus.
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Eher keine rosa Brille im Portikus.

Shahryar Nashat im Portikus

Der Grund, Prothesen zu mögen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Shahryar Nashat ehrt mit „Model Malady“ im Frankfurter Portikus auch den Sockel und kleine Wunden.

Der Main glitzert rosa. Und rosafarbene Wolken hängen über der Stadt – über dem Dom, den Banken, den Bäumen. Die rückwärtige Tür des Frankfurter Portikus ist verglast. Shahryar Nashat, der hier unter dem Titel „Model Malady“ ausstellt, hat das Glas mit rosafarbener Folie überzogen, so dass das Licht im Raum seltsam künstlich anmutet. Eine Reihe von rosafarbenen Sockeln mit aufgemalten Marmor-Adern hat es sich in niedrigen Stühlen bequem gemacht. Manche schauen hinaus, doch die meisten gucken einen Film. So jedenfalls sieht es aus, in Wahrheit sind die Sockel aus Gips. Es ist allein ihre entspannte Position im Raum, die sie als Wesen erscheinen lässt.

Der Film, er heißt „Present Sore“, hat ein seltsames Format: 9:16, also vertikal wie die Filme auf Smartphones. Nashat, ein Schweizer Künstler, Jahrgang 1975, der in Berlin lebt, zeigt in diesem Film Körperteile und Wunden. Er filmte beiläufige Gesten – Socken ausziehen, Ohr anfassen –, was nicht weiter bemerkenswert wäre, wenn er nicht eine ganze Reihe filmischer Tricks angewendet hätte, die die Aufmerksamkeit bannen. Da ist ein düster dräuender Sound, der bisweilen von meditativen Harfenklängen unterbrochen wird. Da ist die Fokussierung auf Ausschnitte, die einen Blick auf das Ganze nicht zulässt. Da ist ein Bild im Bild, das den Ausschnitt nochmal verkleinert, und dadurch als Irritation, nicht aber als Störung identifiziert wird. Und da ist die mehrfache, rhythmische Wiederholung jeder einzelnen Szene, die selbst die minimale Bewegung eines mit Hautausschlag versehenen Fußes zum Ereignis macht. Nach und nach erkennt man Wunden, Bandagen, Prothesen, Pflaster – ein versehrter Mann zieht sich an. Gummihandschuhe. Schmutzige Finger. Eine ölige Hand, in die Münzen und medizinische Kapseln gelegt werden. Ein künstlicher Fetzen Fleisch. Ein Bauchnabel, der für wenige Momente in der linken oberen Ecke zuckt, nochmal und nochmal. Dann ist da ein Mund, dessen sinnliche Lippen auf einmal spucken und frech fragen „Kannst du das für mich aufheben?“.

Er habe immer versucht, Körper darzustellen, die sich außerhalb traditioneller Ideale befinden, erklärt der Künstler in einem Interview, das im Portikus ausliegt. „Aus diesem Grund mag ich Wunden oder Prothesen. Sie verweisen auf Verletzungen und insofern auf eine Anomalie.“ Ausschnitte, simple Gesten, Wiederholungen – man kennt das aus der Kunst zu Genüge. Das Ungewöhnliche bei Shahryar Nashat ist allerdings die starke Sinnlichkeit, mit der er die unperfekten Körperteile ins Bild setzt und dadurch auf ungewohnte Weise ästhetisiert.

Die seltsamen Sockel im Raum, die den Titel „Chômage technique“ tragen, tun ein Übriges. „Der Sockel“, so Nashat, „ist für das Kunstwerk, was der Fuß für den Körper ist. Er bietet die Unterstützung, die es dem Kunstwerk erlaubt, zu stehen und zu sehen zu sein. Er ist wie ein Paar Krücken. (...) „Chômage technique“ ist ein Ausdruck aus dem Französischen, der verwendet wird, wenn etwa Arbeiter in einer Fabrik auf Kurzarbeit gesetzt, ihre Löhne aber weiter gezahlt werden. In einer Welt von Körpern, die in Pixeln gezeigt werden, sind Sockel in einer Art „chômage technique“ – sie haben niemanden mehr zu stützen. In meiner Installation können sie sich zur Ruhe setzen und den Anblick der Körper genießen, die sie einst gestützt haben. Der Sockel war immer ein Benachteiligter, stand im Dienste von etwas anderem. In dieser Konfiguration aber ist es, als ob er im Lotto gewonnen hätte und sich in Florida zur Ruhe setzen würde.“

Portikus, Frankfurt: bis 19. Juni. www.portikus.de

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