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Vom Massenmörder zum sterbenden Jüngling: Achill mit durchbohrter Ferse, dargestellt von Filippo Albacini (1777-1858). 

British Museum

Große Troja-Schau in London: „Der Krieg kennt keine Gewinner“

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Das British Museum zeigt eine neue Sicht auf den weltumspannenden Mythos Troja.

Universelle Themen wie Krieg und Frieden, Heroismus und Gewalt, Liebe und Verlust, Hoffnung und Verzweiflung. Den Göttern nahestehende Menschen aus grauer Vorzeit, deren Taten und Emotionen doch klingen wie die von Messerstechern und Eifersuchtsmördern des 21. Jahrhunderts. Schließlich eine 2500 Jahre umspannende Rezeptionsgeschichte – es gibt kaum eine weltumspannendere Geschichte als die von Troja und dem Krieg, der die sagenhafte Stadt in Kleinasien ebenso in Schutt und Asche legte wie den Ruf ihrer Zerstörer.

Viele Fragen blieben daran auf Dauer unbeantwortet, wenigstens umstritten. Wo genau lag die Stadt? Wann fand der Krieg statt? Und: gab es ihn überhaupt, oder wurden nicht Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen ganz unterschiedliche Berichte zu einem vermeintlich einheitlichen Geschehen zusammengespannt?

Da liegt der Ausweg nahe, den die Verantwortlichen im British Museum in London gegangen sind: Ihre große Winterschau nennen sie „Troja – Mythos und Realität“. Nüchtern schildern sie die Fragen, die rund um den Ausgrabungsort nahe der Dardanellen in der Nordwest-Türkei kreisen und gewiss weiterhin kreisen werden. Feinsinnig wird unterschieden zwischen der Realität einer Stadt Troja und dem keineswegs bewiesenen Trojanischen Krieg. Detailliert werden Verdienste und Fehler des deutschen Geschäftsmanns und Archäologen Heinrich Schliemann dargestellt, der die in den 1870er Jahren ausgegrabenen Schätze einst dem British Museum anbot und die nun, 150 Jahre später, als Leihgabe der Staatlichen Museen zu Berlin in London zu sehen sind.

Viele Einzelheiten, eine faire Balance. Das eröffnet dem Publikum die Möglichkeit, den Streit der Wissenschaftler von sich abzustreifen und einfach nur zu staunen: über die Grausamkeit der antiken Götter, die den zehnjährigen Krieg vom Zaun brachen; über die Klarheit, mit der eine gut 2600 Jahre alte Dichtung menschliche Motive wie Liebe, Eifersucht, Zorn und Freundschaft benennt und abwägt.

Beinahe 300 Objekte haben die Macher zusammengetragen, von einem Terracotta-Topf aus der Bronzezeit über die filigrane Darstellung des Odysseus und der Sirenen auf einer Vase aus dem 5. Jahrhundert vor Christus bis hin zur Verarbeitung des Mythos von viel späteren Künstlern: die hinreißende Skulptur des sterbenden Achilles, den tödlichen Pfeil in der sprichwörtlichen Ferse umklammernd, von Filippo Albacini (1777-1858) etwa, oder die moderne Interpretation des Paris-Urteils nach Rubens durch die 1935 geborene US-Künstlerin Eleanor Antin.

Wem liefe nicht ein Schauer über den Rücken bei Betrachtung des knapp 2000 Jahre alten silbernen Bechers: Er zeigt die Szene, in der Trojas alter König Priamos dem zornigen Achilles die Hand küsst, um die Herausgabe der geschundenen Leiche seines Sohnes Hector zu erlangen. Schlaglichtartig wird das Grauen des Krieges deutlich. Reihenweise hat Achilles – in Christa Wolfs „Kassandra“ stets als „Achill das Vieh“ denunziert – im Blutrausch die Trojaner massakriert. „Gefangene werden nicht gemacht“, hallt sein schauerlicher Schlachtruf durch die Kriegsgeschichte bis zu Kaiser Wilhelm II. („Pardon wird nicht gegeben“). Dem Priamos aber wird der Massenmörder die Leiche seines Sohnes freigeben.

„Zu zeigen, was ist“, bezeichnet Hartwig Fischer, Direktor des British Museum, im Gespräch am Rande der Pressebesichtigung als vornehmste Aufgabe seines Hauses. Keinesfalls dürfe man die Vergangenheit in Dienst nehmen für die Gegenwart. Relevant sei jedoch die Frage: „Wie hängt die Vergangenheit mit der Gegenwart zusammen?“ Auf Troja bezogen: Zu dessen Geschichte gehören Begriffe wie Konflikt, Gewalt und Krieg, Verlust und Trauer, aber auch die Folgen von Zerstörung und die Versuche, sie zu überwinden. „Der Krieg kennt keine Gewinner“, sagt der 57-Jährige und benennt damit so etwas wie das Leitmotiv der Ausstellung.

Das ist eine durchaus gewagte Herangehensweise in einem Land, das viel stärker als die meisten Mitteleuropäer aus Fischers Generation martialische Traditionen pflegt, ja feiert. Vielleicht schlägt sich deshalb die Kriegs-kritische Ausrichtung der Ausstellung in den Rezensionen der Londoner Zeitungen kaum nieder. Allenfalls findet die inspirierte Zusammenarbeit der Kuratoren mit einer Interessenvertretung von Kriegsveteranen Erwähnung; diese erkennen sich und ihre posttraumatischen Erlebnisse problemlos wieder in den Heimreise-Qualen des Odysseus, interpretieren Skylla und Charybdis, die Sirenen und den Zyklopen als Alpträume in der Gedankenwelt des Gemütskranken.

British Museum,London: bis 8. März. www.britishmuseum.org

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