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Begehbare Dachlandschaft: Oslos Oper.

Architekturmuseum

"Große Oper ? viel Theater?" - hochaktuell und brisant

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Das Deutsche Architekturmuseum greift mit der Ausstellung "Große Oper ? viel Theater?" in die von der Frankfurter Politik bisher verschleppte Planung der architektonischen Zukunft der Städtischen Bühnen ein.

Was nun, Neubau oder Sanierung der Städtischen Bühnen, auf welche Zusage kann man in dieser Frage in Frankfurt noch bauen? Auf jeden Fall zu den klassischen Charakteristika, die man immer wieder von der Architektur erwartet, zählen Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit, auch Dauerhaftigkeit. Ist es deshalb ein Wunder, wenn man an dem ganz speziellen Architekturstandort Frankfurt noch vor wenigen Wochen der festen Überzeugung war, ein schöner Neubau der Städtischen Bühnen sei wohl am nützlichsten, um Schauspiel und Oper einen festen Platz in der Mitte der Stadt zu garantieren, nicht zuletzt auf Dauer. 

Nun denn, die klassischen Prinzipien der Architektur, wie sie der bahnbrechende Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv im 1. Jahrhundert v. Chr. formulierte, sind auch in Frankfurt eher vorübergehender Natur. Mittlerweile, nach einer gewissen Neubaueuphorie, an der sich manches Magistratsmitglied noch vor einigen Monaten beteiligte, hat der Gesamtmagistrat soeben jedem Neubau eine – wie man so sagt – klare Absage erteilt. Diese Entwicklung fand in der Stadt nicht nur die Opposition im Stadtparlament komisch.

Unbestritten, dass die Städtischen Bühnen in Frankfurt, was ihre Bausubstanz angeht, marode sind. Das ist kein leichtfertiges Urteil über die Theaterdoppelanlage, die 1963 nach den Plänen von Otto Apel und ABB Architekten entstand. So hat es ein Gutachten nachgewiesen. Aus der Expertise, die im Frühsommer 2017 veröffentlicht wurde, ließen sich Schlussfolgerungen ziehen. Es lief hinaus auf die Alternative: Neubau oder Sanierung? Es lief auf eine gigantische Summe hinaus. Die Stadt Frankfurt und nicht nur die Stadt, sondern auch die Stadtgesellschaft, Bühnenbesucher und Bevölkerung, werden sich mit neuen Dimensionen beschäftigen müssen, ob es sich dabei nur um eine Sanierung handeln wird oder einen Neubau. Kein großer Unterschied, unterm Strich. Darunter in jedem Fall über 800 Millionen Euro.

Diskussion bleibt offen

Dass aber aus einem Neubau auf keinen Fall etwas werden solle, das wurde jetzt in der Stadtverordnetensammlung so beschlossen. Was man halt so einen Beschluss nennt, der entschieden daherkommen soll. Belastbarer ist das, was man im Deutschen Architekturmuseum (DAM) zu sehen bekommt. Anders als in der Politik, im Magistrat, in den Fraktionen, in der Stadtverordnetenversammlung hält man die Diskussion offen. Man tut es durch die Ausstellung „Große Oper – viel Theater?“. 

Das DAM, das aus dem Sanierungsfall einer klassizistischen Villa am Mainufer entstand, wiederauferstand, präsentiert das alles in seinem 1. Obergeschoss. Inszeniert wird die Baugeschichte der Städtischen Bühnen Frankfurt inmitten der Haus-im-Haus-Konstruktion. Wobei die 120 Meter lange und neun Meter hohe Schauseite der Theaterdoppelanlage ja nur eine von vier Fassaden eines stark verbauten, eines aus vielen Elementen zusammengesteckten und gestoppelten Ensembles ist. 

Fotos zeigen das unübersehbar. Allein die Fotos illustrieren neben Grundrissen, Lageplänen, Schnitten die – wie es heißt – verwachsene Struktur des Ensembles. Obendrein veranschaulichen sie, was der Benutzer des öffentlichen Raums von Frankfurt womöglich nicht wahrhaben will. Und auch eine architekturaffine Politik und eine der Architektur zugewandte Gesellschaft nicht so gern hören, dass nämlich die Glasfassade doch überschätzt wird – was man durch einen direkten Vergleich, den die Ausstellung anbietet, sehr leicht feststellen wird. Was für ein Unterschied zu dem zur selben Zeit in Dresden entstandenen Kulturpalast. Welche Transparenz, die die DDR-Architekturmoderne in den Stadtraum stellte. Bitter für die Architekturmetropole Frankfurt, heute noch, heute erst recht.

Aber unbestreitbar, so illustriert es das DAM. Denn die Frankfurter Theaterglasfront ist nun mal kein Triumph der Transparenz, wie man jeden Morgen zu sehen bekommt, aus der Untersicht, vom Willy-Brandt-Platz aus, auch wenn beim Theaterbesuch, zum Hochfoyer heraus, die Glasfront zu einem grandiosen Screen der Global City wird. 

Im DAM sind es Fotos, die das vormalige Bauwerk in Erinnerung rufen, Frankfurts  Gründerzeittheaterbau. Ein Haus, das seinen Anspruch durch seinen Klassizismus theatralisch untermauerte, auch durch einen Mischmasch aus Jugendstil und Neohistorismus. Neben selbst Insidern bisher nicht bekannten nostalgischen Ansichten liefert die Ausstellung eine nüchterne Bestandsaufnahme, wenn sie dem Besucher nicht nur die drei Varianten anschaulich macht. Als da sind:

Sanierung und Erweiterung: Verbleib von Schauspiel und Oper am Standort – so weit erstens. Um die Sache zu verstehen, muss man sich allerdings noch die Variante 2 klarmachen: Sanierung und Erweiterung, dabei Auslagerung des Schauspiels an einen externen Standort. Damit nicht genug – Variante 3 also: Auslagerung von Oper und Schauspiel an einen externen Standort. Anschließend Komplettabriss und Neubau. Was ansteht, ist so komplex wie kompliziert, also unbedingt feuilletonaffin. Und deswegen darf man darüber spekulieren, dass für eine Kostenrechnung nicht nur Abrisskosten oder Sanierungskosten anfallen werden, nicht nur Neubaukosten oder Interimskosten, sondern auch Risikokosten, Preissteigerungen – nicht auszudenken. 

Der Kostenvergleich, der jetzt vom DAM zusammengetragen wurde, lässt die Kosten  für Frankfurt realistisch erscheinen. Die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden: fast 440 Millionen Euro. Sanierung der Bühnen Köln: über 500 Millionen Euro. Neubau der Oper Oslo: 635 Millionen Euro. Das Vorzeigeobjekt der Stavros Niarchos Stiftung in Athen: 802 Millionen Euro. Elbphilharmonie Hamburg: 884 Millionen Euro. 

Was eine weitere Schautafel veranschaulicht, ist der Raumbedarf, und dabei geht es nicht um vermeintliche Luxuswünsche der Frankfurter Intendanten. Unterstellung, dummes Zeug, aber als Gerücht hartnäckig im Umlauf. Tatsächlich wird sich Frankfurt auch bei einer Sanierung auf ein weiteres Hochhaus am bisherigen Theaterstandort einstellen müssen. Der Mehrbedarf an Quadratmetern muss untergebracht werden, doch nicht alle Gebäudeteile wird man statisch aufrüsten können. Da sich die zusätzlichen Quadratmeter auf begrenzter Fläche konzentrieren werden, wird selbst ein sanierter Bau in die Höhe schießen, höchstwahrscheinlich in Hochhaushöhe. 

Die Generation der Nachkriegsbauten ist bearbeitungsbedürftig. Seltsamerweise ist es immer ruhig geblieben um den ersten und kühnsten Theaterbau aus dieser Periode, den in Münster. Ins Gerede gekommen sind die Bauwerke am Rhein, der herrlich organische Bau von Bernhard Pfau in Düsseldorf, der abgetreppte, dennoch monumentale Koloss Wilhelm Riphahns in Köln. Auch bei einer Sanierung ist die Haustechnik ein großes, ein Riesenproblem, wie einige Bauskandale der letzten Jahre klargemacht haben. Man mag den Brandschutz nicht für ein feuilletontaugliches Thema halten – ein unbedingt komplexes Thema sind Lüftung und Elektroanlagen, Heizung oder Sanitäranlagen gleichwohl. Die dramatischen Fehlentwicklungen, und nicht nur beim Flughafen in Berlin, sondern die hanebüchenen Komplikationen in Köln bei der Planung und Ausführung lassen es angeraten erscheinen, sich nur auf durch und durch seriöse und realistische Angebote einzulassen. 

Die Ausstellung im DAM stellt dem Besucher auf blauem Grund Beispiele für Sanierungsobjekte vor, auf rotem Neubauten, auf grünem Stadtentwicklungsprojekte – und dabei gibt es, ja, natürlich, Überschneidungen, angefangen mit den viel beachteten Bauwerken in Kopenhagen und Oslo. Hier wurde die Dachlandschaft zum öffentlichen Raum. Das Gebäude als begehbare Skulptur, so ist es auch gedacht in Paris. Durch die großzügige Verglasung der Verwaltung und von Teilen der Werkstätten wird der Theateralltag in Kopenhagen für den Beobachter nicht nur transparent gemacht, sondern in Szene gesetzt. Das Theater als Ort, an dem Tag und Nacht gearbeitet wird – Transparenz nicht nur als Schauwert, sondern als Legitimationsstrategie. Und nicht nur das Beispiel des National Theatre in London wird angeführt, um auf eine veränderte, umfassendere Nutzung von Theaterbauten hinzuweisen, eine womöglich zeitgemäßere, jedenfalls eine ganztägige, mit Buchshop, Café und Restaurant, anstelle des alleinigen Spielbetriebs, abends.

Vielfältige neue Wege

Vielfältige neue Wege, auch in Gdansk. Umsichtige in Liverpool. Gigantomanische, ermöglicht durch das Geltungsbedürfnis eines Reeders, in Athen. Vom Tag der Einweihung an, endlich, erfolgreiche Anstrengungen auch in Hamburg, bei der Elbphilharmonie – und seitdem nur noch sagenumwobene. In der so musikalischen Stadt München wird man mit dem Konzerthaus an die Peripherie ziehen, dorthin wo früher Zündapp seine Mopeds und Pfanni seine Kartoffelprodukte herstellte. 

Geht man raus aus der Stadt, behauptet man das Stadtzentrum, allein schon symbolisch? Sind Schauspielhaus, Konzerthaus oder Opernhaus so etwas wie Bausteine, um die Peripherie aufzuwerten? Zu den vielen Fragen, die die Ausstellung aufwirft, gehört die Auslagerung von Produktionsstätten, so auch bei der Oper Unter den Linden, die ein Bauwerk aus der Barockzeit ist, von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff 1743 prachtvoll erdacht. Dann weitergebaut, 1786, 1844, 1928, 1955 von Richard Paulick. Im vergangenen Jahr wurde sie von hg merz architekten der Öffentlichkeit erneut übergeben, und dabei wurde   die ungemein raffiniert sanierte Rosette erneut zur Attraktion. Nachdem das Holzfachwerk gegen ein Stahlfachwerk ausgetauscht worden war, konnte sie hochgehievt werden. Neben diesen im DAM illustrierten Finessen wird auch klar, dass der Spielort der Lindenoper keine Zukunft hätte ohne die Auslagerung der Werkstätten aus dieser, ja, barocken, ja, Scheune, die die Lindenoper von Haus aus mal war, ja, lange her.

Überhaupt Zeiträume. Die naheliegenderweise von Andrea Jürges und York Förster zwangsläufig kurzfristig kuratierte Ausstellung ist so hochaktuell wie brisant. Sie ist, auf längere Sicht gesehen, das kulturpolitisch wichtigste Statement in der Stadt. Unter allen Grafiken und Schaubildern auch eine Zeitleiste. Kein Projekt, das nicht seine Zeit gebraucht hätte, zehn Jahre, fünfzehn, zwanzig – in Köln wurde die Machbarkeitsstudie 2008 vorgestellt. Anstelle der für 2015 vorgesehenen Wiedereröffnung hofft man jetzt auf das Jahr 2022. 

In Frankfurt haben Politik und Verwaltung in den letzten Monaten viel Zeit zum Handeln verstreichen lassen, fahrlässig, aus taktischen Gründen. Taktische Gründe gibt es immer. Wann wird in Frankfurt der Vorhang für eine Wiedereröffnung oder Neueröffnung hochgehen, 2024, 2026? Glaubt kein Mensch, der diese Ausstellung gesehen hat. 2028? Bisher reden sich Politik und Verwaltung den Zeitplan schön. Auf Dauer wird das nichts nützen. 

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 13. Mai.  www.dam-online.de 

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