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Die Netsuke schnappt nach ihrem Gatten.

MAK

Die Grazie des Bambus

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Das Museum Angewandte Kunst zeigt erstmals die Asiatica-Sammlung eines Bad Homburger Unternehmers.

Zwei Drachenfische auf jeweils einem Podest wachen rechts und links über den Besucher, der die Ausstellung „Geburtsort Yokohama“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst betritt. Noch ehe man sich versieht, ist man mit den beiden mythischen Wesen, den so genannten Makara, schon eingetaucht in eine „ferne, exotische chinesisch-japanische Welt“, wie Stephan von der Schulenburg die von ihm kuratierte Schau beschreibt.

Die gezeigten Exponate sind eine Auswahl der privaten Sammlung des Bad Homburger Kaufmanns Werner Reimers (1888-1965), dessen Geburtsort Yokohama der Schau ihren Namen gegeben hat. In Hamburg aufgewachsen, kehrte Reimers im Auftrag des väterlichen Handelshauses an seinen Geburtsort zurück – und vernarrte sich derart in die ostasiatische Kunst, dass er sich später, zurück im Hochtaunus, in der Familienvilla regelrecht ein Kunst-Kabinett voller Jade, Bronze, Cloisonné und Malerei eingerichtet hatte. Insgesamt 140 Schätze aus Jahrhunderte zurückliegenden Zeiten, in denen etwa in China die Ming-Dynastie oder in Japan das Tokugawa-Shogunat an der Macht waren.

Reimers sammelte für sein rein persönliches Amusement, als romantische Reminiszenz an die vergangene Zeit in Fernost, so mutmaßt von der Schulenburg, hinterließ Reimers seiner Nachwelt doch nur spärliche Angaben zu seiner Kunstleidenschaft. Wohl war sie ihm zweifellos aber ein Ausgleich zu dem „arg nüchternen Maschinenbauerleben“ in den für Kunstsinnige wie Reimers hierzulande wenig inspirierenden Wirtschaftswunderjahren der 1950er. Reimers hatte zudem nur wenig übrig für die modernen Dadaisten und Expressionisten der Zeit.

Anders als der Hobby-Sammler in seiner Villa, haben sich die Ausstellungsmacher den doch etwas „dilettantischen“ Ansatz, wie von der Schulenburg Reimers mehr spielerisches Sammlertum bezeichnet, nicht zu eigen gemacht. Die Schau zeigt 60 ausgewählte Sammlerstücke und präsentiert sie thematisch geordnet an der Wand, hinter Vitrinenglas oder auf Podesten wie die beiden Makaras. Auf diese Weise erhält jedes der ausgestellten Objekte den notwendigen Raum, um auf den Betrachter wirken zu können. So kann etwa die elegante Pinselführung voll zu Tage treten, welche die Tusche-Serie von Orchideen- und Bambuszeichnungen charakterisiert. Fast wie bei einer Bach’schen Fuge greift der chinesische Künstler aus dem 16. Jahrhundert das immergleiche Thema von Papier zu Papier wieder auf, als ginge es allein darum, die Raffinesse seiner Malerei zu zeigen.

Bei aller Grazie bescherte der Künstler den Kuratoren am Ende seiner Albumzeichnungen auch eine Menge Arbeit: In archaischem Chinesisch erklärte er sich auf drei Seiten der Tuschezeichnungen, ein Text, den zu entschlüsseln selbst für Experten eine Herkulesaufgabe war. Drei Jahre haben die Ausstellungsmacher gebraucht, um sämtliche gezeigten Objekte fachmännisch aufzuarbeiten. „Das war zum Teil harte wissenschaftliche Arbeit“, sagt von der Schulenburg. Dafür weiß der Betrachter heute aber vor jedem Objekt, mit was er es zu tun hat.

So liest er vor einer Vitrine mit fünf nebeneinanderliegenden Elfenbein-Miniaturschnitzereien etwa, dass er es hier mit Netsuke zu tun hat. Das waren Figuren am oberen Ende eines Fadens, an dessen anderem Ende ein getragener Gegenstand befestigt war. War der Faden zwischen der Lende und einen Gürtel geklemmt, machten Netsuke auf diese Art einen Knoten entbehrlich. Und die Japaner waren bei der Auswahl ihrer Netsuke-Motive so erfinderisch wie humoristisch, wie die gezeigten Beispiele aus der Sammlung Reimers dokumentieren: Aus einer elfenbeinernen Muschel quillt ein Männlein, das die zuschnappenden Schalen gerade so noch offenhalten kann.

Es ist nützlich zu wissen, dass der Künstler aus dem 18. Jahrhundert hierbei einer damals gängigen Volkserzählung Ausdruck verliehen hat: Dass es nämlich die Ehefrau sein soll, die einer Muschel gleich nach ihrem Göttergatten schnappt...

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt: 25. Oktober bis 24. Februar 2019. Katalog, Schnell & Steiner, 24,95 Euro. www.museumangewandtekunst.de

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