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Goya in Berlin: Augenzeuge des Schlafes der Vernunft

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Von: Ingeborg Ruthe

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Francisco de Goya: „Die Schrecken des Krieges“ – „Ich habe es gesehen“. C: Sammlung Julietta Scharf, Berlin.
Francisco de Goya: „Die Schrecken des Krieges“ – „Ich habe es gesehen“. C: Sammlung Julietta Scharf, Berlin, Foto: Dietmar Katz, berlin © Dietmar Katz

Vor mehr als 200 Jahren radierte Francisco de Goya ihm bekannt gewordene Horrorszenen während Spaniens Okkupation durch Napoleon. Nun verweist eine Ausstellung in Berlin auf aktuelle Parallelen.

Am Museumseingang flackern einem Bilder entgegen. Großprojektionen von Grafiken auf Filmleinwänden ziehen hinein in eine Zeitreise, die nichts für Zartbesaitete ist. Wir sind im Spanien der Jahre 1807 bis 1814. Sieben Jahre des Grauens, des Todes, des Hungers. Napoleons Truppen überzogen die iberische Halbinsel mit Krieg. Ab 1810 radierte der spanische Hofmaler Francisco de Goya (1776-1828) Gewalt und Grausamkeit, die Menschen anderen Menschen antun. Er war dabei, hat es selbst gesehen: „Yo lo vi“ heißt eins der Blätter. Und auch nach Goya sahen zahllose Generationen, wie der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert. So war es schon lange vor ihm, seit Beginn der Zivilisation.

Wir sehen in Goyas grafischen Flächen und Schattenwirkungen von ungeheurer Tiefe, aus denen das Weiß der Lichtzonen intensiv herausbricht, in den Linien, Strichgespinsten und Schraffuren all die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die beide Kriegsparteien begingen. Tabulos zeigt der Zeichner Vergewaltigungen, Erschießungen und Folter, Leichen, Halbtote. Hungernde. Die katholischen Kleriker prangert er als gierige Feiglinge an, die sich, den Tatorten entfliehend, an ihre Geldbeutel klammern.

An den Stellwänden der Charlottenburger Sammlung Scharf-Gerstenberg hängen die 82 Blatt „Desastres de la Guerra“ (Schrecken des Krieges). Wir sehen die brutale Realität des Krieges. Und dazu weitere Schlüsselwerke von Goya. So die beißende Satire der achtzig mit Aquatinta abschattierten Radierungen seines weit amüsanteren „Caprichos“-Zyklus, dieser ironischen, aufklärerischen Blätter über die menschlichen Irrtümer und Laster, über die Dummheit. Es sind Schätze des Hauses, die dessen Leiterin und Kuratorin Kyllikki Zacharias aus den vor Licht schützenden Mappen geholt hat.

Francisco de Goyas grafische Meisterschaft besticht. Das hilft, die „Desastres de la Guerra“, das Gemetzel von vor 200 Jahren, zu ertragen. Den dargestellten Schmerz der Massakrierten, die Panik der Frauen und Kinder, denen die Flucht vor den verrohten Soldaten misslingt. Die Grafiken sind im Original kleinformatig und sehr spröde. Die Blätter konnten erst 1863 veröffentlicht werden, 35 Jahre nach Goyas Tod. Zur Zeit ihrer Entstehung und während der auf den Krieg folgenden Hungersnot galten sie wohl als unerträglich. Verdrängung ist für Menschen eben zu allen Zeiten ein schützender Abwehrmechanismus für Seele und Geist. Was freilich stets nur eine Weile funktioniert.

Goyas einzige Waffe gegen das Entsetzen war die Kunst. Ein Blatt aus dem weltberühmten Zyklus überschrieb er mit „Große Heldentat! Mit Toten!“. Es ist das wohl grausamste, unerträglichste Motiv der Serie: ein Baum mit spärlichem Blattwerk und hilflos aufragendem, kahlen Stamm in ebenso kahler Landschaft. An den Ästen sind entkleidete, ihrer Würde selbst noch postum beraubte Soldaten aufgehängt. Aufgespießt ein abgeschlagener Kopf. Die punktartige Schattierungstechnik, die Goya für die Körper anwandte, ist auch auf anderen Blättern zu finden, erreicht hier aber ihren krassesten Ausdruck. Sind es Franzosen? Spanier? Mit der abscheulichen Szene gibt Goya dem Philosophen Platon recht: „Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.“

In kunsthistorischen Abhandlungen wird immer wieder auf die geradezu appellhafte Eindringlichkeit der Szene hingewiesen. Sie gilt als die unmittelbare Niederschrift der Seelenlage des Künstlers. Einer Überlieferung zufolge sei Goya von einem Diener gefragt worden, warum er diese Barbareien der Menschen zeichne. Er soll erwidert haben: „...um die Menschen für ewig zu mahnen, nie mehr Barbaren zu sein“. Seither erlangte die abgründige Grafikserie, in der Goya das auch vom fast gleichaltrigen deutschen Dichter Friedrich Schiller im „Lied von der Glocke“ beschriebene Bestialische in der menschlichen Natur darstellte, universelle Bedeutung.

Diese Bedeutung der Bestialität gilt auch in den drastischen Anti-Kriegsmotiven von Malern wie Dix und Grosz, Zeichnern wie Kollwitz, Nussbaum oder Felixmüller nach dem Ersten Weltkrieg, vom Dresdner Maler Hans Grundig und später dem Leipziger Bernhard Heisig im Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg. Und sie gilt heute für die verheerenden Desastres im Mittleren Osten. Und jetzt in der Ukraine.

Der Zyklus „Caprichos“ lebt nicht vom Krieg. Die 30 gezeigten Blätter sind jedoch alles andere als harmlose Humoresken, sie sind beißend gesellschaftskritisch. Sie zeigen Armut, Prostitution und Aberglaube, Standesdünkel, Missbrauch und den brutalen Machterhalt von Adel und Klerus.

Eins der vielen Esel-Motive gießt Hohn und Spott über die Spezies der Emporkömmlinge, die alles daran setzten, eine „hohe Abstammung“ nachzuweisen und sich als Geistesgrößen zu verkaufen. „Der Esel als Literat“ ist eine ätzenden Satire auf die Vortäuschung und Anmaßung dichterischer Größe. Der Zyklus dieser Sittenbilder Goyas erschien 1799. Sofort galt er als staatsgefährdend, wurde aus Furcht vor Repressalien – die Inquisition hatte begonnen – vom Verleger eilig zurückgezogen. Es dauerte Jahre, ehe das Mappenwerk, ausgerechnet von französischen Romantikern, in seiner einzigartigen Bedeutung erkannt wurde.

Anders als in der Malerei setzte auch schon Goya als Grafiker auf formale Beschränkung. So bei der Kaltnadelradierung in Aquatinta-Technik auf lineare und flächig angelegte Strukturen in Grauabstufungen. Aus dieser Reduktion kommt die suggestive Wirkmacht. Der Betrachterblick wird ganz aufs zentrale Bildgeschehen gelenkt. Und gerade durch den Abstraktionsgehalt – die für den Zeichner notwendige Distanz – drückte Goya das Ungeheuerliche aus.

Die emotionale Wucht der Blätter liegt jedoch nicht nur in der Drastik der meisterhaft in die Radierplatte geritzten, dann aufs Papier gedruckten Szenen. Beim Betrachten bringt man auch sein eigenes Kopfkino ein. Ich hatte dann, noch auf dem Nachhauseweg aus dem Museum, diesen Satz von John F. Kennedy im Hinterkopf: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“

Sammlung Scharf-Gerstenberg , Haus der Nationalgalerie, Berlin: bis 6. November. Gezeigt wird auch die Filmreihe „Goya on Screen“ (mit Filmen von Konrad Wolf, Carlos Saura, Milos Forman). www.smb.museum

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