+
Heinrich Bünting (1545 ? 1606) schuf sich eine Welt nach dem Wappen seiner Heimatstadt Hannover.

Bachhaus Eisenach

Gott in der Wolke und murrende Lohndiener

  • schließen

Man nehme sich Zeit für eine kleine Ausstellung im Bachhaus Eisenach über die Bibliothek des Komponisten.

Es ist eine kleine, nur ein paar Quadratmeter umfassende Ausstellung. Sie stellt Bachs Bibliothek vor: 51 Titel in 82 Bänden. Das sind natürlich nicht alle Bücher, die Bach besaß. Es sind die Bücher, die in seinem Nachlassverzeichnis auftauchen, also jene Titel, die übrig geblieben waren, nachdem die nächsten Verwandten und vielleicht auch ein paar andere sich bedient hatten. Es handelt sich ausschließlich um theologische Werke. Keine Belletristik und nichts Musikalisches. Da werden wohl die Söhne sich genommen haben, was sie mochten oder brauchten.

Die Ausstellung im Bachhaus Eisenach vermittelt also keinen Einblick in die Breite von Bachs Bildungswelt. Aber es wäre ganz falsch, sie schnell zu durcheilen. Dafür ist sie ganz und gar ungeeignet. Sie erschließt sich erst dem, der sich Zeit nimmt. Viel Zeit. Es hat keinen Sinn, sich in dem kleinen Raum mit vielen Besuchern an den Vitrinen vorbeizudrücken und einen oder zwei Blicke auf die ausgestellten Bücher zu werfen.

Keines der Bücher hat Bach jemals in den Händen gehalten. Jeder Band wurde antiquarisch erworben. Jörg Hansen, der umtriebige und dabei stets genaue Direktor des Bachhauses, weist darauf hin, dass nicht bei jedem Titel sicher sei, dass es der richtige ist. Mal könnte es eine andere Ausgabe sein, mal sogar ein ganz anderes Buch. Die Nachlassliste entstand wohl so, dass einer sich die Bücher ansah und dem Schreiber Autor und Titel diktierte. So kam es zu Hör- und Schreibfehlern. In den meisten Fällen aber sind die Zuschreibungen sicher. Ein Viertel der Bibliothek besteht aus Werken Martin Luthers.

Die Reformation, so heißt es, war auch eine Singebewegung. Von Luther allein sind 37 Kirchenlieder überliefert. Sie waren ein wichtiges Instrument der Reformationspropaganda. Sie mobilisierten die Gläubigen, die wiederum mit ihnen andere mobilisierten. Dreißig vierstimmige Bachchoräle basieren auf Lutherliedern. Die sind nicht alle im Bachhaus zu hören.
Aber der Besucher sollte den kleinen Raum nicht verlassen, ohne sich hinzusetzen und auf ein paar Knöpfe zu drücken. Es wird dunkel, eine Stimme beginnt zu erzählen, zum Beispiel von Bach zwischen Mystik, Pietismus und Orthodoxie. Jetzt werden Titel genannt. Die entsprechenden Bücher werden angestrahlt. Stehen Sie auf! Gehen Sie hin!

Es ist ein Unterschied, ob sie von Johann Arndts „Wahrem Christentum“ nur hören, oder ob sie den Titel sehen. Die umständliche Schönheit des barocken Titels darf auch nicht nur gehört, sie muss auch als graphisches Kunstwerk betrachtet werden: „Vier Bücher Von wahrem Christenthumb/ Heilsamer Busse/ Herzlicher Rewe und Leid ober die Sünde und wahrem Glauben: auch heiligem Leben und Wandel der rechten wahren Christen Deren Inhalt nach dem Titul zu finden…“ Das ist nicht einmal die Hälfte des Textes der Titelseite. So ändert sich der Massengeschmack: Jahrzehntelang war Arndts „Wahres Christentum“, eine immer umfangreicher werdende Zusammenstellung von klassischen Texten deutscher Mystik, der Bestseller christlicher Erbauungsliteratur. Von 1605 bis 1724 gab es 123 Auflagen. Noch Goethe hat daraus geschöpft. Die in der Ausstellung gezeigte Ausgabe bietet auch optisch mehr als ein heutiger Betrachter aufzunehmen bereit ist. Dem sprachlichen Labyrinth entspricht ein grafisches.

Zu den schönsten Schriften der Sammlung gehört der „Itinerarium Sacrae Scripturae“. Eine Beschreibung der biblischen Stätten Palästinas. Autor ist Heinrich Bünting (1545-1606). Der war nie vor Ort gewesen, sondern schrieb aus anderen Reiseberichten seine eigene Erzählung zusammen. Von Adam bis zu den Aposteln wertete er biblische Berichte und andere Quellen aus, um Ort für Ort die Wege zeigen zu können, die die Väter gegangen waren.

Viele der Abbildungen werden bis heute immer wieder gedruckt. Es vergeht wahrscheinlich kein Monat, ohne dass irgendwo in Europa das Bild gedruckt wird, das Europa als liegende Reichskönigin zeigt. Der Kopf und die Krone sind Spanien und Portugal und der linke Arm ist Italien.

Mir gefällt besonders das oben abgebildete dreiblättrige Kleeblatt mit Europa, Asien und Afrika. Im Zentrum liegt Jerusalem. Es ist der Sieg der Ideologie über alle Wissenschaft. Genau das aber macht den Reiz der Sache aus. Man könnte auch sagen ihre Schönheit. Wir sollten nicht zu sehr von oben herab über diese Weltsicht spotten. Die von uns noch immer gern genutzte Mercator’sche Projektion der Erdkugel auf unsere zweidimensionalen Karten, stellt Europa überproportional groß dar.

Ein Spotlight bekommt auch August Pfeiffers 1695 erschienener „Anti-Melancholicus oder Oder Melancholey-Vertreiber“. Der Lübecker Superintendent August Pfeiffer (1640-1698) gehörte, wenn das Nachlassverzeichnis keinen falschen Eindruck vermittelt, zu Bachs Lieblingsautoren. Davon zeugt nicht nur eine berühmte handschriftliche Notiz von Bach auf dem Titelblatt des Clavier-Büchleins für Anna Magdalena. Bach hat auch einen Choral Pfeiffers – „So gibst du nun, mein Jesus, gute Nacht“ – vertont.

Wer auf den entsprechenden Knopf drückt, erfährt auch, dass Pfeiffer zwei Menschenarten unterschied: Murrende Lohndiener und willige Gnadendiener. Ein Christenmensch ist per se kein Melancholiker. Er gehört zu den willigen Gnadendienern. Wer dagegen sich abhängig macht von der Welt, der muss zum Melancholiker werden.

Wir murrenden Lohndiener des 21. Jahrhunderts glauben den Theologen und Orientalisten des 17. Jahrhunderts August Pfeiffer, was diesen Punkt angeht, besser zu verstehen, als er sich selbst verstand.

Das berühmteste Beispiel für Luthers genaue theologische Lektüre ist im Bachhaus nur in Kopie zu besichtigen. Das Original der dreibändigen Calov-Bibel liegt in Concordia Seminary Library in St. Louis, Missouri. In ihr finden sich 348 Unterstreichungen, Ausrufezeichen und Randbemerkungen, die, so sagen die Experten, von Bach stammen sollen. 2. Chronik, Kapitel 5 endet die Beschreibung eines musikalischen Gottesdienstes im alten Israel so: „Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: ,Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig‘, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“

Da schrieb der Musiker Bach an den Rand: „Nota bene: bei einer andächtigen Musik ist Gottes Gnade gegenwärtig.“

Bachhaus in Eisenach: „Bachs innere Welt“ ist ein neuer Teil der Dauerausstellung, weitere Informationen unter: www.bachhaus.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion