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Francesco Clemente und seine Werke.
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Francesco Clemente und seine Werke.

Francesco Clemente in der Frankfurter Schirn

Im Golf der Symbole

  • VonPeter Michalzik
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Brustwarzenerigierte Erotik, Porträts, Mega-Aquarelle: Francesco Clemente malt Kunst für jeden. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle widmet dem italienischen Maler eine große Werkschau.

Am Regenbogen, sagte Francesco Clemente bei der kleinen Pressekonferenz zur Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Frankfurter Schirn, am Regenbogen interessiere ihn vor allem der Moment des Übergangs vom Regen zur Sonne. Das hört sich frisch-elementar an und findet sich in seinem großen Zyklus von 2009, A History of the Heart in Three Rainbows (I-III), auch wirklich wieder.

Das wiederum liegt vor allem daran, dass es sich um Aquarelle handelt, luftig-feuchte, durchscheinend-leuchtende, farbenfroh-bunte Bilder, alle riesig groß, 1,86 mal 3,67 Meter. Für diese Größe sind sie in bewundernswerter Technik gemalt: Das Papier blieb offenbar plan, so hat die wässrige Farbe keine Seen gebildet, wo sie beim Malen zusammengelaufen wäre.

Ansonsten aber sind die Mega-Aquarelle Werke megalomaner Kombinatorik. Neben Regenbogenfarben und zahlreichen Herzabbildungen, auf dem ersten Aquarell in embryonalem Zustand, dann sozusagen auf Reisen durch die Welt, finden sich Körper, vor allem weibliche, dann gern mit Vogelkopf, aber auch männliche, dann gern mit erigiertem Glied, oder aber als Harlekine. Es finden sich Tiere von Maus bis Schmetterling, Utensilien des alltäglichen Bedarfs wie Kamm und Schere, Mauern, Türme, Dornen, Blätter, Spinnweben, Sterne mit Schweif, Totenköpfe, Vogelbauer, Knochen, Perlen und Boote. Man steckt tief drin im mythologischen Gestrüpp, alles ist Symbol und verweist farbenfroh – wohin auch immer.

Francesco Clemente, aus Neapel stammend und aus der italienischen arte povera hervorgegangen, 1952 geboren, in New York lebend, Indienfahrer, Beuys- und Warhol-Bewunderer, Basquiat-Freund, weißbärtiger Halbmystagoge und Viertelchristus, erinnert an einen fast vergessenen Künstlertyp: Es ist ein alteuropäischer, ironiefreier, dafür lebensleichter Italo-Schamane. Clemente kombiniert munter und versiert, was der europäische Mythenschatz hergibt, ohne damit etwas zu meinen, es geht um das allgemeine Gefühl, leicht bedeutsam, leicht mediterran, leicht raunend, leicht irisierend, leicht erotisierend.

In diese bedeutungsbunte Atmosphäre passt auch der Titel der Ausstellung bestens. „Palimpsest“ heißt die überschriebene, vornehmlich mittelalterliche Schriftrolle. Clemente überschreibt und beschreibt wirklich, wie es ihm gefällt. Er tut das allerdings in einer bestimmten emphatisch-pathetischen Tradition, für die die Zeit keine Hürde darstellt, die sich in die Antike und das Mittelalter hineindenkt, als seien sie gestern gewesen.

Insgesamt fühlt sich das dann in etwa so an wie ein Italienurlaub, mit Kultur, sonnenheißem Stein und gutem Abendessen, was ja bekanntlich nicht unangenehm ist.

Der zweite Teil der Ausstellung besteht aus einem kleinen Ausschnitt aus dem bisherigen Werk des Künstlers, beginnend mit einer Arbeit von 1978, die nach Pop-Art aussieht. Sie zeigt sechs Soldaten, die neben sechs Fanta-Flaschen stehen. Man fragt sich sofort, warum es keine Cola-Flaschen sind: ’78, als doch alles politisch erregt um Amis kreiste, wenn es um Militär ging. Vielleicht ist doch die Wehrmacht gemeint, in deren Land die Fanta erfunden wurde? Nein, erfahren wir, der fante ist auf Italienisch auch der Fußsoldat, der Infanterist. Clemente fand das lustig.

Was Clemente malt, ist Kunst für jeden. Es ist Kunst, die jedermann mögen und verstehen kann. „Name“ heißt ein expressionistisch gemaltes Porträt von 1983, auf dem aus Augen, Ohren, Mund und Nasenlöchern der Kopf noch einmal herausschaut. „Alpine Grip“, ein Bild von 1987, zeigt zwei Hände, die sich gegenseitig fassen. Die Bergsteigermotivik vermischt sich mit christlicher Symbolik, drahtähnlich gezackte Linien lassen an Kunst aus den Lagern des 20. Jahrhunderts denken.

„Andachtsort“ nennt Clemente dagegen 1989 ein Bild, das zwei bläulich-dunkle Menschen, beides Frauen, beim Kuss zeigt. Die berührenden Münder sind strahlend rosa, ein frühes Herz, ein Andachtsort, eine Vulva. Das ganze Bild atmet jene brustwarzenerigierte Erotik, die Clemente auch sonst liebt.

Stärker sind dagegen die Porträts aus den 90er Jahren. Etwa die großartigen Bildnisse von Robert Creeley und Allen Ginsberg oder das überwältigend rote, vulgär-verführerische Bild von Alba, die sich in den Bildrahmen zwängt. Auch das plastische Fran-Lebowitz-Porträt von 2006 überzeugt in seiner Zudringlichkeit. Aber das kann diese Ausstellung nicht retten.

Clemente huldigt einem überkommenen Vitalismus der Schöpferkraft. Ein Selbstporträt zeigt ihn, wie er auf einem rot-erigierten Riesenpenis sitzt, eine Art Reit-Torpedo, und den hinter ihm Folgenden den Weg weist. Dabei ist der Blick zurück bezeichnenderweise weit ausdrucksstärker als die Geste in die Zukunft.

Es gibt Clemente-Liebhaber, die über jeden Zweifel erhaben sind: Peter Handke, Salman Rushdie, Derek Walcott. Trotzdem sind die Bilder zu oft von zweifelhafter Qualität. Die Ausstellung macht jedenfalls nicht klar, warum Clemente in der Schirn jetzt mit einer Einzelausstellung hervorgehoben werden muss. Es ist seit vielen Jahren die erste in Deutschland.

Es sei der Übergang, der ihn interessiere, sagte Clemente. Dass seine Bilder einfach schön sind und vor allem schön sein wollen, sagte er nicht. Seine Malerei, insbesondere die Regenbogenserie, ist eine merkwürdige Mischung aus Chagall und Warhol.

Das ist an sich unmöglich, bei Clemente gehen die beiden aber ein entspannt-buntes Verhältnis ein. Diese Kunst, die keinen Stil hat, dafür eine globalisierte Italianitá atmet, legt alles in die ansprechende Oberfläche, ihr Geheimnis ist im ersten Moment verstehbar, sie muss aber trotzdem dauernd so tun, als hätte sie eines.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 4. September. Der Katalog kostet in der Ausstellung 24,80 Euro.www.schirn.de

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