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Dialog der Krabbenfischer: Standbild aus „Les marches du héros absurde“, einem Film von Edmund Kuppel, 2016.
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Dialog der Krabbenfischer: Standbild aus „Les marches du héros absurde“, einem Film von Edmund Kuppel, 2016.

Edmund Kuppel

Glaubst du, der filmt uns wirklich?

  • VonIngeborg Ruthe
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Absurd und experimentell: Edmund Kuppel, Träger des Käthe-Kollwitz-Preises 2016, präsentiert sein ungewöhnliches Werk in einer äußerst sehenswerten Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin.

Das sieht nach körperlicher Arbeit aus und riecht nach Salzwasser, Wind, Tang, Fisch – und Gummistiefeln. Die Männer in Ölzeug, mit Keschern unterm Arm gehen zur Arbeit: Krabbenfischerei ist eine der ältesten Fangarten in der Nordsee und an der französischen Kanalküste. Hier hat der Fotograf, Filmemacher und Bildhauer Edmund Kuppel auf dem Plateau über der Kreide-Steilküste diese martialischen Stufen entdeckt. Sie führen steil hinab zum Strand. Die Ebbe macht das Krabben-Fangen mit dem Kescher möglich.

Im Filmstill links ignorieren die Fischer noch die Kamera, die sich hinter ihnen befindet. Auf dem rechten Bild aber drehen sich beide ungläubig nach dem Filmemacher um. Darum nennt Kuppel die Szene: „Dialog der Krabbenfischer: Glaubst du, der filmt uns wirklich?“ Beide Szenen sind Standbilder aus seinem wunderbar ruppig-poetischen Filmessay „Les marches du héros absurde“ frei nach Albert Camus, gedreht 2016, Dauer 20 Minuten und natürlich eine Anspielung auf das Absurde, auf Sisyphos.

Edmund Kuppel, 1947 im badischen Blumenfeld geboren und nun in Karlsruhe, wo er studierte, wie in Paris zu Hause, hat soeben in der Akademie der Künste in Berlin den Käthe-Kollwitz-Preis 2016 bekommen – dazu eine Ausstellung all seiner Erfindungen zum Thema Absurdität, in der auch – bezeichnenderweise unter der Treppe – dieser Film läuft.

Konstruktionen, halb Apparat, halb Skulptur

Kuppel leistet mit seinem Werk Pionierarbeit zum Verhältnis von Fotografie und Skulptur. Er entwickelte dafür Konstruktionen, halb Apparat, halb Skulptur. Diese im Saal ausgestellten Erfindungen dienen der Herstellung von Bildern und zugleich dem Zeigen. Fotografie, Film, Skulptur werden eins. Vor Jahren erfand Kuppel ein einzigartiges Verfahren, indem er einen Rückspiegel vor seine Kamera montierte mit dem Ziel, zugleich sein Motiv als auch den Hintergrund des Fotografen zu fotografieren und in ein und demselben Bild festzuhalten.

Alles kreist also um den Entstehungsprozess der Szenen und der darin enthaltenen Geschichten. Und was wir sehen, ist selbstredend absurd: Die Krabbenfischer, die unablässig auf diesen unglaublich steilen Stufen steigen und steigen und steigen, ohne je oben – oder unten – anzukommen. Oder eine auf zwei Monitore verteilte Sanduhr, wo es nie aufhört, nach unten zu rieseln, die Zeit, trotz des Rieselns, also erstarrt sein muss. Immer geht es um Wahrnehmung und deren Relativität: Es könnte alles ganz anders sein, wie wir es sehen – oder sehen wollen.

Da steht man vor der Video-Projektion eines Büroturms, wie er sich zwischen 10 und 14 Uhr unter der Sonne bewegt, ein herrliches Irritationsspiel, das einen die Erde am Ende als Scheibe wahrnehmen ließe, wüsste man’s nicht besser. Und da ist dieser Video-Film aus dem Jahr 1972, in dem der junge Kuppel in weißer Arbeitskluft sich mit Holzpflöcken in der Landschaft „festrammt“, sich dann durch den steilen Blickwinkel-Wechsel der Kamera die Erde auf den Körper zubewegt, so dass der Akteur sie „wegschieben“ muss. Welch absurder Humor.

Aber so spannt sich der Bogen von Kuppels „Mission“ – der Fotografie über Fotografie – zum Grundmotiv des Werks von Camus. Der hatte sich dem „Mythos von Sisyphos“ verschrieben, damit den Absurditäten des Alltags, der Arbeit, der Beschäftigungen, unseres unablässigen Strebens – das letztlich (mit dem Tod) umsonst ist.

Krabbenfischen wird bei Edmund Kuppel zur Sisyphosarbeit. Auch die Sanduhr arbeitet wie der tragische griechische Held. Ein Zug rattert durch Landschaften, und wenn er durch Tunnel fährt, sehen wir, die Zuschauer im Kinositz, uns im Zugfenster gespiegelt, also nur uns selber. Und im wandfüllenden 300-Foto-Tableau erzählt Kuppel von nicht mehr existenten Pariser Foto-Studios, ergo von der Zäsur durch die Digitalisierung: Die fotografische Profession ist abgelöst von beliebiger Knipserei, von Fotos ohne Fotoapparat.

Kuppels eigenwillige, ungefällige, kafkaeske Kunst erinnert ans authentische, echte Machen. Also geht es auch ums Zweifeln. Wie beim Existenzialisten Camus. Denn: „Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“

Akademie der Künste Berlin, Am Hanseatenweg 10: bis 3. Oktober.

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