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Gilbert & George: „City Drop“, 1991.
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Gilbert & George: „City Drop“, 1991.

Schirn Kunsthalle

Gilbert & George: Die Herren Provokateure mögen es direkt

  • VonSandra Danicke
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Die Schirn zeigt die so bunten wie provozierenden Werke von Gilbert & George.

Es geht gleich ziemlich heftig los. Bereits in Raum 1 fällt der Blick auf ein Bild, das man im ersten Moment für eine abstrakte Grafik hält. Während man noch über die interessante Form- und die poppige Farbgebung nachdenkt, stellt sich der Schreck des Erkennens ein. Das Werk mit dem Titel „Shit Faith“ zeigt vier Hintern, aus denen Kackwürste ragen. Diese sind auf eine Weise angeordnet, die an ein christliches Kreuz erinnert. Ein Pendant mit dem Titel „Buggery Faith“ zeigt vier Penisse, die auf ein einziges Poloch zusteuern. Das Beruhigende ist: Viel drastischer wird es nicht in der Ausstellung „Gilbert & George. The Great Exhibition“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle; das Level der Provokation wird aber mühelos gehalten.

Gilbert & George, die mit der Wanderausstellung ihre mehr als fünfzigjährige Zusammenarbeit feiern, haben diese Bilder 1982 und 1983 gemacht, zu einem Zeitpunkt also, als Homosexualität noch weit davon entfernt war, eine Selbstverständlichkeit zu sein. Dass solche Werke nicht etwa in den verruchten Kellern einer als exzessiv verschrienen Darkroom-Szene entstanden sind, sondern von zwei adrett gekleideten Herren stammen, die an einer angesehenen Kunsthochschule studiert haben, sorgte – gelinde gesagt – für Irritationen. Dergleichen musste man sich – und muss man sich heute noch, knapp 40 Jahre später – erst einmal trauen.

Es begann 1967, als sich an der Londoner Kunsthochschule St Martin’s School of Art zwei Männer namens Gilbert (geb. 1943) und George (geb. 1942) begegneten. „Als wir St. Martin’s verließen, wurde uns klar, dass wir alleine sind und dass niemand uns helfen konnte“, erzählt Gilbert, der im Gegensatz zu George nicht in England, sondern in Italien geboren wurde. „Auf Treffen fühlten wir uns wie Außenseiter. Wir passten einfach nicht rein. Wir schufen keine Skulpturen wie die junge Generation von Bildhauern. Wir schufen nicht die in dieser Zeit üblichen Kunstwerke. Dann hatten wir den Einfall, dass wir selbst das Kunstwerk sein und uns in den Straßen Londons präsentieren könnten.“ Das Kultduo Gilbert & George war geboren.

Seither tritt das Paar in eleganten britischen Anzügen auf und erklärt sich selbst zur lebenden Skulptur. Der Kontrast zwischen ihrem distinguierten Auftreten und den drastischen Inhalten ihrer Werke – immer wieder geht es um Sexualität, Ausscheidungen, Politik und Religion – hat bis heute nichts von seiner subversiven Kraft verloren. Indem sie die Betrachter:innen mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrer Intoleranz brüskieren, gehören Gilbert & George zu den radikalsten Künstlern ihrer Generation.

Wer die Retrospektive, die Arbeiten aus sämtlichen Werkphasen umfasst und heute endlich eröffnet wird, abschreitet, fühlt sich wie in einer Kathedrale der besonderen Art – nicht nur, weil immer wieder christliche Kreuze (im Verbund mit Obszönitäten oder nackten Tatsachen) auftauchen, sondern auch, weil die Bildsprache des Paares unweigerlich an Kirchenfenster erinnert. Ihr Markenzeichen sind gitterförmig angelegte, riesige Tableaus, auf denen sie fast immer selbst abgebildet sind. Sind die frühen Werke noch schwarz-weiß, kommen mit den Jahren nach und nach immer mehr Farben hinzu.

Und obwohl die Künstler ihre markante Bildsprache ständig weiterentwickelt haben, sind ihre Arbeiten stets auf Anhieb als solche erkennbar. Allein die frühen Schwarz-Weiß-Serien, in denen es vornehmlich ums Trinken geht, fallen ein wenig aus dem Gestaltungsschema heraus. „Unser Ziel“, so formulierten sie einst, „ist eine besonders leicht zugängliche Form, mit der man Bilder in der modernsten Sprache unserer Zeit schaffen kann. Das Kunstmaterial muss der Bedeutung und dem Zweck des Bildes dienen. Wir machen Bilder, weil wir Menschen ändern wollen, nicht weil wir sie dazu beglückwünschen wollen, wie sie sind.“

Um Menschen zu ändern, ist es natürlich wichtig, von ihnen verstanden zu werden. Gilbert & George gehen dies sozusagen frontal an. Arbeiten, in denen sie beispielsweise Headlines aus Boulevardblättern versammeln, in denen das Wort dying (sterben) oder kidnap (Entführung) vorkommen, heißen „Dying“ oder „Kidnap“. Ein Tableau in grellem Pink und Rot, auf dem die Künstler die Betrachter förmlich anzuspringen scheinen, heißt „Headache“ (Kopfschmerzen). „Unsere Kunst soll über die Wissensgrenzen hinweg die Menschen direkt ansprechen, ihnen etwas über ihr Leben mitteilen und nicht über ihr Kunstwissen“, verkündete das Paar – wenngleich sich der eine oder die andere von den Inhalten der Bilder durchaus provoziert fühlen dürfte. Das gilt nicht nur für den Themenkreis Erotik und Exkremente, sondern auch für politische Inhalte wie Arbeitslosigkeit, Überwachung oder Islamismus.

In einer aktuellen Serie tragen die Protagonisten schräge Fantasiebärte und verweisen damit sowohl auf die Gesichtsbehaarung islamistischer Gewalttäter als auch auf das Phänomen des Hipsterbartes. Andere Bilder zeigen vollverschleierte Muslimas in Kombination mit gefundenen Lachgaspatronen – eine an sich harmlose Kombination, die jedoch unmittelbar Assoziationen an Bombenattentate auslöst.

Dann wieder gibt es Werke, bei denen Schönheit und Poesie dort aufscheint, wo man sie nicht erwartet hätte – in einem Bild namens „Piss Garden“ zum Beispiel, das auf einer mikroskopischen Vergrößerung des Urins der Künstler basiert. Oder wie es im Katalog in ihren eigenen Worten heißt: „Gilbert & George waren erstaunt und erfreut, diese wunderbaren Formen, Zeichen und Symbole in ihrem vergrößerten Urin zu entdecken.“

Schirn Kunsthalle Frankfurt : bis 16. Mai. www.schirn.de

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