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Pascal Johanssen im Direktorenhaus.

Direktorenhaus Berlin

Pascal Johanssen über Design: „Es gibt keine harte Grenze zur Kunst“

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Pascal Johanssen, Leiter des Berliner Direktorenhauses, über das Ansehen von Design international und warum Berlin hinterherhinkt.

Pascal Johanssen, 1973 in Berlin geboren, ist Kurator für zeitgenössische angewandte Kunst. Seit 2010 leitet er gemeinsam mit Katja Kleiss das Direktorenhaus in Berlin, das für eine Verbindung von Design, Handwerk und Kunst steht. Seit 2018 ist er Vorsitzender des German Craft Council (Meisterrat).

Sein Buch „Handmade in Germany. Manufactory 4.0“, Arnoldsche Verlag, 2019, ist soeben erschienen.

Herr Johanssen, warum sollte es in der politischen Behandlung von Design und freier Kunst Ihrer Ansicht nach keinen Unterschied geben?

Im Direktorenhaus hier in Berlin haben wir es mit Designern, Künstlern und Kunsthandwerkern zu tun. Und ich weiß aus erster Hand, dass Designer schon seit einiger Zeit ebenso experimentell arbeiten wie Künstler. Denken Sie an Ursula Wagner, Sarah Pschorn oder Elisa Strozyk. Gestalter und Gestalterinnen machen heutzutage Ausstellungen, gestalten auch zweckfrei und greifen in Social-Design-Projekten Themen wie Nachhaltigkeit auf. Das ist eine durchaus gesellschaftspolitisch relevante Arbeit. Diese Leute kommen in der schnellen Vermarktungsmaschine nicht unter und brauchen auch Orte. Die wirtschaftliche Situation einer Person ist mit der Zuweisung entweder in den Design- oder den Kunstbereich nicht gleich miterzählt. Ich kenne sehr reiche Künstler und prekär arbeitende Designer. Es ist auch eine deutsche Besonderheit, dass die Grenze zwischen ihnen so hart gezogen wird. In Frankreich, England und vor allem Holland gibt es diese Unterscheidung nicht. Da wird Design ganz anders gefördert. In Berlin und Deutschland überhaupt gibt es da große Berührungsängste.

Für wen sprechen Sie da?
Ich spreche vor allem für den Meisterrat. Das ist eine im letzten Jahr gegründete Organisation, die aus einem Netzwerk von Manufakturen und Designern, Kunsthandwerkern und Hochschulen entstanden ist, das sich in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut hat. Bei den bundesweit jetzt schon fast 2000 Mitgliedern sind sowohl die Kunsthandwerker und Gestalter dabei, die aktuell im Direktorenhaus gezeigt werden, aber auch kleinere und größere Manufakturen. Wir binden Manufakturen, produzierende Designer und Kunsthandwerker zusammen.

Wie genau knüpfen Sie an den historischen Meisterrat des Bauhauses an?
Die Verbindung von Kunst und Handwerk in der Bauhaus-Idee wird heute gern als die Initialzündung für das moderne Industriedesign gesehen. Das war aber zu einer Zeit, als es diese Industrie so noch gar nicht gab. Der Ursprung geht ja auf den Werkbund zurück und dessen Verbindung von künstlerischem Handwerk und der Beurteilung dessen, was jenseits des Luxusbegriffes Qualität ausmacht. Das ist etwas, das wir über die Jahre vergessen haben. Kunsthandwerk wird in Deutschland inzwischen als Kunstgewerbe verniedlicht. In Frankreich gibt es einen Staatssekretär, der die Métier d’Arts politisch vertritt. Und hier geht Design in einem Zwischenbereich zwischen Kultur und Kreativwirtschaft auf. Wobei zu letzterer auch die Gaming-Industrie, die Software-Leute und andere zählen, die mit unseren Diskussionen gar nichts zu tun haben.

Sie sind ja bereits Zwischennutzer der Alten Münze in Berlin und waren an den Workshops zur Zukunft des Areals beteiligt. Was hat Sie daran so unzufrieden gemacht?
Wir haben hier ja schon eine längere Vorgeschichte. Wir sind der einzige rein kulturelle Mieter, mit einem eigenen Programm. Und im Jahr 2011 haben wir bereits ein Konzeptverfahren gewonnen. Damals traten 15 verschiedene Konzepte gegeneinander an, und wir bekamen vom Steuerungsausschuss Liegenschaftsfonds den Zuschlag und einen Kaufantrag für die Immobilie. Da hatten wir natürlich Investoren. Dazu kam es dann nicht, und ich bin heute auch froh, dass die Alte Münze inzwischen in Landesbesitz ist. Uns ging es damals nur darum, dass der Ort kulturell bespielt wird. Ich will nur sagen, dass unser Konzept des Designforums in einer früheren Zeit politisch ausgewählt wurde. Jetzt gibt es in Berlin einen neuen Kultursenator und eine neue Linie. Aber ist das ein Grund, dass dieses Konzept jetzt nicht einmal mehr zur Diskussion gestellt wird?

Wie sieht Ihr Konzept für das Gelände der Alten Münze aus?
Wir haben ein monothematisches Konzept. Wir glauben, dass eine thematische Eingrenzung der Wahrnehmung hilft. Das kann natürlich auch Musik sein. Hauptsache, es wird eine erkennbare Strahlkraft entwickelt. Der Platz ist ja letztlich nicht allzu groß. Auch 11 000 Quadratmeter schrumpfen schnell, wenn man Raum für Konzerte, Ausstellungen oder Wechselbespielungen mit einplant. Wieviel Quadratmeter wirklich nutzbar sind, muss sich sowieso noch zeigen. Wer einmal in den Kellerräumen war, der bekommt große Zweifel, ob das wirklich mit zweistelligen Millionenbeträgen zu sanieren ist. Daher gibt es auch in unserem Konzept einen Erweiterungsbau und darüber hinaus haben wir darüber nachgedacht, auf die Prägehalle noch eine Etage draufzusetzen. Wir würden auch Social Design und Social Startups mit einbeziehen, die an nachhaltigen Zukunftsprojekten arbeiten. Kunsthandwerk also nicht verstanden als den Lederfrickler, der nur Taschen macht, sondern als Innovation, die auch Leute aus dem Bereich der angewandten Künste berücksichtigt. Ein Kreativquartier, das nicht per se ganze Gewerke ausgrenzt.

Glauben Sie nicht, dass Sie auch im jetzigen Konzept Ihren Platz finden könnten?
Durchaus. Wenn man abstrakte Begrifflichkeiten zugrundelegt, wie „Produktionshalle“ beispielsweise, dann können auch wir die füllen. Ich kritisiere nur, wie dieser Diskurs geführt wird. Ein Workshopverfahren, das in so kurzer Zeit Ergebnisse vorlegen soll, treibt die Leute geradezu in Verteilungskämpfe. Das Direktorenhaus ist ein Museum. Aber auf einmal ist man in der bösen Schublade der Wirtschaft. Ich denke, man sollte die kulturellen Szenen nicht gegeneinander ausspielen. Zumal in einer Stadt, die sich mit dem Titel Unesco City of Design schmückt!

Wie würden Sie Berlin als Designstadt im internationalen Vergleich einordnen?
In Berlin haben wir einen unglaublichen Pool an Akteuren. Da reden wir nicht über 300, sondern über 1500 Leute, die zum Teil international gesehen werden und wirklich gute Sachen machen. Das wird in der politischen Öffentlichkeit aber nicht anerkannt. Das Design ist hier heimatlos. Wenn jemand aus London vom Royal College of Art kommt und in Berlin zeitgenössisches Design angucken will oder Craft – es gibt in London ja die London Craft Week, das ist eine der hippesten Veranstaltungen dort –, wo schickt man ihn hin? Ins Stilwerk? Es gibt solche Orte hier nicht. Barcelona, Mailand, Amsterdam, London, Paris oder sogar Wien sind uns da zehn Jahre voraus. Sowohl was Förderstrukturen betrifft, was Verständnis betrifft, was experimentelle Biotope betrifft. Wir machen ja diese „Handmade in Germany World Tour“, das ist eine Tourneeausstellung von deutschen Manufakturen, und wir waren in China, in Russland, in Amerika. Und wir haben gesehen, wie scharf die Leute darauf sind, denn Handarbeit gibt es nicht mehr überall. In Deutschland bestehen noch zehn Porzellanmanufakturen von Rang und Namen, in England keine mehr außer Wedgewood. Und in Frankreich arbeitet gerade alles auf die Luxusindustrie hin. Aber bei uns ist das keine Luxusbranche. Das sind mittelständisch geprägte Unternehmen.

Haben Sie Hoffnung, mit dem Direktorenhaus da bleiben zu können, wo Sie sind?
Davon gehen wir ganz fest aus. Denn wir sind der längste und erste Mieter hier, wir haben den Trakt ja überhaupt erst ins Gespräch gebracht. Und wenn eine rein kulturelle Organisation durch andere kulturelle Nutzer verdrängt werden sollte, fänden wir das schon relativ befremdlich.

Interview: Petra Kohse

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