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Videostill aus "Fressen oder Fliegen", 2008.

Harun Farocki

Es gibt nur die eine Welt

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„Mit anderen Mitteln“ oder die Logik des Kinos: Harun Farockis Vermächtnis auf Monitoren, an Wänden und in Vitrinen des Neuen Berliner Kunstvereins.

Es war Mitte der neunziger Jahre, da wurde der leidenschaftliche Dokumentarfilmer Harun Farocki auch unwiderruflich zum bildenden Künstler. Überdeutlich sah man das 1997, auf der documenta 10 in Kassel, wo er seine Schnittstellen von Dokumentation und Kunst vorlegte, damit Praktiken und Formen des Kinos thematisierte. Er startete sozusagen durch. Zehn Jahre später, auf der documenta 12, feierte er einen regelrechten Triumph mit seiner Video-Installation „Deep Play“. 2014 dann riss der Tod diesen eigenwilligen Kreativen plötzlich und unerwartet aus dem Schaffen. Es blieben 100 Experimentalfilme und Video-Essays.

Nein, Farocki, 1944 als Sohn eines eingewanderten indischen Arztes in Neutitschein (Tschechien, heute: Nový Jicín) geboren, war kein Frühvollendeter. Von ihm hatte die Film-Kunst-Welt noch viel erwartet – auch die des Spielfilms, er arbeitete auch mit dem Regisseur Christian Petzold für „Innere Sicherheit“, „Barbara“, zuletzt für „Phoenix“. Er war, Projekt für Projekt, immer besser geworden, wissender, analytischer, tiefer. Zugleich lakonischer.

In den abgedunkelten hohen Räumen des Neuen Berliner Kunstvereins ist jetzt die Farocki-Retrospektive „By Other Means“ zu sehen, auf zig Monitoren mit Kopfhörern, an der Wand, in Vitrinen mit den Archiv-Materialien seines film- und medientheoretischen Werkes. Mit anderen Mitteln also filmte und fertigte dieser Ethnograf westlicher Lebenswelten Film-Montagen etwa aus dramatischen Spielfilmen, made in Hollywood, dazwischen Szenen aus spröden Dokumentationen. Dazu erklingt wirkungsvolle Musik, es geht um Krieg.

„Tropen des Krieges“ spielt auf fünf Bildschirmen. „Weiche Montage“ hat Farocki diese Methode genannt. Es sind allesamt zentrale, auch pathetisch-patriotische Motive aus bekannten Filmen, vor allem über den Vietnamkrieg und dessen Traumata. Dazwischen Amateuraufnahmen. Ein „Souvenir“: zwei grinsende Soldaten im Camp. Die Finger des Fotografen an der Kamera sind zu sehen. Und natürlich ist Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ über die Invasion der Alliierten in der Normandie, dem „D-Day“ 6. Juni 1944, Teil der Schnittstellen-Arbeit. Auf seine spezielle, sezierende, analysierende Weise untersuchte Farocki in dieser Arbeit die Inszenierung des Kriegsgrauens, der seit diesem Film als stilbildend gilt.

Aber: Der „gerechte“ Krieg schlägt immer zurück auf seine Kämpfer in Farockis Montagen. In „Fressen und Fliegen“ sieht man Landschaften: Irak, Afghanistan, Gaza – wüstes Land, kaltblauer Himmel, der hängt samt Wolke nach unten, Richtung Hölle, wohl eine Aufnahme aus einem Militärflugzeug. Und im nächsten Bildschnitt: eine Hand mit Pistole, den Finger am Drücker. Und man ahnt ihn, den posttraumatischen Horror, der Kriegsheimkehrer gepackt hält, nie mehr loslässt, ihnen kein normales Leben mehr erlaubt.

Bei Farocki geht es um das Offenlegen der Machtstrukturen: im Alltag, in der Soldatenausbildung, im Krieg – in der Abgründigkeit militärischer Logik. Installation für Installation, Film-Montage für Film-Montage – eine ganze Farocki-Reihe läuft parallel zur NBK-Ausstellung im Kino Arsenal und bei Savvy Contemporary in der Weddinger Plantagenstraße 31 – erleben wir den wohl eigensinnigsten Ästheten des Dokumentarischen, einen an Brecht und Godard orientierten, hinterfragenden, insistierenden „Verwischer“ von Wirklichkeit und Spiel. Und eine lakonische Kassandra der Jetztzeit mit all den unüberschaubaren, beängstigenden, ungeahnten Hightech-Möglichkeiten. All die nüchtern-absurden Video-Kriegs-Situationen, die Farocki zwischen Menschen und Computertechnik stattfinden ließ, dienten niemals der Unterhaltung. Sie entlarvten ihren im Grunde perfiden Zweck – den Kampf auf Leben und Tod.

Die von sieben Kuratoren vorbereitete Retrospektive, geleitet von Marius Babias und Antje Ehmann, der Witwe Farockis, bringt uns einen Ausnahmekünstler, Europäer und Weltbürger nahe, dem seine Arbeit immer zugleich intellektuelle wie technische Herausforderung war. Farocki klärte mit Leidenschaft und Präzision über die veränderten Verhältnisse zwischen Kamera und Autor, zwischen Technik und Mensch auf und blickte tief in die komplex scheinende, aber eigentlich banale Systematik der kapitalistischen Gesellschaft, der virtuellen und realen Kriegsvorbereitung, des Nationalismus und Patriotismus.

Draußen an der NBK-Fassade hat der chilenische Konzeptualist Alfredo Jaar eine Hommage für Farocki angebracht: eine Klaviertastatur, Namen von Farockis Vorbildern, darunter Luxemburg, Liebknecht, Brecht. Und dazwischen hat er die Karte der Kontinente aufgesprüht: West-Ost-Süd-Nord. Eine Welt!

Neuer Berliner Kunstverein,  Chausseestr. 128/129: bis 28. Januar.  www.nbk.org

Im Berliner Kino Arsenal laufen  Farockis Filme noch bis November.

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