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Giacometti, „La Cage“, 1950.

Schirn Kunsthalle

Giacometti und Nauman

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Alberto Giacometti und Bruce Nauman sind zwei Künstler, die man eigentlich nicht zusammen verorten würde. Die Frankfurter Schirn zeigt in einer Ausstellung, was beide gemeinsam haben.

Bereits die erste Gegenüberstellung ist so bestechend, dass man es zunächst für einen glücklichen Zufall hält: Alberto Giacomettis Frühwerk „L’Objet invisible (Mains tenant le vide)“ (1934) – eine weibliche Bronze-Figur, deren Hände ein unsichtbares Objekt umgreifen – trifft auf Bruce Naumans „Lighted Center Piece“ (1967/68), bei dem vier Lichtstrahler die Leere auf einer Aluminiumplatte beleuchten. Das Nichts steht bei beiden Werken im Zentrum und nicht nur dies. Es spielt im gesamten Oeuvre beider Künstler eine wichtige Rolle. Dass es zwischen den beiden für die moderne und zeitgenössische Kunst so maßgeblichen Bildhauern erheblich mehr Gemeinsamkeiten gibt, als man bisher gedacht hat, begreift man erst nach und nach.

Die Ausstellung „Giacometti – Nauman“, die derzeit in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen ist, ist eine Offenbarung. Sie präsentiert zwei Künstler, die man bisher nie zusammen gedacht hat. Der eine ist für dürre Stelen bekannt, die Menschen auf eine Weise darstellen, die ans Verschwinden grenzt, der andere für performative Videos, flackernde Neonschriften oder hängende Kunststoffköpfe. Beide kannten sich nicht (obwohl das zeitlich gerade noch möglich gewesen wäre), und arbeiteten nicht im selben Kontext. Nauman, Jahrgang 1941, hat sich für Giacometti (1901-1966) nie sonderlich interessiert. Dass Giacometti Arbeiten Naumans gekannt hat, ist eher unwahrscheinlich. Und doch sind die Berührungspunkte so offensichtlich, dass man sich unweigerlich fragt, wie das bisher übersehen werden konnte.

Im Zentrum des Schaffens des Schweizers wie des Amerikaners steht der Mensch – was für Künstler nichts Außergewöhnliches ist. Doch die Parallelen in der Art und Weise, wie beide Künstler den menschlichen Körper umkreisen, sich daran abarbeiten ihn zu definieren, wie sie mit radikalen Mitteln die Bedingungen der Existenz erforschen, sind frappierend. Auch die Kompromisslosigkeit, mit der sich beide Künstler mit den Grenzen des Wahrnehmbaren und den Erscheinungsformen des Realen beschäftigt haben, zeugt auf bemerkenswerte Weise von einer ganz ähnlichen künstlerischen Haltung.

Die Ausstellung ist in Themenkomplexe unterteilt. Es beginnt mit „Figur und Raum“: Neben den eingangs erwähnten Skulpturen ist hier etwa eine Gegenüberstellung von Naumans „Corridor with Mirror and White Lights“ (1971), einem Gang, der so schmal ist, dass man ihn nicht betreten kann, und Giacomettis spindeldürrer „Femme debout“ (1948/49) zu sehen. So entsteht ein Dialog, der gedankliche Räume eröffnet, in denen die Werke einander regelrecht zu potenzieren scheinen. In einer Reihe performativer „Studio Films“ erkundet Nauman den Raum seines leeren Ateliers mit dem eigenen Körper. Auch Giacomettis stark verdichtete Figuren weisen über sich selbst hinaus, indem sie den sie umgebenden Raum auf auratische Weise aufladen und zum Schwingen bringen. Mit den tastenden Bewegungen in Naumans Performances korrespondiert die vibrierende, unfertig erscheinende Oberfläche in den Skulpturen und Gemälden Giacomettis.

„Es ist gar nicht daran zu denken, dass ich ein Gemälde je vollenden werde“, zitiert Kuratorin Esther Schlicht Giacometti in ihrem Katalogtext. „Ich bin nicht gut darin, Arbeiten zum Abschluss zu bringen“, lautet eine Aussage Naumans. Für beide ist das Prozesshafte wichtiger als die perfekte Vollendung einer Arbeit. Exemplarisch hierfür steht das Video „Flesh to White to Black to Flesh“ (1968), in dem der Künstler seinen nackten Oberkörper und sein Gesicht abwechselnd mit unterschiedlichen Farben bemalt – ein Prozess, der theoretisch als unendlich fortführbar erscheint.

In der Abteilung „Das Maß der Dinge“ sind Werke versammelt, in denen es um Fragen der Distanz und Dimension geht. Seien es die radikal verkleinerten Figuren, die Giacometti um 1940 schuf und mit denen der Künstler, so Esther Schlicht, „wie besessen versuchte, ein Fernbild in greifbarer Nähe wiederzugeben“. Oder sei es Naumans erste Neonarbeit „Neon Templates of the Left Half of My Body Taken at Ten-Inch Intervals“ (1966), für die der Amerikaner seine linke Körperkontur mithilfe von sieben gebogenen Neonlinien vermessen hat – eine Skulptur fast ohne Volumen, die letztlich einen in seinen Dimensionen unendlichen Negativraum andeutet und die damit zugleich das Gegenteil ihrer selbst ist.

Es gibt eine ganze Reihe formaler Analogien in dieser Ausstellung, etwa Giacomettis „La Jambe“ (1958), ein schrundiges Bronzebein auf einem Sockel, und Naumans „Thighing (Blue)“ (1967), ein Film, der in Nahaufnahme zeigt, wie der Künstler seinen Oberschenkel mit den Händen drückt und quetscht, bis er blau wird. Entscheidender ist jedoch, dass die Gegenüberstellung der Werke das Existentielle, das ihnen eigen ist, auf fast schon erschütternde Weise verdichtet.

Schlichts These, dass das Vermächtnis des einen „im Werk des anderen Künstlers fortwirkt und Letzteres rückwirkend das Werk des einen in völlig neuem Licht erscheinen lässt“, mag übertrieben formuliert sein, denn „völlig neu“ ist das, was wir in ihnen sehen keineswegs. Es ist eher so, dass die Werke einander in ihrer Wirkung verstärken, dass die Wucht ihrer Präsenz in dieser Präsentation auf wunderbare Weise auf den Punkt gebracht wird.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 22. Januar.

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