Minibotschaften, in Diktaturen nützlich: Cildo Meireles, "Coca Cola", 1970.
+
Minibotschaften, in Diktaturen nützlich: Cildo Meireles, "Coca Cola", 1970.

MMK Frankfurt

Geschichten von Alchemie und Kolonialisierung

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

"A Tale of Two Worlds": Im MMK Frankfurt eröffnet am Freitag ein Großprojekt, das die Sammlung des Hauses in einen Dialog mit lateinamerikanischer Kunst bringt.

Wäre es nicht so verhängnisvoll, ließe sich über das Langzeitdesinteresse des so genannten Westens gegenüber dem Rest der Welt in den meisten Belangen jenseits von Rohstoffen und Tourismus lächeln. Kurator Javier Villa vom Museum de Arte Moderno de Buenos Aires handhabt es auch so, lächelt und sagt, die Kunst Lateinamerikas sei immer im Dialog gewesen, auch mit Europa und mit Nordamerika, „Sie auch?“, fragt er.

Als man nachher – auf „Vorschläge“ der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark (1920-1988) hin – einen Dialog mittels einer zwei Personen verbindenden kleinen Schlinge ausprobieren kann, fällt es, machen wir uns nichts vor, Vila schon leichter als seinem Frankfurter Gegenüber, den Tanz der Handgelenke zu wagen.

Dialoge also. Die riesenhafte, auf die Schnelle gar nicht zu überblickende Ausstellung, die von morgen an das gesamte Hauptgebäude des Frankfurter MMK, MMK1, einnehmen wird, gehört zu dem Projekt Museum Global, mit dem die Kulturstiftung des Bundes deutsche Häuser dazu ermuntern möchte, über den Tellerrand zu schauen. So enorm sei der Andrang dabei gar nicht, erfährt man, die Ausstellung „A Tale of Two Worlds“ zudem die einzige, die im Anschluss auf die Reise gehen und im Museum für Moderne Kunst in der argentinischen Hauptstadt zu sehen sein wird.

Für die lateinamerikanische Seite kuratierten Museumsleiterin Victoria Noorthoorn und Vila, das MMK vertrat Klaus Görner, so dass ein vermutlich sinnvolles 2:1-Verhältnis entstand.

Werke aus der Sammlung des MMK wurden bei den Vorbereitungen in Verbindungen gebracht mit Kunst aus der lateinamerikanischen Welt, gruppiert in sinnfällige Zusammenhänge, die manchmal subtiler, manchmal offenkundiger sind. Manchmal sind sie auch beides zugleich.

Etwas anderes hatte Claes Oldenbourg bei seiner Installation „Bedroom Ensemble“ (1969) im Sinn als die Kolumbianerin Beatriz González (geboren 1938) mit ihrem nur vier Jahre jüngeren, politisch anspielungsreichen „Mobiliario“. Beide aber gingen auf Konfrontation mit der Erwartungshaltung eines Publikums, das bis heute überrascht sein mag, wenn es im Museum vor einem (halbwegs) benutzbaren Schlafzimmer steht. Solche Koinzidenzen lässt sich die Ausstellung natürlich nicht entgehen.

Der MMK-Besuchern wohlbekannte obsessive Umgang On Kawaras mit Daten wird nun dem obsessiven Umgang des Argentiniers Edgardo Antonio Vigo (1928-1997) mit seinem privaten Archiv zugesellt – zwei Besessenheiten, an denen man entlangspazieren kann. Dass es bei Vigo mehr zu sehen gibt, ist logisch, nicht kulturell bedingt.

Grandios ist in der Pinselstrich-Abteilung Roy Lichtensteins „Yellow and Green Brushstrokes“ von 1966 zut Kenneth Kembles „Gran pintura negra“ von 1960 gehängt. Man muss dabei erst lernen, dass der Argentinier (1923-1998) seinen gigantischen Pinselstrich nicht expressionistisch hinhaute, sondern seinerseits in einem Hochrechnungsverfahren verschiedene Größen eben genau dieses Striches herstellte. Der ins MMK entliehene ist offenbar noch nicht der größte.

Rund um Armans gesprengten Sportwagen von 1963 konnten unschwer weitere fabelhafte Beispiele für die Kraft des Knautschens, Verwüstens, Zerschneidens in der Kunst gefunden werden.

Wie überhaupt das Thema der Zerstörung – angefangen mit dem in Argentinien geborenen Lucio Fontana als einer lateinamerikanisch-europäischen Schlüsselfigur – von starker Präsenz ist. Die Diktaturen Lateinamerikas geben dem allerdings eine völlig andere Dimension. Sie wird immer wieder plastisch wird, ohne das eine gegen das andere auszuspielen – das direkter Politische, auch Verzweifelte gegen eine Avantgarde, die nur mit dem Publikum fertig werden muss. Eindrucksvoll in einem Saal, in dem man zwischen Eiern herumlaufen darf („Between Lifes“), in dem Fotografien der Mütter von der Plaza de Mayo an der Wand hängen, aber auch Cy Twomblys denkbar empfindliches „Problem I, II, III“. Der Kolumbianer Antonio Caro (1950 geboren) schreibt 1972 auf eine Banderole mit den Namen Ermordeter: „Hier passt keine Kunst hin.“

Der ebenfalls sehr vertraute MMK-Akt von Francis Bacon aus dem Jahr 1960 hängt jetzt in einer steilen Nische gemeinsam mit dem 1961 entstandenen, düster unbegreiflichen „Bild vom Tode Dorregos“ Luis Felipe Noés (geboren 1933). Wer war Manuel Dorrego? Frappierend sind auf der einen Seite die offensichtlichen Gemeinsamkeiten, andererseits muss man immer wieder aufpassen, um alles mitzubekommen. Dass zum Beispiel eine Skulptur, die einen roten Sockel zeigt und darauf eine winzige goldfarbene Kugel neben einen winzigen goldfarbenen Würfel, wie Liliana Maresca, Jahrgang 1951, es sich ausdachte, auf das unverhältnismäßige Blutvergießen zur Goldgewinnung anspielt, liegt für den Frankfurter Betrachter nicht nahe. „Alchemie und Kolonialisierung“ heißt der entsprechende Saal.

Zeitlich ist die Schau weiter gefasst als der Kernbestand des MMK, orientiert dabei eher an den Vorstellungen der lateinamerikanischen Kuratoren. Die Geschichte zweier Welten trägt auch einen langen Untertitel: „Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er bis 80er Jahre“. Experimentelle Kunst? Für sie, sagt Museumsleiterin Noorthoorn, sei das keine Strömung, sondern eine Haltung. Die zeigt sie auch auf Lygia Clarks Matratze, auf der Fußgelenke und Gleichgewichtssinn offenbar herausgefordert werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare