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Die ideale Landschaft? "LS #3" von Beate Gütschow, zu sehen im Artfoyer der DZ Bank.

Artfoyer Frankfurt

Geschichte eines Bodens

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Echt, halbecht oder doch ganz künstlich? „Die Idee der Landschaft“ zeigt sich in einer Fotografie-Ausstellung im Frankfurter Artfoyer von ihren auch verblüffenden Seiten.

Als die abgebildete Landschaft nicht nur wie, sondern tatsächlich gemalt war, entsprach sie eher selten den natürlichen Gegebenheiten. Und sei es, dass der Maler einen Baum in den Goldenen Schnitt rückte, einen Bach just neben der alten Eiche eine elegante Kurve machen ließ. Als dann die Fotografie jung und diffizil war (schwere Platten, lange Belichtungszeiten), gab es selbst für den Ambitionierten allenfalls den besonderen Ausschnitt auszuwählen. Inzwischen aber hat sich die Fotografie dank unzähliger technischer Möglichkeiten so verändert, dass das auf Fotokunst spezialisierte Artfoyer der DZ Bank nun der „Idee der Landschaft“ eine Themenausstellung widmet.

Einige Fotografien in dieser Schau wirken wie gemalt. Manche sogar wie ein abstraktes Gemälde, obwohl sie pures Foto sind. Andere könnten in der Natur entstanden sein – und sind es doch nicht. Bei einigen ist die Art der Bearbeitung offensichtlich, bei anderen muss man schon im Begleitheft nachlesen, wie sie entstanden sind.

Beate Gütschows romantisch-ideale Landschaften etwa könnten echt sein, sind aber in einem Verfahren am Computer entstanden, das sie „Sampling“ nennt. Und das alle Schnitt- und Collagierstellen perfekt verschwinden lässt. Im Gegensatz dazu hat der Brite Dan Holdsworth in Islands karger Landschaft seine Serie „The World In Itself“ sozusagen original und ohne nachträgliche Bearbeitung fotografiert: Hinter kreisrunden, still wie ein Spiegel liegenden Wasserflächen sind am Horizont eine Brücke oder Bergkette sichtbar – man könnte schwören, dass das am Bildschirm zusammengesetzt ist.

Der negative Wolkenhimmel

Für einen realen Wolkenhimmel würde man dagegen Adrian Sauers Diptychon „20. 09. 2014“ halten, doch hat er dafür ein Computerprogramm geschrieben, das tatsächliche Wolkenbilder vom Positiv so ins Negativ rechnet, dass die Farben des Negativs durchaus so in der Natur vorkommen könnten. Dass der Himmel also wieder unbearbeitet und nur gut ausgesucht wirkt.

Rodney Graham stellt Baum-Solitäre auf den Kopf, wie sie auch in einer Camera obscura erscheinen würden – er baute sich zunächst eine Lochkamera in begehbarer Größe, engagierte dann einen Porträtisten mit Großbildkamera. David Armstrong macht Bäume unscharf wie Wattebäusche – in der Serie „Arbor“ –, doch anders als üblicherweise haben seine Bilder keinen scharfen Bereich, zum Beispiel im Vordergrund. Der Baum steht zum Beispiel inmitten von Grabsteinen, die ebenfalls weichgezeichnet sind. Man hat den Impuls, an einem Knopf zu drehen, damit das Bild scharf wird.

Stephan Schenks Wandteppiche sind gewebte, minutiöse und ja, trotz des textilen Untergrunds auch seltsam scharfe Schwarz-weiß-Abbilder von Böden, auf denen im Ersten Weltkrieg Schlachten tobten. Das Wissen darum verändert die Haltung davor. Blätter, Nadeln, Kieselchen, kantige Steine, Grashalme, ein wenig Unkraut: Das könnte irgendwo sein. Und es könnte, umgekehrt, in irgendeinem Flur liegen. Menschen würden sich vielleicht über das Motiv wundern, dann aber wohl denken, das sei eine neue Teppichmode.

Artfoyer, Frankfurt, DZ Bank: bis 5. September. www.dzbank-kunstsammlung.de

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