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Gerhard Richter: Der Bildermacher

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Von: Ingeborg Ruthe

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„Selbstportrait (836-1)“, 1996. Gerhard Richter 2021 (0165/2021); The Museum of Modern Art, New York.
„Selbstportrait (836-1)“, 1996. Gerhard Richter 2021 (0165/2021); The Museum of Modern Art, New York. © Gerhard Richter

Seine Bilder werden weltweit wie Goldstaub gehandelt: Der Künstler, dessen Arbeiten politisch anecken, Rätsel aufgeben, dem Nichts entgegenstreben, feiert seinen 90. Geburtstag.

Kunstmagazine drucken Sonderausgaben. Die Medien veröffentlichen die Grußbotschaft der Kulturstaatsministerin. Große Museen der Bundesrepublik überschlagen sich mit Retrospektiven und Kabinettausstellungen. Gerhard Richter wird 90. Ein Maler aus Deutschland, der alles gemacht hat, was das Vokabular und Instrumentarium der alten Königsdisziplin hergibt. Und der Versuche, alles allzu Vereinfachende und klar zu Deutende durchkreuzt hat.

Vor Tagen noch war er inkognito im Dresdner Albertinum. Richter hat die drei Säle seiner Retrospektive selbst kuratiert. Doch nun, an seinem hohen Festtag, ist er abgetaucht. So wie in den letzten zwei Jahren der Pandemie. Keine Feier, kein Empfang. Es wird geraunt, er sei womöglich mit der Familie in die USA „geflohen“, weit weg von allem Rummel, der ihn anstrengt. Es kostet Kraft, Ruhm und Ehre auszuhalten. Und außerdem die immer gleichen Fragen bei den Pressekonferenzen zu beantworten. Das ist halt so, wenn man seit Jahren das Ranking des Kunstkompasses anführt und die Huldigungen hört. Und auch die immergleichen Vergleiche mit Picasso.

Richters Bilder sind bei Sammlern gefragt wie Goldstaub. Händler und Auktionatoren haben deren Preise in astronomische Sphären getrieben. Und das, obwohl die Motive sich kaum beschreiben lassen, weil sie dem „Nichts“ zustreben. Sie erzählen kaum oder gar nichts mehr. Alles erscheint wie hinter Milchglas, als Farbfetzen. Bunte Vierecke und Streifen deuten nur noch an, was sich nicht mehr auffinden und nicht anfassen lässt: abstrakte Felder, Wolken, Erde, Wasser, Blumen.

Der aus Dresden stammende Wahl-Kölner Gerhard Richter, dem zum Neunzigsten Museen seiner Vaterstadt ebenso wie die in Düsseldorf, Köln und Berlin Hommagen ausrichten, hat im Laufe einer unvergleichlichen Karriere auch Kriegsflugzeuge gemalt. Wie auch RAF-Terroristen, Nazis und deren hilflose Opfer aus seiner eigenen Dresdner Familie: „Onkel Rudi“, der bei der SS war. Und die psychisch kranke „Tante Marianne“, ermordet im Euthanasieprogramm, an dem Richters erster Schwiegervater Dr. Heinrich Eufinger aus Dresden beteiligt war.

Diese beklemmenden Arbeiten kommunizieren mit denen, in denen er auch das Schöne des Lebens oft wie hinter einen geheimnisvollen Schleier versteckt. Tochter Betty im Teenageralter als rätselhafte Rückenfigur, die Söhne als Babys. Und da ist alltäglich Banales: Stuhl, Tisch, Tür, Fenster. Oder ein welker Strauß gelber Tulpen als Stillleben der Vergänglichkeit. Er malte Kirchenfenster, modern-sakral für den Kölner Dom, dann 2020 fürs saarländische Kloster Tholey. Es ist seine letzte große Arbeit. Kurz darauf erklärt er, Pinsel, Schaber und Rakel beiseitezulegen und nur noch „ein wenig“ zu zeichnen.

Schon 2006 begann er seinen „Nachlass“ zu ordnen. Richter überließ den Kunstsammlungen Dresden sein gesamtes Archiv, auch die bis dahin unter Verschluss gehaltenen Bilder, die er in den ersten 20 Monaten nach seiner Flucht aus Dresden in den Westen kurz vorm Mauerbau 1961 gemalt hat. Schon damals als Student an der Düsseldorfer Kunstakademie und eng befreundet mit Sigmar Polke, Konrad Lueg und Günther Uecker, begann sein kühnes virtuoses, zugleich suchendes Surfen durch alle Stile der Moderne: Pop Art, abstrakter Expressionismus, übermalte Fotografie. Ab und an suchte er auch unverkennbar die Nähe zu Rembrandt. Je berühmter er wurde, desto deutlicher stellte sich seine Eigenwilligkeit heraus, öffentlichkeitsscheu zu werden. Dankbare Eigenschaften, die im Donnersmarck-Film „Werk ohne Autor“ 2018 publikumswirksam ausgespielt wurden. Das amüsierte Richter wenig, wie aus Filmkreisen verlautete.

Öffentlichkeitbegierig ist dieser Maler wirklich nicht. Doch wenn er bei Vernissagen doch mal über seine Arbeit spricht, ruhig und in treffsicheren Sätzen, tut sich das Universum des Malers auf, sein kommunikatives Bild-System. Eins, das auf dem „Atlas“ basiert, dieser in Jahrzehnten angelegten Sammlung aus Skizzen, Notaten, Fotos, Zeitungsausschnitten, Texten. Zuletzt hörten wir ihm zu, als er seinen vierteiligen „Birkenau-Zyklus“ in der Alten Nationalgalerie vorstellte. Da erzählte er mit leiser Stimme, wie er ihn nach in einem Archiv gefundenen Fotos eines Häftlings aus dem KZ Auschwitz-Birkenau gemalt hat. Da war er wieder sichtbar auf den Tafeln, sein Maler-Kosmos: Die Farbschichten wie miteinander verwoben, dann zu unbändigen Strukturen zerkratzt, zerrakelt, zerschabt, durchfetzt und durchgraben. Asche-Schwarz und -Grau, wie im Land der letzten Dinge.

Dazwischen schimmert es, wie irisierend, violett, weiß und smaragdgrün durch. Winzige Hoffnungsspuren. Er wolle „Birkenau“ nicht dem Kunstmarkt überlassen, sagte er. Darum übergab er die Requiem-Tafeln der Nationalgalerie für das künftige Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum. Und die Foto-Edition davon dem Auschwitz-Komitee für die Gedenkstätte in Birkenau.

„Ema (Akt auf einer Treppe)“, 1966. Gerhard Richter / Foto: Rhein. Bildarchiv
„Ema (Akt auf einer Treppe)“, 1966. Gerhard Richter / © für die Aufnahme: Rheinisches Bildarchiv Köln

Auch Berühmtheiten ziehen im Alter zunehmend die Zurückgezogenheit vom Lärm der Welt vor. Gerhard Richter ist weder Malerfürst noch taugt er als Glamourfigur. Als Hochschulprofessor an der Kunstakademie Düsseldorf war er ein Lehrer, der für seine Studenten da war – kein sogenannter Frühstücksdirektor. Und heute ist ihm sein „Denkraum Atelier“ der liebste Ort. Dazu kommt die Nähe zur Familie, denn seine Frau, die ebenfalls aus der DDR stammende 37 Jahre jüngere Malerin Sabine Moritz und die drei Kinder wohnen mit ihm im Atelier.

Die wenigen Vertrauten, die ihm wirklich nahe sind, kennen ihn als ausgesprochen nachdenklichen Menschen. Auf Uneingeweihte wirkt das distanziert. Was soll einer auch sagen, wenn andere alles schon gesagt, geschrieben haben über seine Malerei? Wortreich interpretiert ist jeder Zentimeter Leinwand mit den verwischten schwarz-weißen oder farbigen Oberflächen und den verwackelten Konturen. Richter, da sind sich Kunsthistoriker und Publikum einig, hat einen neuen Typus des Historienbildes geschaffen, dessen Unbestimmtheit das Ereignis in der Schwebe lässt.

Vieleicht, sinniert er in einem der raren Interviews, solle er sich nicht Maler nennen, sondern Bildermacher. „Ich bin mehr an Bildern interessiert als an Malerei.“ Das sagt einer der teuersten Künstler der Gegenwart: 2011 ging bei Christie’s in London Richters Gemälde „Zwei Liebespaare“ für 9,8 Millionen Euro weg, eine Version der „Kerze“ bald darauf für fast 12 Millionen Euro. Doch abgesehen von den immensen Preisen, die er selbst für irrelevant hält und dem krankhaft überhitzten Kunstmarkt anlastet, ist er wohl auch der weltweit respektierteste Maler unserer Zeit. Richter ist erhaben über alle Verdächtigungen der inflationären Massenproduktion bei abnehmender Qualität. Sein ungeschmeidiges Werk reifte in über sechs Jahrzehnten mit seltener innerer Unabhängigkeit.

Der KÜnstler

Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren. 1961 floh er mit seiner Frau nach West-Berlin, wo er eine beispiellose Karriere startete und zum wichtigsten lebenden Künstler Deutschlands wurde. Vor zwei Jahren verkündete er, nicht mehr zu malen. Heute lebt Richter in Köln.

„GERHARD RICHTER. Portraits. Glas. Abstraktionen“ heißt die vom Künstler selbst kuratierte Ausstellung, die bis zum 1. Mai im Dredner Albertinum zu sehen ist. www.skd.museum

„Das Museum Ludwig gratuliert Gerhard Richter mit einer Sammlungspräsentation zum 90. Geburtstag“ heißt eine Ausstellung, die bis zum 1. Mai in Köln läuft. www.museum-ludwig.de

Seine Malweise ist – eigentlich völlig antikünstlerisch – unscharf, schnell, zufällig. Die Motive entstammen dem Alltag, der Politik, der Konsumwelt. Nie aber sind die Gegenstände bei ihm begehrenswerte, angebetete oder ironisierte Fetische, eher entfärbte und verunklarte „Objekte der Begierde“. Man soll sehen, dass die Waren Suggestionen sind, mit merkantilem und politischem Zweck. Richter übte Kapitalismus-Kritik per Fluxus-Ästhetik.

Das Stilmittel der Unschärfe ist heute Vorbild einer ganzen Generation von Malern und Fotografen, über die es heißt, sie würden „richtern“. Er nimmt das für gegeben, Kunst kommt schließlich aus Kunst. Durch das Verwackelte und Verwischte konzentriert der Betrachter sich auf das Substanzielle. Das bleibt für immer der Code, den der Betrachter zu entschlüsseln hat. Wie das nach einem Zeitungsfoto gemalte Konterfei eines Mörders, den Kopf eines Terroristen, die Gestalt eines Soldaten, den Nato-Kampfjäger über den Wolken, den US-amerikanischen Atombomber über Vietnam. Dieses Bild aus dem Kalten Krieg sollte Richter in den Sechzigern nach Auffassung der Behörden in NRW nicht öffentlich zeigen, wegen der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Mit den alltäglichen Familien-Strandszenen eckte er politisch weniger an. Und doch müssen sie in ihrer Unschärfe vom Betrachter immer weitergedacht werden, bis zum Gefühl der Beklemmung. Fotos, Illustrierten-Bilder benutzte der Maler nach eigener Auskunft, „weil es das Unkünstlichste war, das ich greifen konnte.“

Der Zeitgeschmack konnte ihn nicht verunsichern, der Kunstbetrieb nicht treiben und der Staat nicht einschüchtern. Auch nicht, als er verdrängte Nazivergangenheit, Hochrüstung und in den Neunzigern den von den USA unter Präsident Bush Senior begonnenen Irak-Krieg zum Bildthema machte. All diese Arbeiten bauen auf ein Archiv kollektiver Erinnerung auf. Und genau das macht diese merkwürdige Bildästhetik politisch. Nicht zuletzt der vom MoMA New York – nicht etwa von einem deutschen Museum angekaufte Zyklus „18. Oktober 1977“. Das ist Richters wohl umstrittenste, weil damals in der Bundesrepublik als Tabubruch aufgenommene Arbeit. Weil Richter Zeitungsfotos vom „deutschen Herbst“ übermalte, nahm er ihnen die Illusion. Sie wirken paradox. Aber der Maler hat es nicht so mit der realen Welt, sondern mehr mit der Erfahrung der Realität. Und mit der Wiedererkennung. Er will durch Kunst dem Transzendenten so nah wie möglich kommen. Darum die aufgerissenen Bildgründe und die weggeschabten Farblagen. Oder die geschichteten Glasscheiben, in denen wir Betrachtenden uns verschwommen spiegeln. „Das Wiedererkennbare, jedoch Unnahbare zu erschaffen“. Das versteht Richter unter Perfektion.

Sein Werk ist also in gewisser Weise auch Anschauungsunterricht, wie sich eine Werkgruppe aus der anderen entwickelt, wie neben den grauen, fast heftig gemalten Stadtbildern die ersten romantisch aufgeladenen Seestücke entstanden, wie inmitten der depressiven monochrom-grauen „Vermalungen“ um 1970 auf einmal eine bunte Referenz an Tizian aufleuchtet, wie schließlich Mitte der Siebziger zwischen den gegenständlichen Werken die ersten farbigen Abstraktionen entstanden. Das war wieder eine neue Galaxie. Analog zu den Verwischungen der Foto-Bilder kam die „Verschleifungstechnik“, wo am Ende eine Rakel durch die feuchten Farbflächen gezogen wird.

Er ist der Virtuose aller Klassen: des Abstrakten und Foto-Realistischen, des Expressiven, Romantischen und Geometrischen. Und um das ganze Aufgebot herum zieht sich sein farbliches „Panorama“ in Violett, Blau, Moosgrün, Pink, Orange und Gelb. Der Zyklus „4900 Farben“ von 2007, in gewisser Weise die Vorlage für die Kölner Dom-Fenster, ist geradezu eine Parade perfektester Abstraktion und Reduktion. Ein Zeugnis von Richters Beschäftigung mit dem Phänomen Zufall.

Sprichwörtlich in der neueren Kunstgeschichte sind seine permanenten Veränderungen und Wiederholungen, die Wechsel von Abstraktion und Figuration, diese spezifische Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Alles passiert parallel, dabei sehr langsam, für manche Tafel brauchte es fünf Jahre. Seine Auskunft dazu: „Die tödliche Realität, die unmenschliche Realität. Unsere Auflehnung. Ohnmacht. Scheitern. Tod. Deshalb habe ich all die Bilder gemalt.“ Über sechzig Jahre lang testet der Maler Gerhard Richter so die oft schon totgesagte Disziplin aus und zeigt so der Welt, „was Malerei überhaupt noch kann“.

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