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Georg Heck, abstrakte Farbkomposition, 1963. 

Georg Heck

Georg Heck: Das Auge des Künstlers

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Das Museum Giersch bricht eine große Lanze für den vergessenen Frankfurter Maler und Holzschnittspezialisten Georg Heck.

Das Atelier von Georg Heck (1897-1982), erfährt man hier, war zehn Quadratmeter groß. Nicht jeder würde das als Atelier bezeichnen. Ein schwieriges Künstlerleben, aber die Notwendigkeit, künstlerisch tätig zu sein, stand offenbar nie in Frage.

Das Museum Giersch rollt in seiner neuen Ausstellung ein erstaunlich breites Werk aus, sechzig Jahre rege Tätigkeit, sechzig unverdrossene Jahre, will man meinen. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, zahlreiche eindrucksvoll großformatige Holzschnitte, später auch in Farbe. Eine Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts blättert sich auf, Figürliches neben Abstraktem, Expressionistisches, Klassizistisches, Konstruktivistisches. Selbst die illustrativen, gelegentlich dekorativen Blätter sind von unzweifelhafter Kraft, schwungvoll und handwerklich stark. Und wenn einem das eine wie von Paul Klee, das andere wie von Max Beckmann erscheint, dann kann man es doch trotzdem nicht verwechseln. Oder nur, weil Georg Heck so sehr vergessen wurde, dass man seine Bilder nicht erkennen kann. Georg Heck: Ein Künstler in einer bestimmten, sehr langen Zeit, der nicht bereit war, ein Leben lang dasselbe zu machen.

Zu Plakaten und Postkarten kommt schließlich der Entwurf für die fabelhaften blauen Kirchenfenster in St. Anna in Frankfurt-Hausen. Oder jenes Wandgemälde für das IG-Farben-Haus, 1929 in Auftrag gegeben, wohl Anfang/Mitte der dreißiger Jahre realisiert und bald wieder überstrichen, weil Hecks Arbeiten inzwischen als „entartet“ galten. Man sieht seit 2006 wieder friedvoll Musizierende in paradiesischer Umgebung, dazu aus Hölderlins „Klagen um Diotima“ den zwischen zwei Kriegen überwältigend deprimierenden Vers: „Komm! Es war wie ein Traum. Die blutenden Fittiche sind ja schon genesen, verjüngt leben die Hoffnungen all!“

Als sich nach 1945 erste Spuren unter der Farbe zeigten, dachte man erst an ein Beckmann-Werk. Die Aufklärung des Irrtums ließ das Interesse offenbar verlöschen, auch war der Zustand katastrophal. Erst 24 Jahre nach Hecks Tod kam es zur Freilegung und Sanierung, die zu Recht vorwurfsvolle Leerstellen lässt. Die Ausstellung aber gibt keinen Anlass, Georg Heck für einen verbitterten Menschen zu halten.

1932 muss ein großes Jahr für Georg Heck gewesen sein. Er hatte soeben sein Studium an der Städelschule als Meisterschüler von Max Beckmann abgeschlossen und war „von dieser Zeit an bestrebt der Kunst mit Leib und Seele zu dienen“. Danach wurde es sofort wieder schwierig und auch der Weg dorthin war: kompliziert. Das Kind Georg verlor früh seine Eltern, lebte in einem Waisenhaus, dann in einer Pflegefamilie. Der 14-jährige Volksschulabsolvent hatte eine Lehre als Kunstschmied aufgenommen, ging dann als Fabrikarbeiter in die Adlerwerke, an die Front, in die Kriegsgefangenschaft, wieder in die Adlerwerke. Durch einen Arbeitsunfall inzwischen einäugig – ein krasser Vorgang für einen künftigen Maler, aber kein Hinderungsgrund für die perfekte Ausübung eines visuellen Berufs –, wurde er 1923 Kunststudent.

Von 1928 an ist er Beckmannschüler, sympathisch, wie er sympathisierend über seinen Lehrer spricht: „Beckmann hat unsere Klasse an der langen Leine geführt. Aber sein Einfluss war da. Doch nicht als Diktat. Hier war eine Klasse, die ihre Selbstständigkeit erprobt hatte. Die Aufgaben wurden gestellt von ihm oder von uns. Und dann wurde es gemacht. Kritik von außen war uns gleichgültig.“

Das Zitat ist einem Raum mit Fensterblicken beigegeben. Mehrmals gibt die Ausstellung Gelegenheit, Heck zwischen anderen Städelschülern und auch -schülerinnen zu sehen, er ist mitnichten der, der sich am deutlichsten am Meister orientiert, aber bei allen gezeigten Beispielen sieht man natürlich das Über-Ich, an dem man sich so oder so abarbeitet. Hier die Raumaufteilung, da die Perspektive, dort die schroffe schwarze Umrandung.

Als Beckmann-Schüler in Gruppenausstellungen aufzutauchen, war zuletzt Hecks Schicksal, dem sich das Museum Giersch jetzt engagiert entgegenstellt. Kuratorin Susanne Wartenberg und Museumsleiter Manfred Großkinsky können deutlich machen, was für einen Bruch die NS-Zeit für Hecks Künstlerdasein darstellt. 1944 wird bei den Bombardierungen Frankfurts sein Atelier im Karmeliterkloster zerstört, zahllose Werke gehen verloren. Spät wird er noch eingezogen, gerät erneut in Gefangenschaft. Nach dem Krieg aber heiratet er und lebt bedingungslos als freier Künstler, ohne wirtschaftliche Aussichten, aber entschlossen.

Heck gründet die Frankfurter Sezession mit, später in den siebziger Jahren die Ausstellungsgemeinschaft Frankfurter Kreis. Er holt sich aus einer Druckerei Restfarben, um Material für seine Farbdrucke zu haben. 1971 kündigt ihm der hessische Kultusminister 300 DM an: „Der Berufsverband bildender Künstler e. V. Frankfurt am Main hat mich auf Ihre wirtschaftliche Notlage aufmerksam gemacht und darum gebeten, Ihnen durch eine einmalige Unterstützung zu helfen.“

Nach seinem Tod gründete sich der Kulturkreis Georg Heck, um den Nachlass zu betreuen – für die jetzige Ausstellung und ihre Vorbereitung ein wesentlicher Quell. Die Schau ist nur ein Teil des großangelegten Heck-Wiederentdeckungs-Projektes, zu dem auch der große Katalog gehört, und eine neue Internet-Seite „für die Ewigkeit“. Sagte Wartenberg wirklich „für die Ewigkeit“? Jedenfalls etwas in dieser Art, und drei Ausstellungsetagen später kann man das nur begrüßen.

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