Udo Kittelmann in der Nationalgalerie, in einer Ausstellung mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner.
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Udo Kittelmann in der Nationalgalerie, in einer Ausstellung mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner.

Udo Kittelmann

Genug ist genug

  • vonIngeborg Ruthe
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Vor einem Jahr kündigte Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann seinen Weggang an. Nun verlässt er nach zwölf Jahren den Berliner Kunstolymp. Warum, erklärt er bis heute nicht.

Es war einmal eine Zeit, da galt dieses Amt als verlockend. Nationalgalerie-Direktor in der wiedervereinten und kulturell boomenden Hauptstadt zu sein, das versprach alle Möglichkeiten des Mitentscheidens und Gestaltens im deutschen Kunstolymp.

Udo Kittelmann eilte ein guter Ruf als freigeistiger Chef des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt voraus: Ein leidenschaftlicher, nahbarer, bisweilen sogar leutseliger Macher, ein Durchreißer mit untrüglichem Gespür für die Zeit und ihre Vorlieben für Events, ein in der modernen Kunst Bestvernetzter, so wurde er vorgestellt. Am 1. November 2008 trat der unprätentiöse Kittelmann die Nachfolge des Museumsästheten Peter Klaus Schuster an.

Berlin bekam einen Superkommunikator, der auch nicht vor riskanten Konzepten, wie der 72-Stunden-Duchamp-Ausstellung zurückschreckte, der Kunst aus DDR-Zeit Platz einräumte und jungen Positionen, etwa der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und an Frankfurts Städelschule ausgebildeten Anne Imhof, mutig Raum gab.

Schon nach zwölf Monaten im Amt machte Kittelmanns große Ausstellung „Die Kunst ist super!“ Furore mit einer kühnen Innovation, deretwegen ihn Konventionelle gleich als „Zirkusdirektor“ abstempelten. Der gebürtige Düsseldorfer, Jahrgang 1958, hatte die Sammlungen der Nationalgalerie mit ihren sechs Häusern – das sind die Neue und die Alte Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof, die Friedrichswerdersche Kirche, die Sammlung Scharf-Gerstenberg und das Museum Heinz Berggruen – durchforstet.

Er befragte Werke vor dem Hintergrund vermeintlich stabiler Wertesysteme. Das war spektakulär, diese erregend ästhetisch-politische Agenda legte den Fokus auf die heftigen gesellschaftlichen Veränderungen – die Krisen und Kriege, Erschütterungen, Brüche und Verwerfungen in der späten Moderne und im frühen 21. Jahrhundert.

Ausstellungslaudationes, Vorträge, Pressekonferenzen, Podien mit dem Gegenwarts-Kunstkenner Kittelmann waren erfrischend, ganz ohne bildungsbürgerliche Wissenshuberei und scholastische Belehrungen, umso mehr mit Angeboten, sich die Werke von der Vorkriegsavantgarde bis heute sinnlich zu erschließen, immer im gesellschaftlichen, historischen und politischen Kontext der Zeit. Mit seinen Ausstellungsformaten – sie alle aufzuzählen reicht hier der Platz nicht, denn dann müsste man auch Ereignisse am Frankfurter MMK hinzunehmen – definierte der Museumsmann, was öffentliche Kunstsammlungen in der disparaten und ungewissen Welt von heute leisten sollten und müssen.

Dieser Tage ist eine Zäsur zu vermelden, geht doch die Nationalgalerie-Ära Kittelmann zu Ende. Ein Museumsmann, wie er im Buche steht, wollte keine Vertragsverlängerung und verlässt auf eigenen Wunsch vor der Zeit seinen Posten, auf dem er vor zwölf Jahren hochwillkommen war und auf dem er für das Kunst-Image Berlins so viel bewirkte. Er hat noch ohne Abstriche alle Verpflichtungen erfüllt, sei es für den Preis der Nationalgalerie, sei es die spektakuläre Schau der Malerin Katharina Fritsch im Hamburger Bahnhof.

Seinen Abgang will Udo Kittelmann, so sehr man ihn auch seit seinem kategorischen Entschluss bedrängen mochte, partout nicht erklären. Als er vor wenigen Tagen, sozusagen als letzte Amtshandlung, noch Schinkels Friedrichswerdersche Kirche als Skulpturenmuseum der Alten Nationalgalerie wiedereröffnete, antwortete er auf die abermalige Frage hin knapp, man könne sein Schweigen als „beredt“ deuten. Dies im Blick auf die Situation und diverse Konstellationen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Hier darf man wohl ergänzen, was Kittelmann so nicht aussprechen wollte: Reformbedarf, die Auflösung versteifter, uneffektiver bürokratischer Strukturen und starrer Hierarchien, die sich gegenseitig bis zur Absurdität behindern, die wohlfeilen Schuldzuweisungen bei Pannen, die Rolle der Politik.

Genug ist genug. Kittelmann kehrt der Berliner Kunst im Jahr der Corona-Heimsuchung den Rücken. Es ist ihm anzumerken, dass er das nicht leichtfertig entschieden hat, sondern dass da etwas grundsätzlich falsch gelaufen sein muss. So verquer, dass sein sprichwörtlicher Enthusiasmus, dieser ausgeprägte Optimismus so gänzlich aufgebraucht sind. Er wollte wohl lange Zeit nicht akzeptieren, dass folgenreiche Entscheidungen nicht von ihm, dem Machertyp, getroffen werden können, dass er keinen Einfluss hat, sondern dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Kulturstaatsministerium das Sagen haben. So hatte Kittelmann mit dem Weltstar Gerhard Richter verabredet, dass dieser der Neuen Nationalgalerie Werke überlässt. Diese frohe Botschaft aber verbuchte Kulturstaatsministerin Monika Grütters als ihren Erfolg.

Udo Kittelmann äußert sich weder über solch düpierende Erfahrungen – und auch nicht über berufliche Pläne als Mann der Kunst jenseits der Nationalgalerie. Er geht, und es gibt für ihn offensichtlich auch ein Leben nach dem schwerfälligen Berliner Museumstanker. Die Einweihung des Humboldtforums im neuen Stadtschloss kurz vor Jahresende erlebt er also nur noch als Zuschauer, ebenso die bevorstehende Wiedereröffnung des Moderne-Tempels Mies van der Rohe Bau an der Potsdamer Straße, deren jahrelange und teure Sanierung Kräfte zehrte.

Er wird nicht dabei sein, wenn der entnervte, von Berlin enttäuschte Sammler Flick im September 2021 seine Avantgarde-Kollektionen aus den dem Abriss ausgelieferten Rieckhallen am Hamburger Bahnhof – die Staatlichen Museen hatten sich nicht rechtzeitig um eine Verlängerung des Mietvertrags, bzw. um einen Kauf gekümmert – in die Schweiz abtransportieren lässt. Und Kittelmann wirkt auch nicht mehr mit, wenn eines schönen Tages die so ersehnte, wie als „Scheune“ heftig umstrittene Galerie der Moderne am Kulturforum stehen wird, deren geplanter Bau schon vorab reichlich Ärger und astronomische Kosten ahnen lässt.

Die Staatlichen Museen zu Berlin versandten per E-Mail eine dreiseitige Würdigung der Arbeit Kittelmanns im amtlichen Nachruf-Modus und teilten in einem dürren Satz mit, dass dessen bisheriger Stellvertreter, Joachim Jäger, bis auf Weiteres kommissarisch die Nationalgalerie-Geschäfte übernehmen werde. Die beiden waren ein gutes Team. Sie werden sich fehlen.

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