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Ernst Ludwig Kirchner: Alpsonntag. Szene am Brunnen, 1923–1925. Öl auf Leinwand, 168 x 400 cm.
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Ernst Ludwig Kirchner: Alpsonntag. Szene am Brunnen, 1923–1925. Öl auf Leinwand, 168 x 400 cm.

Kunstmuseum Bern

Mal genauer hingesehen

Herkunftsgeschichte: Das Kunstmuseum Bern leistet in einer Schau Aufklärungsarbeit über seine Sammlung Moderner Meister.

Von Andreas Förster

Die Frau auf dem Bild sitzt zusammengesunken an einem Tisch, gehüllt in eine blaue Decke, die Augen geschlossen. Vor ihr auf dem Tisch steht ein kleines leeres Weinglas. „Buveuse assoupie“ hat Pablo Picasso sein 1902 entstandenes Gemälde genannt, „Schlummernde Trinkerin“. Die Schriftstellerin Gertrude Stein hatte es ihrem Künstlerfreund abgekauft, 1913 wechselte es den Besitzer und gelangte nach mehreren Stationen in die Sammlung des Hamburger Industriellen Oskar Troplowitz.

Nach dessen Tod 1920 vermachte es die Witwe der Hamburger Kunsthalle, in der es 17 Jahre später als „entartete Kunst“ von den Nazis beschlagnahmt wurde. 1941 verkaufte die Luzerner Galerie Fischer das Bild an den Schweizer Arzt Othmar Huber, der Erlös – 42 000 Schweizer Franken – ging an Nazi-Deutschland. Das Kunstmuseum Bern, wo das Werk seit 1979 als Leihgabe der Othmar-Huber-Stiftung hängt, zählt das 80 mal 60,5 Zentimeter große Ölgemälde heute zu den zehn bedeutendsten Kunstwerken seiner Sammlung.

Vor drei Jahren noch lehnte es das Museum ab, in seinen Ausstellungsräumen die wechselvolle Herkunftsgeschichte des Picasso-Gemäldes zu dokumentieren. „Der Fall ist allgemein bekannt, und wir haben diesbezüglich viel Aufklärungsarbeit geleistet“, erklärte Museumsdirektor Matthias Frehner seinerzeit recht lapidar in der „Berner Zeitung“.

Inzwischen hat sich einiges verändert in Bern. Das Kunstmuseum soll nach dem Willen des verstorbenen Cornelius Gurlitt dessen Sammlung erhalten, die bedeutende Werke moderner Meister enthält. Den Grundstock dieser Sammlung hatte sein Vater, der Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt, während der NS-Zeit gelegt, als er im Auftrag der Nazis „entartete Kunst“ verkaufen sollte. Die Schlagzeilen um den vor drei Jahren aufgetauchten „Kunstschatz“ und die öffentliche Diskussion über die zweifelhafte Herkunft der Gurlitt-Sammlung hat jetzt offenbar auch im Berner Museum zu einem Umdenken beim Thema Provenienz von Kunstwerken geführt

In der gestern Abend eröffneten Ausstellung „Moderne Meister. ‚Entartete‘ Kunst im Kunstmuseum Bern“ setzt sich das Haus nun doch öffentlich mit der Frage auseinander, welche Stationen die Kunstwerke vom Atelier des Künstlers bis ins Berner Museum durchlaufen haben. „Hier gibt es – anders als bei Picassos ‚Buveuse assoupie‘ – bei vielen unserer Werke große Lücken, die wir in der Schau dokumentieren wollen“, sagt Daniel Spanke, Ausstellungskurator des Kunstmuseums. „Um aber diese Lücken in der Provenienz künftig schließen zu können, ist die Forschung ein weiterer, notwendiger Schritt. Wir sind deshalb dabei, eine eigene Stelle für Provenienzforschung hier in Bern aufzubauen.“

Die Ausstellung im Kunstmuseum der Schweizer Hauptstadt zeigt rund 60 Gemälde moderner Meister, darunter Werke von Klee, Marc, Picasso, Kirchner, Dix, Macke, Mataré, Modigliani, Cézanne und Matisse. Einen „Sammlungshorizont“ nennt Kurator Spanke diese Auswahl. Neben jedem dieser Bilder hängt eine Tafel, auf der beschrieben ist, welchen Weg das Werk bis ins Museum zurückgelegt hat. In den Zeitleisten aber gibt es immer wieder Fragezeichen, die die Lücken in der Provenienz dokumentieren.

Gehängt sind die Bilder nicht nach ästhetischen oder kunsthistorischen Vorgaben, sondern nach dem Datum des Sammlungseingangs in Bern. Und so beginnt die Schau mit einem Werk von Ernst Ludwig Kirchner, eines der wenigen Stücke avantgardistischer Kunst, die das damals eher konservative Berner Kunstmuseum 1933 selbst gekauft hatte. Die letzten der gezeigten Bilder wurden in den 2000er Jahren angeschafft. „An dieser ungewöhnlichen Ordnung kann der Besucher auch sehen, wie die Sedimente unserer Sammlung moderner Meister gewachsen sind“, sagt Spanke.

Die Schau wird ergänzt um historische Dokumente, Schautafeln und Filmausschnitte, die sich mit der Stigmatisierung befassen. Rund 20 000 Kunstwerke wurden in Deutschland ab 1937 als „entartet“ denunziert, aus den Museen geholt, viele davon wurden verbrannt, andere ins Ausland verkauft, um damit Devisen zu erwirtschaften. Eine der wichtigsten Verkaufsaktionen des NS-Staates fand am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern statt. Auf der Auktion ließ Nazi-Deutschland 125 Werke versteigern, die als „entartete Kunst“ aus Museen entfernt worden waren.

Auch das Berner Kunstmuseum hatte bei dieser Auktion ein Bild erworben, Lovis Corinths „Selbstbildnis“. Es hängt in der jetzt eröffneten Ausstellung neben weiteren Werken, die 1937 nachweislich von deutschen Behörden in Museen beschlagnahmt worden waren und über verschiedene Stiftungen von Sammlern ins Kunstmuseum gelangt sind.

„Indem wir uns auf die Geschichte der Kunstobjekte fokussieren, wählen wir eine neue Form der Erzählung über Kunst“, sagt Spanke. „Das ist ein für uns ungewohntes Konzept, weil damit mehr eine politisch-historische Ausstellung entstanden ist als eine reine Kunstausstellung.“ Natürlich habe das sehr viel damit zu tun, dass Gurlitt seine Sammlung dem Berner Museum übereignet hat, räumt der Kurator ein. „Die Entscheidung, diese Kunstsammlung anzunehmen, hat uns nicht nur in besonderer Weise für dieses Thema sensibilisiert. Es hat uns auch dazu gebracht, noch einmal genauer hinzusehen, wie es denn mit unserer eigenen Sammlung aussieht im Hinblick auf die Herkunftsgeschichte. Und da ist die Bilanz recht ernüchternd.“

Die für die Schau ausgewählten Bilder gehören zu insgesamt 525 Kunstwerken aus dem Sammlungsbestand des Berner Museums, die drei Kriterien erfüllen: Sie sind nach 1933 ins Haus gekommen, vor 1945 entstanden und stammen von Künstlern, deren Werke von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurden. „Im Katalog zu der Ausstellung werden wir alle diese Kunstwerke mit ihren Herkunftsgeschichten so weit wie möglich dokumentieren“, sagt Spanke. „Da zeigen wir aber auch, dass bei 337 dieser Bilder wir praktisch gar nichts wissen über die Erwerbsgeschichte. Heute würde man solche Kunstwerke mit diesen Lücken in der Provenienz wohl nicht mehr ins Haus nehmen.“

Unterstützung erhielt das Kunstmuseum bei der Erarbeitung seiner Ausstellung von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität in Berlin. Sie ist eine der zentralen Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet und dokumentiert in einer Datenbank die Künstler, die von den Nazis als „entartet“ diffamiert wurden, und deren Kunstwerke, die aus deutschen Museen damals entfernt wurden. Schirmherrin der Ausstellung ist die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die an der Eröffnung der Ausstellung am Mittwochabend in Bern teilnahm.

Kunstmuseum Bern: bis 21. August.

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