Die Dresdner Gemäldegalerie versammelt in den renovierten Räumen 700 Gemälde und 420 Skulpturen.
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Die Dresdner Gemäldegalerie versammelt in den renovierten Räumen 700 Gemälde und 420 Skulpturen.

Kunst

Gemäldegalerie Dresden: Der Schönheit geweiht

  • vonNikolaus Bernau
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Zur Wiedereröffnung der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister und Skulpturensammlung bis 1800.

Die Dresdner Gemäldegalerie ist ein Musterbeispiel für lokalpatriotische Inanspruchnahme. Ein Viertel der Besuchenden kam 2019 trotz der baubedingten Einschränkungen aus Dresden und Umgebung. Bei allem ist die Galerie – jedes Krönchen auf den klassischen Dresdner Bilderrahmen zeigt es – eine genuin kurfürstlich-königliche Gründung, ein Werk vor allem der sächsischen Kurfürsten und polnischen Könige August II. und August III. Sie schufen zwischen 1700 und 1760 ein Museum, das es sich leisten kann, Werke wie Tizians „Zinsgroschen“ in einem Nebenzimmer zu zeigen.

Selbst die „Sixtinische Madonna“ Raffaels ist nur ein Höhepunkt westlicher Kunstgeschichte neben vielen anderen – was in der neuen Hängung auch dadurch signalisiert wird, dass sie nicht allein an der tiefrot bespannten Wand hängt. Die Wände sind nun wieder kraftvoll farbig, doch ist der Grundriss gespiegelt worden: Von der zentralen Kuppelhalle aus gesehen, hängen nun die Italiener rechts, zu sehen mit der „Sixtinischen Madonna“ in der direkten Achse. Nach links sieht man hin zu Rubens und Rembrandt.

Vor allem aber ist nun neben 700 Gemälden erstmals eine Auswahl von 420 antiken und nach-antiken Skulpturen ausgestellt. Aber nicht nur hier, sondern in der ganzen Galerie finden sich neben den Gemälden auch Skulpturen und Kleinbronzen sowie Büsten. Für Dresden ist diese Mischung der Gattungen eine Revolution. Und der lächerliche Streit, ob man Skulpturen und Gemälde nebeneinander zeigen dürfe, ist beantwortet: Man darf nicht nur, man sollte.

Zur Sache

Dresdens Gemäldegalerie, benannt nach dem Architekten Gottfried Semper (1803 - 1879), wird nach sieben Jahren Restaurierung und technischer Ertüchtigung am heutigen Freitag wieder eröffnet. Am Wochenende laden die Staatlichen Museen ein zu Tagen der offenen Tür, zu denen die Verantwortlichen mit einem Massenandrang rechnen.
gemaeldegalerie.skd.museum

Das Nebeneinander der barocken Büste eines Afrikaners mit klassizistisch-kühlen Gemälden von Poussin und Lorrain erzählt mehr als jedes Handbuch über die koloniale Ausweitung Europas, Antikenkult in Frankreich, die Sehnsucht nach bis zur Langeweile gehender Ausgeglichenheit.

Eines der Hauptwerke, Raffaels „Sixtinische Madonna“.

Noch ein Charakteristikum alter Kunstsammlungen wird hier betont: Opulenz und Dichte. Hier hängen erlesene Feinmaler-Werke aus dem niederländischen Leiden des 17. Jahrhunderts in Reihen über- und nebeneinander. Es ist der Blick des 18. und 19. Jahrhunderts, der hier wieder entsteht, der Rahmen dient als Abgrenzung eines Fensters in eine andere Welt. Gerade diese ungewohnte Fülle der Eindrücke bringt einen dazu, genauer hinzusehen. Sonst wären Wände, die von den gefühlvollen, hochenergetischen und oft auch hocherotischen Gemälden eines Rubens, van Dycks und Jordaens bedeckt sind, wohl kaum erträglich, und die Zierlichkeit der Pastellgemälde würde sich ins Dekorative verflüchtigen. Doch es geht nicht um Traditionalismus, sondern um das Betonen des Besonderen. In der Münchner Alten Pinakothek ist die nationalromantische Konstruktion einer „nordischen“ Malerei im Kontrast zu den „romanischen“ das Hauptthema der Sammlung. Berlins Gemälde- und Skulpturensammlung ist von einer streng bürgerlich-wissenschaftlichen, gewissermaßen lexikalischen Systematik geprägt. In Dresden dagegen ging es vor allem darum, zu zeigen, was aus der Perspektive ihrer Zeit vollendet war und als „schön“ galt.

Deswegen finden sich dort kaum mittelalterliche Werke, die in Berlin und München so goldglänzend vertreten sind. Die wenigen aber werden vorzüglich inszeniert: So sind goldschimmernde flämische Bildteppiche in einem Raum zusammen mit einigen spätmittelalterlichen Skulpturen aus Sachsen und dem Dreiflügelbild einer Madonna in der Kirche von Jan van Eyck zu einem sakralen Raum vereint.

Dominant bleibt die Feier der Renaissance und des Barock, ihrer immer wieder mit antiken Originalen vor neuzeitlichen Gemälden belegten Antikensehnsucht und der Suche nach einer Kunst, die die Natur mit Farben und Perspektive erkennen will. Sie schreckte auch vor Grausamkeit nicht zurück. Rembrandts Entführung eines um Hilfe schreienden Kindes durch den Adler des Zeus ist heute als Thema kaum noch erträglich.

Aber alle Galerien der Welt sind auch Ansammlungen von Darstellungen des Menschenraubs, der Vergewaltigung, von Mord und Totschlag. Genau diese Spannung aber kann wohl nur ein Museum wie jenes in Dresden verdeutlichen, das sich so ungehemmt dem Schönheitskult einstiger Fürsten ausliefert.

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