Egon Schiele: "Das Mädchen mit den grünen Strümpfen", Aquarell, 1914.
+
Egon Schiele: "Das Mädchen mit den grünen Strümpfen", Aquarell, 1914.

Egon Schiele

"Es geht definitiv nicht um Sex"

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Eine Ausstellung in der Wiener Albertina versucht, uns die Augen für Egon Schiele zu öffnen ? Ein Gespräch mit Direktor Klaus Albrecht Schröder über "Das Mädchen mit den grünen Strümpfen".

Herr Schröder, Egon Schieles „Mädchen mit den grünen Strümpfen“, entstanden 1914. In meinen Augen, eine Frau, die von hinten genommen wird. Der Mann, der das tut, fehlt. Er hat dem Betrachter Platz gemacht, der jetzt dessen Rolle einnimmt.
Das ist der Blick einer sexistischen Fantasie. Die Zeichnung entsteht im Zusammenhang mit einem Gemälde im Wiener Belvedere, das „Tod und Mädchen“ heißt. Auf dem Gemälde umarmt eine – freilich bekleidete – Frau wie Schutz suchend einen Mann. Sie hat exakt die gleiche Haltung wie hier in dieser Zeichnung. Der Titel des Gemäldes verweist auf Schuberts gleichnamiges Lied aus dem Jahre 1817, in dem der Tod kein „wilder Knochenmann“, sondern die Zuflucht, der Freund des Mädchens ist. Der Mann steht nicht hinter ihr und packt sie bei den Lenden, sondern vor ihr, legt schützend seine Hand auf ihren Kopf. Er ist aber gleichzeitig vom Tod gezeichnet. Bei dieser Zeichnung geht es also darum, dass das Mädchen fallend Halt an jemandem gewinnt.

Man könnte sich aber doch für das auch eine ganz andere Ansicht vorstellen.
Ganz sicher. Schönheit, heißt es, liege im Auge des Betrachters. Säße der Neurowissenschaftler Eric Kandel jetzt hier bei uns, er würde uns vielleicht sagen, dass wir tief davon geprägt sind, dass der Geschlechtsakt über den längsten Zeitraum der Menschheitsgeschichte von hinten vollzogen wurde, die sogenannte Missionarsstellung also eine späte Entwicklung darstellt. Aber wir schweifen da doch sehr ab. Bleiben wir bei Wien um 1900, bleiben wir bei Schiele. Bleiben wir dabei, dass das in den Augen der Epoche eine absolut unästhetische Haltung ist. Betrachten Sie die Rasanz der Perspektive, die Flucht nach vorne, das Wegfallen des Kopfes, die schmalen Schultern – das alles hat doch einzig und allein mit dem Motiv zu tun. Es geht definitiv nicht um Sex. Das Bild und also auch die Zeichnung dazu verdanken sich antisexuellen Motiven. Sehen Sie sich doch einmal dieses Gesäß an: In seiner radikalen Flächigkeit erinnert es doch sehr an einen missglückten Palatschinken. Hier geht es um das Verlorensein des Menschen.

Wie kommen Sie darauf?
Auf allen vieren zu knien, ist der sicherste „Stand“ des Menschen. Nie ist er stabiler, nie ist er sicherer. Genau dem entzieht Schiele die Grundlage: den Boden. Sehen Sie sich die Zeichnung an. Betrachten Sie die Knie und den Vorderarm. Die könnten auf ihm sicher ruhen. Wenn er denn da wäre. Aber nicht nur das: Schiele kippt den Körper der Frau so nach oben, dass er zu rutschen beginnt. Das ist die Stelle, an der Form und Gestaltung umschlagen in eine inhaltliche Aussage. Es geht um die Darstellung prinzipieller Verunsicherung, grundsätzlicher Unsicherheit und nicht um Stimulation. Aber, nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich habe kein Problem damit, wenn irgendjemand das auch noch erotisch auffasst. Dazu bin ich – wir leben in Wien – zu aufgeklärt.

Herr Schröder …
Gehen Sie einmal zwei Schritte zurück und sehen Sie sich dieses Interview an. Vor zwanzig Jahren, als ich schon 41 war, wäre dieses Gespräch unmöglich gewesen. Erst recht vor vierzig Jahren. Manchen dieser Begriffe hätte man kaum in den Mund nehmen können. Wir bringen die Wahrnehmungsmuster unserer Gegenwart und betrachten mit ihnen nicht nur einander und sie, sondern auch Bilder aus einer Vergangenheit, der solche Wahrnehmungsmuster womöglich gänzlich unbekannt waren. Wer heute noch meint, der Satz „Abraham begegnete Sarah“ genüge, um eine Welle pornographischer Gefühle auszulösen, der wird ausgelacht. Aber diese Stelle stand auf dem Index. Sie wurde aus der Volksbibel gestrichen. Dass ich heute die erotische Dimension bei Schiele viel kleiner schreibe als noch vor ein paar Jahren, das hängt natürlich damit zusammen, dass ich, dass wir alle heute ganz andere Bilder gewohnt sind.

Eine chinesische Bekannte von mir war als junge Studentin völlig hingerissen von Schiele. Das Erotische, das Sexuelle nahm sie überhaupt nicht wahr. Sie sah nur die fragile Schönheit, die ergreifende Verletzlichkeit seiner Figuren.
Der Schmerz, das Bewusstsein der Misere der menschlichen Existenz steckt in jedem von Schieles Werken. Das ist Schieles radikaler Bruch mit dem Jugendstil. Die Ästhetik des Hässlichen ist ja nicht nur eine Frage der Ästhetik. Sie bricht sich nicht nur Bahn im antinaturalistischen Kolorieren, in Gestalt und Form, sondern auch in den vom Künstler behandelten Themen. Jean Paul schreibt 1803 in seinem Roman „Titan“, es gebe zwei Dinge, die den rein ästhetischen Genuss – „interesseloses Wohlgefallen“ im Sinne Kants – einer Darstellung unmöglich machten: Ekel und Sexualität. Genau die führt Schiele einhundert Jahre später in die Kunst ein. Man spricht immer wieder von dem verrenkten Körperbau der Schiele-Figuren, aber sehen Sie sich erst einmal ihre Epidermis an! Seine grau-braunen Strähnen geben niemals die sinnliche, den Tastsinn reizende, Oberfläche einer lebendigen Haut wider. So rührte er an den Ekel. Gleichzeitig aber wollte er vorführen: So weit kann ich gehen und es ist noch immer Kunst. Genauso: Ich kann die Masturbation des Mädchens zeigen, ohne dass die Abbildung zur Pornographie wird. Er reizt beides bis zum Exzess aus.

Also gibt es eine Verbindung zwischen dem sexuellen Reiz und dem Mitleid?
Natürlich gibt es bei dem Mädchen, das seinen Mittelfinger in ihre Vulva führt, eine extrem sexuelle Komponente. Aber im nächsten Augenblick registrieren wir, wie allein und verloren sie ist. Das ist die große Emanzipation der Kunst des Egon Schiele. Es gab damals Pornographie und wenn sie die vergleichen mit dem, was Schiele gemacht hat, dann sehen sie: Für diesen Markt hat er nicht produziert. Aber er hat die Themen aufgegriffen, sie ernst genommen, den Ernst in ihnen erkannt. Das ist eines der großen Geheimnisse dieses Genies Egon Schiele.

Interview: Arno Widmann

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare