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Miriam Cahn, „Muttiertier“, 1998. Bild: Städel Museum, Frankfurt am Main.

Städel

Gegenwartskunst im Städel: Wieder zu Hause

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Vieles hängt mit vielem zusammen: Der neue Parcours durch die Gegenwartskunst im Frankfurter Städel ist ein Schlendern entlang von organischen Übergängen und Entwicklungen.

Das Erste, was man wahrnimmt, sind Menschen. Und auch wenn es nur eine Gruppe düsterer Gesellen ist, die Daniel Richter 2007 auf einer großformatigen Leinwand unter dem Titel „Horde“ versammelt hat, fühlt man sich unmittelbar angezogen. Wobei es auch sein kann, dass der erste Blick den „Zwei proletarischen Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongreß“ von Martin Kippenberger gilt, die seitlich versetzt weiter hinten im Raum hängen.

Städel - Präsentation der Gegenwartskunst

Man kommt also die Treppe des Städel Museums herunter, steht in der neu zusammengestellten Präsentation der Gegenwartskunst – und fühlt sich gewissermaßen zu Hause. Denn das, was der Blick zuerst wahrnimmt, wirkt frisch ohne neu zu sein. Die Bilder kennt man als Städel-Besucher seit Jahren, ohne dass man das Gefühl hätte, dass man sie bereits in all ihren Aspekten ergründet hätte.

Man steht auf dem großzügigen Platz im Zentrum der Gartenhallen, der Blick schweift im Kreis, bleibt an geheimnisvoll mehrdeutigen Gemälden von Thomas Scheibitz hängen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration offenbar nicht recht festlegen wollen und streift ein Gemälde von Frank Nitsche, das ein rosafarbenes Objekt präsentiert, das man zu kennen meint und doch nicht dechiffrieren kann. Die verschiedenen Erzählstränge der Kunst nach 1945 scheinen sich an diesem Ort auf plausible Weise zu verschränken. Als Besucher hat man die Wahl, welcher Entwicklungsgeschichte man zuerst auf den Grund geht.

Städels klug angelegter Neubau

Man könnte dem Gang mit den Körperdarstellungen folgen und käme schließlich bei den schrägen Gemälden der achtziger Jahre heraus, bei Georg Herold und seinem „Ziegelneger“, Werner Büttner und Albert Oehlen. Aber vielleicht biegt man der Einfachheit halber gleich links ab, wo ein Strickbild von Rosemarie Trockel mit einem dicken schwarzen Kreuz und dem Schriftzug „Who will be in in ’99“ und ein Arrangement aus verschiedenfarbigen, einander überlagernden Teppichbahnen von Simon Dybbroe Møller den Weg zu den Minimalisten weisen. Von hier aus gelangt man zu Streifendarstellungen verschiedenster Ausprägung und Generationen, ob von Carsten Nicolai oder Blinky Palermo, und landet bei Erweiterungen des Tafelbildes in den Raum: einem Schwammbild von Yves Klein oder Günther Ueckers Nagelbildern.

Die vielfältigen Perspektiven, die die mittig gelegene Piazza des klug angelegten Neubaus bietet, sind durchweg verlockend. Die Anordnung ist schlau zusammengestellt. Die Gegenwartskunst – so die Erkenntnis – ist das Ergebnis einer Vielzahl von Einflüssen, die sich immer wieder kreuzen. Querverbindungen ergeben sich in nahezu sämtliche Richtungen. Und so entspricht der Parcours durch die Sammlung einem gemächlichen Schlendern durch organische Übergänge und Entwicklungen, bei denen vieles mit vielem zusammenhängt, Stile und Macharten einander ergänzen, kommentieren oder konterkarieren. Manches ist chronologisch oder auch nach Stilen gruppiert, anderes ist nach Sinnzusammenhängen oder ästhetischen Aspekten sortiert.

Aura eines Werkes

So gibt es einen sonderbaren Raum, in dem auf den ersten Blick nichts so recht zusammenpassen will: Da ist eine Art flacher Brunnen aus hohlen Kunststoffbacksteinen von Asta Gröting, ein organisches Gebilde von Mark Manders (beides Neuerwerbungen) und dann gibt es dort eine Reihe teilübermalter Selbstporträts, die Ulay mit der Polaroidkamera geschossen hat oder die schrägen Aktionsfotos von Anna und Bernhard Blume. Dass es in sämtlichen Arbeiten um das Künstler-Ich geht, dass hier neue Formen des Selbstporträts „jenseits des Darstellbaren“ vorgestellt werden, erkennt man erst nach einer Weile.

Auf Anhieb plausibel wirkt dagegen ein Raum, der sich mit Körpern und ihrer Deformation beschäftigt. Werke von Jean Dubuffet, Francis Bacon, Miriam Cahn, Leon Golub und Alberto Giacometti erzählen – jedes auf seine ganz eigene Weise – von Schmerz und Entgrenzung – ein Themenkomplex, der seine Dringlichkeit bis heute nicht verloren hat. Vermutlich ist das auch die beste Definition von Gegenwartskunst: Werke, deren Gehalt einem heute genauso dringlich erscheinen wie vor zehn oder fünfzig Jahren. Manchmal jedoch möchte man die Aura eines Werkes auf sich wirken lassen und mit ihm allein sein. Auch das geht in der Ausstellung mit dem treffenden Titel „Zurück in die Gegenwart“.

In einem dunklen Raum hängt eine großformatige Schwarzweiß-Aufnahme von David Claerbout („Venice Lightbox“). Erst meint man, nichts erkennen zu können, doch ganz allmählich erhält man eine Ahnung. Nach und nach kristallisieren sich Einzelheiten heraus, das Auge gewöhnt sich, und man kann dem Gehirn beim Denken, dem Wahrnehmungsapparat bei der Arbeit zusehen. Ein großes Gebäude. Zierliche Säulen. Maßwerk-Fenster. Es sind die Konturen des Ca’ d’Oro, eines Palastes am Canal Grande.

Wieder draußen stellt man fest, dass es mit den meisten anderen Werken letztlich ganz ähnlich funktioniert: Man schaut drauf, sieht nichts, bleibt stehen – und ganz allmählich stellt sich Erkenntnis ein.

Städel Museum Frankfurt:  www.staedelmuseum.de

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