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„Untitled (Sacred)“, 2016.
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„Untitled (Sacred)“, 2016.

Kader Attia im MMK

Das Geflickte bewahren und zeigen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst widmet dem algerisch-französischen Künstler Kader Attia eine grausam-schöne Ausstellung.

Man stelle sich mal kurz vor, dies wäre tatsächlich geschehen: Alle Opfer des Ersten Weltkrieges wären aus ihren Gräbern gekrochen, um die Nachwelt vor einer weiteren Dummheit zu warnen. All ihre schauerlichen Wunden und Narben hätten dann wenigsten irgendeinen Nutzen gehabt. Der französische Filmemacher Abel Gance hat es versucht. In einem Spielfilm von 1938 ließ er die Toten auferstehen, um die Nachwelt vor einem weiteren Krieg zu bewahren. Er konnte sogar einige Invaliden mit grausamen Gesichtsverstümmelungen überzeugen, daran mitzuwirken. Genutzt hat es bekanntlich nichts.

Ein Ausschnitt des Spielfilms mit dem Titel „J’accuse“ ist derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst als Bestandteil einer Rauminstallation von Kader Attia zu sehen. Eine Versammlung monumentaler Holzbüsten ist dem Film gegenübergestellt. Sie alle sind von Bildschnitzern aus dem Senegal nach Fotos von Menschen gefertigt worden, die im Ersten Weltkrieg schwerste Gesichtsverletzungen erlitten haben. Das Ergebnis ist faszinierend und schockierend zugleich.

Der Umgang mit Verletzungen, Narben, Macken ist ein zentrales Thema im Werk des algerisch-französischen Künstlers, das im MMK nun in einer großen Überblicksausstellung gezeigt wird. Während es in westlichen Kulturen darum gehe, Bruchstellen oder Verletzungen von Gegenständen durch Reparaturen möglichst unsichtbar zu machen, herrsche in anderen Kulturen das gegenteilige Ideal, erläutert Attia: An geflickten Artefakten aus ethnologischen Sammlungen lasse sich deutlich erkennen, dass eine Reparatur die Naht als Teil der Geschichte des Gegenstandes sichtbar lässt, bisweilen geradezu hervorheben soll.

Die Dinge und die Art und Weise, wie sie geflickt wurden, sind für den Künstler Hinweise darauf, wie verschiedene Gesellschaften mit ihrer Geschichte umgehen. Im Westen herrscht demnach eine Ideologie der Auslöschung. Oder – wie Attia es ganz simpel ausdrückt: „Wenn hier ein Kugelschreiber kaputt geht, kauft man eben einen neuen.“

„Sacrifice and Harmony“ heißt die Schau, die einen festen Parcours mit weiten und engen Räumen vorgibt: Man betritt zunächst eine unwirtliche Gasse, die seitlich von rostigen Metallwänden und nach oben durch ein Gitter begrenzt ist. Auf dem Gitter liegt Schrott. Plastikmüll, kaputte Haushaltsgegenstände, all so was. Titel: „Los de arriba y los de abajo“. Es gibt diese Gasse tatsächlich, in der Altstadt von Hebron, im Westjordanland. Kopierte Zeitungsartikel an den Museumswänden zeigen Fotos davon. Unten leben Palästinenser, oben jüdische Siedler, die ihren Unrat einfach aus dem Fenster werfen. So wird die Spaltung einer Gesellschaft auch architektonisch gefestigt und sichtbar.

Im nächsten Raum laufen Videos. Sie zeigen Interviews, die der Künstler (Jahrgang 1970) mit Glaubensprofis – Imame, Rabbiner, Priester –, Wissenschaftlern und Historikern über psychopathologische Krankheiten und Methoden der Heilung geführt hat. Es geht um Holocaust-Traumata, Trance-Zustände oder Fetische. Er sei sich fast sicher, so ein afrikanischer Experte im Film, dass Menschen, die völlig ohne Religion aufwüchsen, irgendwann Drogen nähmen oder anderweitig durchdrehen müssten.

Ein französischer Neurowissenschaftler berichtet derweil am Bildschirm nebenan von einem algerischen Schlaganfallpatienten, der sich seinen neuen, eingeschränkten Zustand nur dadurch habe erklären können, dass ein Djinn ihn verhext habe. Da es sich in den Augen des Patienten nicht um ein medizinisches Problem gehandelt habe, habe er das Krankenhaus verlassen. Wer vermag schon zu sagen, ob dies für ihn nicht die beste Entscheidung war? Jede Kultur habe aufgrund ihrer Tradition, aber auch durch den Kolonialismus und seine Folgen unterschiedliche Konzepte des Unbewussten entwickelt, erklärt Attia. Im Westen halte man es eher mit der Verdrängung.

Kurz darauf stößt man im MMK auf eine traditionelle Krankenmaske des Volksstammes der Pende aus dem Kongo, die neben einer Abbildung von Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ platziert wurde. Die Ähnlichkeit ist frappierend. „Wir halten uns immer für so modern und intellektuell überlegen“, sagt Attia, „doch in Wahrheit gibt es ein Kontinuum.“ Bestimmte Bilder und Erfindungen tauchten zu allen möglichen Zeiten an allen möglichen Orten auf.

Tatsächlich ähneln die Aufnahmen antiker Marmorbüsten mit ihren abgeschlagenen Nasen und Ohren den Fotos von verstümmelten menschlichen Gesichtern, die Attia im nächsten Raum miteinander kombiniert hat. Es ist ein Labyrinth, in dem geflickte Bendir-Trommeln, mit Metallklammern getackerte Risse in Holzbalken, Armprothesen und eine Styropor-Verpackung sich auf erstaunlich stimmige Weise ergänzen. Kurz überlegt man, was wohl ein Archäologe der Zukunft in die Löcher hineininterpretieren würde, die im Styropor als Negativformen für ein Produkt ausgespart wurden. Und ob die Ausbesserungen, die jemand mit Pappe und Frischhaltefolie an demolierten Karosserieteilen vorgenommen hat, nicht einer Aufwertung gleichkommen.

Der nächste Raum ist voller Gewächse aus Armierstahl, der zu zahlreichen Y-Formen zusammengeschweißt wurde, an denen wiederum Gummis befestigt sind. Das Ergebnis sind Bäume voller Zwillen – archaische Waffen, wie sie unter anderem beim Arabischen Frühling massenhaft zum Einsatz kamen.

Dann landet man schließlich bei diesen grausam-schönen Köpfen, die so auch schon auf der letzten Kasseler Documenta zu sehen waren und Attia von einem Geheimtipp zum hoch gehandelten Künstler katapultiert haben. Jeder ist anders und auf seine eigene Weise speziell. Es sind Gesichter, die davon erzählen, dass man Geschichte nicht ausblenden darf. Dass man sie aushalten muss.

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt: bis 14. August.

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