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Baumwolle in verschiedenen Arbeitsstadien, Bolivien, 1950er.
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Baumwolle in verschiedenen Arbeitsstadien, Bolivien, 1950er.

„Der rote Faden“ im Weltkulturen Museum

Gedanken spinnen

  • Judith Köneke
    VonJudith Köneke
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Das Weltkulturen Museum in Frankfurt zeigt an rund 400 Objekten, die zum Teil zum ersten Mal ausgestellt werden, wie vielseitig Textilproduktion sein kann.

Beim Weben lernen die Mädchen des Tacana-Volks zu kalkulieren, zu denken und sich zu erinnern. Sie machen emotionale Erfahrungen und erwerben praktische Kenntnisse. Schon lange ist das Weben etwa in Mittel- und Südamerika viel mehr als nur ein Handwerk. Schon Dreijährige beginnen bei den Tacana, einem Volksstamm aus Bolivien, mit den ersten Webübungen. Während sie die Musterkunst lernen, beschäftigen sie sich mit Geometrie und Zahlensystemen. Außerdem „vermitteln Muster kulturelles Wissen“, sagt Eva Raabe vom Frankfurter Weltkulturen Museum. Textile Handarbeiten stimulierten kognitive Fähigkeiten, räumliches und mathematisches Denken. Somit scheint nicht verwunderlich, dass so viele Mathematiklehrer in Peru aus Weberfamilien stammen.

Das Weltkulturen Museum präsentiert in seiner neuen Ausstellung „Der rote Faden, Gedanken spinnen, Muster bilden“ die kulturell vielseitigen Techniken der Textilproduktion aus seiner Sammlung Amerikas, Südostasien, Ozeanien und Afrika. Die Schau zeigt von heute an rund 400 Objekte, die zum Teil zum ersten Mal ausgestellt werden. Werkzeuge, tolle Stoffe, Kleidungsstücke, Fotografien, aber auch einige moderne Installationen.

„Verknüpfungen“, „den Faden nicht verlieren“ oder „Gedanken spinnen“, diese Redewendungen verwenden wir ganz nebenbei, sagt die kuratorische Leiterin Vanessa von Gliszczynski. Ohne darüber nachzudenken, woher sie kommen und wie sehr sie mit Textilien verwoben sind – da, schon wieder ein Wort aus dieser Gattung. Fest sind sie in unserem täglichen Sprachgebrauch, in Märchen oder Mythen verankert. Wir bewegen uns in sozialen Netzwerken oder surfen im World Wide Web. Textiles Denken prägt also auch die moderne Kommunikationswelt.

Auch wirkliche Stoffe, Fäden und Muster begleiten uns in unserem Alltag. Aber wenn wir uns einen Pullover kaufen, interessieren uns meist die Farbe und das Aussehen mehr als die Herstellungstechnik, die dahinter steckt.

Dabei kann diese hochspannend sein. Doch ganz am Anfang steht der Faden, denn ohne ihn – kein Textil. Meist ist uns nur die Baumwolle oder Wolle geläufig, aber die Palette ist groß. Erstaunlich, aus welchen Materialien Kleidung, Decken oder Taschen hergestellt werden können. Aus der Faser der Brotfruchtbaumrinde, der Agave oder Haaren werden Fäden gesponnen. In einer Vitrine kann man sehen, wie sie sich in ihrer Dicke, Farbe und Beschaffenheit unterscheiden.

Jeder der Räume widmet sich einem Thema. Beim Schwerpunkt „Farbe und Färben“ geht es etwa um den Gegensatz von synthetischen und natürlichen Farben. Dabei habe Letzteres nicht nur Nachteile, sondern ermögliche auch mehr Vielfalt, betont von Gliszczynski. Aber die Schau geht auch auf die damit einhergehende Umweltverschmutzung ein.

Webgeräte bestehen zwar aus unterschiedlichen Materialien und stammen aus verschiedenen Orten – sie funktionieren aber im Grunde gleich. Denn zum Weben braucht man Hilfsmittel, das kann eine Rückenjoche sein, aber auch Bänder, Kämme oder -schiffchen. Die Ausstellung zeigt ihre Vielfalt. Manche weisen Schnitzereien auf, andere sind kunstvoll verziert, einige gar mit persönlichen Erinnerungen wie Liebeserklärungen versehen. Dazu gehören Webschwerter aus Indonesien, Nadeln aus Guatemala, Astgabeln können zu Webrahmen werden.

Wer hätte zudem gedacht, dass ein Webstuhl die Grundlage für den ersten Computer war. Der mechanische Jaquard-Webstuhl aus dem Jahre 1805 wurde per Lochkarte programmiert, frühe Rechenmaschinen übernahmen sein Prinzip, erklärt von Gliszczynski. Eine Installation beschäftigt sich mit diesem Zusammenhang.

Kleidung und Stoffe überbringen auch Botschaften. Die bunten Netztaschen aus Baumwolle oder Kunstfasern, mit Muster, Schrift oder Abbildungen, die im ersten Stock gezeigt werden, sind typisch für Neuguinea. Sie werden von Frauen hergestellt, die in ihnen ihre Lasten transportieren. So repräsentieren sie gleichzeitig ein Symbol für die Rolle der Frau im Alltag und in der Familie. Neben ihnen sind ältere braune Taschen und Lendenschurze zu sehen. Die älteren Stücke sind noch aus Pflanzenfasern gefertigt. Die Männerschurze mit eingearbeiteten Schweineschwänzen zeigen Besitz und Ansehen ihrer Träger an. Verwitwete trugen ebenfalls besondere Kleidung als Ausdruck ihrer Trauer.

Darüber hinaus widmen sich auch Künstlerinnen und Komponisten den Textilien und ihrer Symbolkraft. Die Nordamerikanerinnen Shan Goshorn und Sarah Sense haben sich mit ihrer Vergangenheit und dem Erinnern beschäftigt. Goshorn, die zu den Cherokees gehört, orientiert sich bei ihren Körben an den Flechttechniken ihrer Vorfahren, erklärt sie, sie verwendet Papier, das sie bemalt oder mit Gebeten, Liedern, Geschichten beschriftet. „Die Werke erzählen von historischen Traumata wie Genozid, Zwangsassimilation und Vertreibung“, diese dürften nicht vergessen werden.

Neben zwei indonesischen Tüchern hängen Kopfhörer, aus denen Musik erklingt. Junge Komponisten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst übersetzten die Stoffe in Klangteppiche, ah, und da ist wieder so ein Wort.

Weltkulturen Museum Frankfurt: bis 27. August 2017.

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