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Gauri Gill: „Es öffnete eine Welt“

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Gauri Gill. Foto: Esra Klein
Gauri Gill. Foto: Esra Klein © Esra Klein

Die Fotografin Gauri Gill dokumentiert seit 1999 den Alltag in der indischen Wüste, ihre Arbeiten sind derzeit in der Schirn Kunsthalle zu sehen. Hier schreibt sie über die Anfänge ihrer Arbeit

Die in Delhi lebende Fotografin Gauri Gill fing 1999 damit an, die Menschen und ihren Alltag in der Wüste Thar im westlichen Rajasthan, nahe der Grenze zu Pakistan, zu fotografieren. Immer wieder kehrte und kehrt sie dorthin zurück, langjährige Beziehungen verbinden die Fotografin mit den Menschen vor Ort. Der Werkkomplex „Notes from the Desert“ umfasst mittlerweile mehrere Tausend Fotografien. Wir haben Gauri Gill, deren große Überblicksschau jetzt in der Schirn Kunsthalle zu sehen ist, gefragt, was sie zu diesem Projekt bewogen hat.

„Im April 1999 habe ich mich auf den Weg gemacht, um Dorfschulen in Rajasthan zu fotografieren. Früher im Jahr war ich zufällig Zeugin, wie ein Mädchen von ihrem Lehrer geschlagen wurde, in einer kleinen Schule, einige Stunden von Jodphur entfernt, und es ging mir nicht aus dem Kopf.

Als ich nach Delhi zurückkam, schlug ich einem Nachrichtenmagazin, für das ich als Fotojournalistin arbeitete, eine Geschichte vor. Ich sagte, ich würde gern eine Fotoserie darüber machen, was es bedeutet, ein Mädchen in einer Dorfschule zu sein. Aber da es dafür keinen passenden ,Nachrichtenaufhänger‘ zu geben schien, wurde meine Idee auf Eis gelegt. Ich beschloss, eine einmonatige Auszeit vom Büro zu nehmen und diese Zeit im ländlichen Rajasthan zu verbringen.

Ich fing an, nach dem Zufallsprinzip kreuz und quer im Staat von Schule zu Schule zu reisen – ich fuhr durch Jaipur, Jodhpur, Osiyan, Bikaner, Barmer, Phalodi, Baran und Churu, fotografierte vor allem in den Dörfern, von staatlichen Schulen bis zu experimentellen Schulen, von NGOs organisierten Gemeinschaftsveranstaltungen ... Ich traf Schülerinnen und Schüler, Lehrer, Offizielle und Aktivisten. Sie waren erstaunlich tolerant, was meine Unwissenheit betraf, und führten mich gern herum, bemüht, die vielen Fragen zu beantworten, die ich als englischsprachige Journalistin aus Delhi hatte.

Im Ort Lunkaransar ging ich eine Marushala (,Wüstenschule‘, d. Red.) besuchen, die von Urmul Setu Sansthan betrieben wurde (eine der ältesten NGOs in Rajasthan), um nomadisch lebende Jogi-Kinder unterrichten zu können. Ich traf Urma und Halima, die mich mit nach Hause nahmen, und wurde der Familie von Bhana Nath vorgestellt, Vater von Urma und angesehener Anführer der Gemeinschaft. Wir saßen in ihrem Lehm-Haus auf dem Bett, unter dem Schlangen und Chamäleons und ein Hahn waren, mit Urmas Brüdern und ihren wilden Hunden, und sie luden mich ein, mit ihnen zu reisen.

Sie dachte, ich sei ein Junge

Im Distrikt Barmer verirrte ich mich und stieß auf eine Gruppe von Frauen, die vollständig in große dunkle Ajrak-Schals gehüllt waren und um den Leichnam eines kleinen Mädchens standen. Sie sahen angsteinflößend aus, aber als ich es wagte, nach dem Weg zur Schule zu fragen, wurde ich von einer von ihnen unterbrochen. Sie nahm meine Hände und erzählte mir alles, was in ihrem Leben verkehrt lief. Mit großer Überzeugungskraft prägte Izmat mir ein, ich solle nach meiner Rückkehr nach Delhi den Leuten von den Problemen berichten, die die Menschen in Barmer haben.

Ihre ältere Tochter, Jannat, hatte Angst vor mir in meinen Jeans, mit meinen kurzen Haaren und mit meiner Kamera. Sie dachte, ich müsse ein Junge sein. Aber Izmat fragte mich nach meiner Anschrift und, in anschließenden Briefen, die sie des Schreibens mächtigen Bekannten diktierte und an mich schickte, drängte sie mich wiederzukommen. Ich tat es.

Mir Schulen anzusehen, öffnete eine Welt. Während der vergangenen siebzehn Jahre umfassten meine Besuche in der Wüste – um im Großen und Ganzen dieselben Menschen und Orte zu sehen – diverse Lebensbereiche und Veränderungen, die sich in dieser Zeit vollzogen. Ich habe die Jahreszeiten erlebt: Dürrejahre und das Jahr des großen Monsuns (als Barmer zu Kashmir wurde), Staubstürme, die ein Fieber auslösen können, und eine Überschwemmung, die so viel Verheerung anrichtete, dass Urmas Zuhause wiederaufgebaut werden musste.

Ich habe den Kreislauf des landwirtschaftlichen Anbaus verfolgt, die Migration, Männer, die als Wanderarbeiter in Gujarat and Maharashtra unterwegs waren, ,Food for Work‘-Programme, NREGA (Ministerium für ländliche Entwicklung, d. Red.) und andere Regierungsmaßnahmen, nomadische Reisen, Krankheiten und Epidemien, zerebrale Malaria, Tuberkulose, überforderte Krankenhäuser, unterbesetzte Schulen, Tod durch Schlangenbiss, durch Unfälle, durch lebendig Verbranntwerden, durch Altwerden in der Wüste, den Tod eines Kamels in einem Jahr, das in der Erinnerung blieb als das Jahr des Todes des Kamels, Geburten, Hochzeiten, Verheiratung von Kindern, Geldverleiher, Interventionen der Zivilgesellschaft, Dharnas (Hungerstreiks, d. Red.) und Kundgebungen, Menschen, die für Veränderung kämpften, nationale und Panchayat-Wahlen (Dorfrats-Wahlen, d. Red.), Festivals, Fehden, die über Generationen weitergereicht wurden, Feste, Gebete ... und während alldem bin ich auch meinen Freunden gefolgt.

Als armer, landloser Mensch ohne regelmäßige Beschäftigung in der Wüste zu leben, läuft darauf hinaus, dass man unausweichlich auf sich selbst zurückgeworfen ist, auf die anderen, auf die Natur. Der Einsatz ist hoch, die Naturgewalten nah, das Leben so billig wie die Witze darüber wild. Des Nachts in den eiskalten Sanddünen zu schlafen, im Winter, dabei nur unter einer Plane und einigen schweren alten Decken, bedeutet, dass alle darunter nah zusammenrücken müssen, zusammen mit den Hunden, und in die Decke atmen müssen. Man kann sich nicht sicher sein, was in diesem Haufen was ist oder wer.“ (Gauri Gill)

Artist Tour mit Gauri Gill , 14.10. (ausgebucht). Kuratorinnenführung mit Esther Schlicht, 18.10., 19 Uhr. Dialogführung mit Natascha Ginwala Akinbode Akinbiyi, 21. 10., 19 Uhr (Englisch).

Karten unter schirn.de/shop

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