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Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Ausstellung

Von Gastkriegern und Gastarbeitern

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Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle widmet sich jetzt auch der Völkerwanderungszeit.

Die drei neuen Räume des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle zeigen Funde aus Spätantike und der Völkerwanderungszeit. Mein Tipp, nachdem ich alles verkehrt gemacht habe, lautet: Gehen Sie erst ins Café des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, erwerben sie dort das Begleitheft „Barbarenmacht“ (127 S., reich und bunt bebildert, 11 Euro) zum Abschnitt „Spätantike und Völkerwanderungszeit“ der ständigen Ausstellung. Setzen Sie sich hin, lesen sie eine halbe Stunde lang in dem Band. Danach gehen sie am besten in den letzten Saal der Völkerwanderungsabteilung. Dort ist ein kleiner Film zu sehen, der auf einer Landkarte zeigt, wann zwischen 200 und 600 welche Völker sich aus dem Osten kommend ins Römische Reich oder in die angrenzenden Regionen begaben.

So lesen sie, wenn Sie dann die neuen Räume ganz ordentlich von Anfang bis Schluss durchgehen, die Erläuterungen zu den einzelnen Funden auf dem Hintergrund der Zeitleiste, die Sie sich vorher ein wenig eingeprägt haben. Jetzt ist Ihnen sofort klar, dass die „Völkerwanderung“ über lange Zeit keine war. Meist zogen nicht ganze Völker durchs Römische Reich, sondern das taten Kriegerverbände auf der Suche nach Leuten, die sie finanzierten. Oder aber beim Versuch, sich ein Stück aus dem Reich herauszubeißen.

So gab es von 260 bis 274 ein „Gallorömisches Sonderreich“, das entstanden war aus der Rebellion rheinischer Grenztruppen. Erst die aus den Steppen Innerasiens hereinbrechenden Hunnen, ihre Verbündeten und der Schrecken, den sie im 4. Jahrhundert verbreiteten, setzten tatsächlich in größerem Umfang ganze Völkerscharen in Bewegung.

Der Besucher erfährt auch, dass die Germanen einerseits nach Stämmen gegliedert waren, dass es aber, diese ethnische Gliederung überschreitend, Kriegsgefolgschaften und Kultgemeinschaften gab. Man liest das und glaubt in diesem Moment zu begreifen, warum sich im Westen der Cäsaropapismus nicht durchsetzen konnte. Schwert und Glaube waren offenbar schon sehr früh zwei voneinander getrennte Quellen der Macht.

Es hat freilich auch unter Germanen nicht an Versuchen gefehlt, beide in einer Person zu vereinen. Man könnte eine ganze Weltgeschichte schreiben, in der dieser alle Kulturen und alle Kulturstufen durchziehende Streit zwischen Oberpriester und Oberkrieger im Zentrum stände.

Die neuen Räume beginnen mit einem Kapitel über die „‚Germanisierung‘ der römischen Armee“. Grabbeigaben geben Auskunft über Germanen, die zu römischen Soldaten geworden und nach dem Dienst zurückgekehrt waren, um in ihrer Heimat zu sterben und dort begraben zu werden. Die mochte sich in vielem den römischen Nachbarn angepasst haben, aber die Archäologie zeigt, dass zum Beispiel Steinhäuser als römisch empfunden wurden und die Germanen in ihrer Heimat auf sie verzichteten. Auch die heimgekehrten Soldaten zogen die traditionellen Holzhütten vor.

Was als heimatlich verstanden wird und darum nicht geändert werden soll, was dagegen unbedingt geändert werden soll – das verschiebt sich immer wieder. Der Besucher denkt daran, dass viele Türken ihren Ehrgeiz darein setzen, nach ihrer Rückkehr in die Heimat gerade nicht in die Hütten zurückzuziehen, die sie verlassen hatten, sondern dort möglichst moderne Häuser bauen. Mein ständiges Hinüberschielen in die Gegenwart ist, ich weiß es, verwerflich. Aber ich tue es und kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand es nicht tut.

Dass das zu groß gewordene Römische Reich sich Gastkrieger ins Heer holte, ohne die es womöglich längst zuvor schon zusammengebrochen wäre, die sich mal integrierten, mal separierten, die integriert, separiert wurden und oft beides zugleich, das erinnert an uns vertraute Entwicklungen. Die uns freilich in Wahrheit so wenig vertraut sind, dass auch wir die Chance, die in ihnen liegt, nicht erkennen.

Im Gang durch die Ausstellung stellt sich die Geschichte als eine Flugbahn dar, bei der am Anfang die „,Germanisierung‘ der römischen Armee“ steht und am Ende deren Beseitigung durch germanische Kampfverbände. Aber die Germanen waren keine Kugel, die, einmal abgeschossen, ihr Ziel zerstören musste. So funktioniert Geschichte nicht.

Die Ausstellung in Halle ist keine Ausstellung zu den Asien, Europa und Nordafrika umkrempelnden Völkerwanderungen des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung. Wer sich über die informieren möchte, der sei, wenn er alle Zeit der Welt hat, auf „Geschichte der Völkerwanderung – Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr.“ (Verlag C.H. Beck, 1532 Seiten, 58 Euro) des Tübinger Althistorikers Mischa Meier verwiesen. Er schreibt, er werde nicht die „Geschichte“ der einzelnen uns bekannten Verbände nachzeichnen; dies würde lediglich die irreführende Suggestion kompakter Einheiten aufrechterhalten, deren vermeintliche Wanderungen über Jahrhunderte hin nachvollziehbar seien. Stattdessen werde er zu „beschreiben versuchen, „wie sich die Situation in einzelnen Regionen, in denen Römer und Barbaren zusammenstießen, entwickelten“.

Pannonien, eine Provinz, deren Gebiet u.a. die heutigen Städte Wien, Budapest und Sarajewo einschloss, wird von Meier nicht nur 31 Mal erwähnt, sondern immer wieder auch ausführlich behandelt. Die östliche Grenzprovinz ist freilich auch ein kleiner Spiegel der Entwicklung des Römischen Reiches: 103 wurde sie zweigeteilt, um 300 viergeteilt und 433 an die Hunnen abgetreten. Die Saale wird von Meier nur dreimal erwähnt. An einer Stelle wägt er ab, ob es jemals so etwas gegeben habe wie das Thüringerreich, das, „eine weitgehend unbekannte Größe innerhalb der politischen Neukonfigurationsprozesse des 5. Jahrhunderts darstellt.“ Wenige Seiten später meint er dann dennoch: „Die weiteste Machtbildung östlich des Rheins dürfte, mit Zentrum an Unstrut und Saale, von den Thüringern ausgegangen sein.“

Germanischer Gott (3.-6. Jh.), gefunden in Sömmerda.

Die Ausstellung in Halle ist noch vorsichtiger, was die Vorstellung der älteren Forschung von einem Thüringerreich angeht. In ihr heißt es: „Zugleich beeinflusste und beschleunigte die Hunnengefahr das Formieren germanischer Reiche. In stetem Prozess des Ansiedelns und Verdrängens wechselten die heterogenen Stämme wiederholt ihre Zugehörigkeit. Die immer größeren Verbände nahmen als neue Schutz- und Rechtsgemeinschaften eigene Identitäten an, so auch die hiesigen, erstmals Ende des 4. Jhs, n. Chr. genannten Toringi (Thüringer).“

Nach sprachwissenschaftlichen Kriterien wurden die ältesten germanischen Ortsnamentypen bislang im Gebiet nordwestlich von Halle gefunden. Das scheint germanisches Kernland gewesen zu sein. Das gibt der Ausstellung in Halle eine besondere Bedeutung. Fundorte sind u.a. Gommern, knapp 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg; Leuna, knapp 30 Kilometer südlich von Halle; Lützen, 14 Kilometer südöstlich von Leuna, Sömmerda, 20 Kilometer nördlich von Erfurt; Wansleben, 20 Kilometer westlich von Halle.

Madras 1980. Auf einer Reise durch Indien kamen wir von einem Besuch der Gedenkstätte für den Heiligen Thomas zurück in unser Hotel in die seit 1996 Chennai genannte Stadt. Vor dem Hotel eine lachende, sich die Schenkel klopfende Menschenmenge. In deren Mitte drei, vier Kinder mit in die Höhe gestreckten Schädeln. Niemals zuvor und niemals danach habe ich so etwas gesehen. Ich wusste, dass es Schädeldeformationen fast überall auf der Welt gegeben hatte. Aber hier, in einer modernen Großstadt, Bettler, die ihre Kinder verformten, um lukrativer mit ihnen betteln zu können – damit hatte ich nicht gerechnet, das habe ich nicht vergessen.

In der Ausstellung sind auch drei „Turmschädel“ zu sehen. Das sind Köpfe von Menschen, die in ihrer frühen Kindheit verformt wurden. Ein Brauch, der hier ausschließlich in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts gepflegt wurde. Es waren die Hunnen, die ihn aus Zentralasien mitgebracht hatten. Die Schädel sind aber germanisch. Man passte sich also den Siegern an. Als sie keine Bedrohung mehr darstellten, wurden Kindern die Köpfe nicht mehr verformt. Wer diese Schädel gesehen und ihre Geschichte gelesen hat, der begreift, wie wörtlich der Begriff Anpassung immer wieder genommen wurde.

Wer die Ausstellung besucht, darf sich nicht auf den Blick in die Vitrinen beschränken, er muss die darunter liegenden Fächer aufziehen. In vielen Fällen lassen sie den Besucher erst begreifen, was er oben gezeigt bekommt. Erst die rekonstruierende Zeichnung lässt einen den Gürtel erkennen, oder verstehen, was beispielsweise auf einer Silberplatte zu sehen war.

Die Museumsleute in Halle sind verknallt in Details. Alles wird mit äußerster Sorgfalt ausgegraben, analysiert und präsentiert. Das versteht sich doch wohl von selbst, sagen Sie? Schauen Sie sich doch mal den Griff an, mit dem Sie hier die Fächer öffnen. Keine Massenware. Es ist die Nachbildung eines germanischen Gottes, wie er in Sömmerda gefunden wurde. Das 7,5 Zentimeter große Figürchen, entstanden irgendwann zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert, ist „im mitteldeutschen Raum die früheste germanische Skulptur eines menschlichen Körpers in anatomischer Wiedergabe.“ Seine Nacktheit, die thronende Sitzpose und die ausgebreiteten Arme symbolisieren, so erklären die Ausstellungsmacher, „Macht, vielleicht sogar Allgewalt“.

Diese verkleinerten Repliken wurden eigens für die Ausstellung hergestellt. Der Besucher hat mehr als zwanzig Mal den Gott angepackt, bis er in einem der letzten Fächer erfährt, mit wem er es zu tun hat. Der germanische Gott ist ein Cliffhanger, der einen dazu bringt, alle Fächer zu öffnen. Bis man ihn endlich gefunden hat. Mehr als das, was ich hier abgeschrieben habe, ist aber in der Ausstellung und auch im Begleitheft über den mutmaßlichen Gott nicht zu erfahren.

Die für die heutige Debatte interessanteste Information der Ausstellung ist, dass nicht die Völkerwanderungen die Ursache für den Zusammenbruch des Römischen Reiches waren, sondern dass der ihnen voranging. Der Staat als Beute war spätestens seit den Bürgerkriegstagen der späten Republik ein innerrömisches Konzept. Das Kaisertum, das davor schützen sollte, vergrößerte eher noch den Hunger auf den Besitz des Imperium Romanum. In diesen Kämpfen wurde das Römische Reich so weit zerrissen, dass die „Barbaren“, die zunächst sich hatten integrieren wollen in die römische Welt, dazu übergingen, auch nach Teilen von ihr zu schnappen. Der Untergang des Römischen Reiches war von den römischen Bürgern selbst betrieben worden, lange bevor es von außen „erobert“ werden konnte.

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