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Aus der Installation "O Sentimental Machine".
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Aus der Installation "O Sentimental Machine".

William Kentridge

Der Gang der Zeit, der Tanz der Skulpturen

Eine grandiose Überforderung: Die Skulpturensammlung des Frankfurter Liebieghauses beherbergt für einige Monate Werke des Südafrikaners William Kentridge.

Das Theater liebt das Ineinanderstecken von meinetwegen auch unpassenden Dingen, weil es anregt und unterhält. Jedem ist ja klar, dass „Ariadne auf Naxos“ nur gelingt, weil der Mäzen ein Banause ist und das Indiskutable verlangt: zwei Kunstwerke zur gleichen Zeit aufzuführen.

William Kentridge, der südafrikanische Künstler (und Opernregisseur, der 2017 „Wozzeck“ in Salzburg inszenierte), liebt das Theater. Man kann sich nicht vorstellen, dass er lange zögerte, als das Frankfurter Liebieghaus ihn einlud, seine Kunst in der Skulpturensammlung auszubreiten. In einer Villa, daran erinnerte Philipp Demandt als Direktor des Hauses, die als überbordende historistische Keckheit vor ihrer Umwidmung zum Museum ihrerseits eine Theaterkulisse zum Wohnen war. In einer Sammlung, die sich ihrerseits eigenwillig positioniert, daran erinnerte Vinzenz Brinkmann, der die Schau zusammen mit Kristin Schrader kuratiert hat. Nicht nur die Farbigkeit antiker Skulpturen wird in Frankfurt energisch vertreten, auch ihre (bezeugte, wenngleich kaum erhaltene) Automatenhaftigkeit: Dass antike Skulpturen Geräusche machen und im Idealfall durch mechanische Tricks bewegt werden konnten, mag für den Archäologie-Pionier Johann Joachim Winckelmann ein unmöglicher Alptraum gewesen sein, für das Team des Liebieghauses aber nicht. Für William Kentridge ohnehin nicht.

Ihn, erklärte der 62-Jährige in Frankfurt, habe zudem das Vergehen der Zeit interessiert, das in der Villa, in der Sammlung und in seinem Werk gleichermaßen reflektiert werde. Auch bewegen wir uns hier auf einem nicht nur künstlerischen, sondern bis ins Mark künstlichen Terrain. Die Ausstellung „O Sentimental Machine“ ist die zweite „Intervention“, die das Liebieghaus in ihren Räumen vorstellt. 2012 war der US-Amerikaner Jeff Koons zu Gast mit seinen knallbunten Skulpturen. Damals stellte sich in erster Linie die Frage, ob Koons’ Objekte durch die alte Kunst gewannen oder diese eher in Verlegenheit brachten. Kentridges Werk und Kentridges Eindringen in die Dauerausstellung sind von grundlegend anderer Art. Einiges passt so gut, dass es wie gemacht für die Schau ist. Davon kann aber kaum eine Rede sein.

Zwischen ägyptischen Mumienmasken und -bildern steht zum Beispiel das hochformatige Bild „Casspirs Full of Love“. Ein Casspir ist ein südafrikanischer Truppentransporter, minengeschützt und für Militäreinsätze gegen Demonstranten während der Apartheid offenbar häufig eingesetzt: eine andere Zeit, ein anderes Land, eine andere Geschichte. Dennoch passt sich die Arbeit hier so gut ein, dass man aufpassen muss, nicht an ihr vorbeizulaufen.

Zwischen Marmorköpfe gesellen sich zwang-, aber nicht humorlos und im Prinzip unverbindlich Kentridges Pseudoköpfe, ein Propeller mit nett drapiertem Blumenstoffkragen etwa, wo beim Römer der Tunika-Rand die Büste beendet. Viele von Kentridges Skulpturen, so auch diese, scheinen aus fragilen Materialien hergestellt zu sein – Papier, Pappe, Pappmachee –, es handelt sich aber um bemalte Kupferskulpturen. Das fragil Anmutende ist massiver als der zum Teil naturgemäß angegriffene Marmor und Stein der alten Bildnisse.

Getüftelt wurde seitens des Künstlers, der Kuratoren und der Bühnenbildnerin (!) Sabine Theunissen, die die Ausstellung inszenierte, in zweifacher Hinsicht. Einerseits galt es, Kentridges Werke einzuschleusen und einzubauen, ohne der hier gezeigten alten Kunst zu schaden. Da auch raumfüllende Arbeiten zu sehen sind – in einer Schau, die mit mehr als 80 Bildern, Filmen, Skulpturen und Installationen auch als Retrospektive zu verstehen ist, Intervention klingt vielleicht etwas zu bescheiden –, muss das ein Kunststück für sich gewesen zu sein. Andererseits wurde natürlich nach Verbindungen und Verbindungsmöglichkeiten gefahndet, was zu außerordentlich originellen Resultaten führte.

Der Film „Other Faces“ (2011), in dem eine von Kentridges zentralen Kunstfiguren, der Unternehmer Soho Eckstein, auftaucht, stellt Bilder einer hier sofort mystifiziert wirkenden Kindheit zwischen Madonnen. Eine kompakte Skulptur mit dem Schriftzug „For all we know“ quetscht sich regelrecht zwischen Trauernde einer verlorengegangenen Passionsszene. Der Schriftzug steht über einer Lexikonseite, die unter anderem das Wort „respect“ erklärt. Das Bild „Women Weeping For a Lampedusa Shipwreck“ (2018) kann hier ganz für sich hängen und ist doch ein Kommentar, wenn es vom christlichen Mittelalter umgeben ist. Die titelgebende Installation „O Sentimental Machine“ (2015) umschließt nun zwei zarte Jesus-Figuren, die in einem bescheidenen Salon stehen, an den Wänden, in den Türrahmen Bilder aus einer surrealen Welt. Drumherum schauen fromme Figuren missbilligend dem Treiben zu oder besser noch an ihm vorbei.

Das ist natürlich Einbildung, aber in der Tat entsteht zwischen der mittelalterlichen Welt und Kentridges Arbeiten eher ein widerständiges Verhältnis. Die Antiken wirken gelassener, sogar wohlwollend. Ein weiteres zentrales Spektakel ist „The Refusal of Time“ (2012 bei der documenta 13 in Kassel gezeigt). Hier laufen die Filmbilder über römische Figuren und Fragmente hinweg, in der Mitte rotiert und wabert ein ebenso aufwendiger wie herrlich sinnloser Holzmechanismus (von einem „schlafenden Elefanten“ sprach Kentridge damals). Die Musik: stupide, aber fesselnd und tanzbar zugleich, und während die Römer und Römerinnen flirrend ausgeleuchtet werden, stellt man sich vor, dass diese seltsame, einfach für sich vorhandene, den ganzen Raum erfassende Bewegung das wäre, was eine Skulptur täte, wenn sie es könnte.

Einbezogen sind wirklich fast alle Räume des Gebäudes, und selbst aus dem Wäscheschrank in den erhaltenen historischen Zimmern der Villa flimmert uns noch ein Kentridge-Bild entgegen. Vor der schneeweißen Schönen, die gleich vom Podest steigen könnte, wird ein gezeichneter Flatsch durch eine Spiegelung zur großen Fliege. Ein Kaffeekännchen fliegt ins Weltall. Ein Stuhl fliegt in Kentridges ohnehin erstaunlich windigem Büro an die Decke. Optische Täuschungen, Tricks, Theater überall.

Im Herz der ehemaligen Privaträume, dem Salon, ist die „Black Box“ von 2005 aufgebaut, ein barockisierendes Theater, in dem sich die Finsternis und das Leid der Welt in possierlichen Szenen spiegelt. Prospekte bewegen sich, Vorhänge gehen auf und zu, Trickfigürchen stolzieren und streiten. Fast ein Kinderspiel, der Schrecken der Welt, fast.

Die Ausstellung „O Sentimental Machine“, die die Sammlung des Liebieghauses regelrecht in Bewegung setzt, ist auch eine große Überforderung. Die lange Spieldauer gibt Gelegenheit, sich allmählich daran zu gewöhnen.

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