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Verlorene Welt des Alten Europa

Die Fülle von Varna

Das Alte-Welt-Institut in New York ehrt das uralte Europa aus dem Tal der Donau, dem heutigen Bulgarien, mit einer Ausstellung: Archäologische Objekte aus Varna in einer nie gesehenen Fülle. Von Eva C. Schweitzer

Von Eva C. Schweitzer

Im Tal der Donau, im heutigen Bulgarien, lebte vor siebentausend Jahren ein Volk, das Goldgefäße schuf und Keramik, das seine Toten bestattete und Götter verehrte. Möglicherweise war es eine matriarchalische Kultur, darauf weisen Ausgrabungen hin, sicher aber ist dies nicht. Einen Namen für dieses Volk gibt es ebenfalls nicht. Aber es war die allererste europäische Hochkultur - bis sie vor rund 5500 Jahren verschwand. Warum, auch das weiß niemand genau. Vermutet wird, dass diese Hochkultur von den Indogermanen ausgelöscht wurde, die damals einwanderten, aller Wahrscheinlichkeit nach aus den nordöstlichen Steppen Europas, der heutigen Ukraine und Südrusslands.

Nun hat das Alte-Welt-Institut der New York University dieser "Verlorenen Welt des Alten Europa" eine Ausstellung gewidmet, bei der archäologische Objekte aus Varna erstmals in einer nie gesehenen Fülle zusammengetragen wurden. Bisher waren diese in mehr als zwanzig Museen in Europa, vornehmlich auf dem Balkan, verstreut, ein Gutteil davon im Museum für Nationalgeschichte in Bukarest. "Es ist das erste Mal, dass alle diese Artifakte in einem Museum in Amerika gezeigt werden", erklärt David Anthony, Professor an der NYU und Kurator der Ausstellung. Eine der bekannteren Figuren werde "Der Denker" genannt, dazu sind 21 Figurinen zu sehen, die möglicherweise "Muttergöttinnen" darstellen. Sie wurden an einem Ort in Bulgarien gefunden, an dem Archäologen die Überreste eines Tempels vermuten.

Hinter dem Eisernen Vorhang

Es war im Oktober 1972, als ein Baggerführer bei Bauarbeiten nahe der Stadt Varna in Bulgarien mehrere Gräber entdeckte. Bei den Knochen lag Kupferschmuck und Gold. Das archäologische Museum in Varna nahm sich der Sache an, bald wurde mehr entdeckt: Schalen, Schmuck, Tierfiguren aus Goldblech, ein goldenes Zepter. Aber Bulgarien lag damals hinter dem Eisernen Vorhang. Erst als der sich öffnete, wurden die Ausgrabungen in größerem Umfang fortgesetzt. Wissenschaftler aus aller Welt kamen. Mehrere tausend goldene Stücke wurden geborgen, dazu Keramik, Statuetten aus Knochen und kupferne Gefäße.

Seitdem dienen diese Artifakte dazu, das Leben der Menschen zu rekonstruieren, die vor 7000 Jahren die erste europäische Zivilisation geschaffen hatten. Die Hochkultur von Varna war vergleichbar der Ägyptens zur Zeit des Pyramidenbaus, die erst tausende Jahre später blühte. Ihre Angehörigen lebten in Dörfern und Städten, die die Größe des antiken Athen erreichten, sie brannten Tontöpfe und bemalten sie mit geometrischen Formen, sie schürften und verarbeiteten Kupfer und Gold. Sie benutzten Muscheln aus der Ägäis, "Spondylus" genannt, die gelegentlich zu Ketten oder Armbändern verarbeitet wurden, als Geld, und sie trieben Handel mit Mittelmeeranrainern und mit Stämmen im Nordwesten Europas bin ins heutige England, wo diese Muscheln ebenfalls gefunden wurden. Eine Unzahl solcher Objekte präsentiert die Ausstellung.

Zu den Wissenschaftlern, die sich mit Varna beschäftigten, gehörte auch Marija Gimbutas, eine in Litauen geborene Anthropologin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ging und in Harvard lehrte. Gimbutas, die 1994 starb, glaubte, dass vor 7000 Jahren, im Europa des Neolithikums, eine matriarchalische Kultur geherrscht habe, oder zumindest eine, bei der die Geschlechter gleichberechtigt waren und die Familienstruktur sich an der Mutter ausrichtete. Diese Kultur habe eine "große Göttin" verehrt, glaubte Gimbutas. Deren Spuren finden sich noch heute in Sagengestalten wie Frau Holle oder der Jungfrau Maria. Diese Kultur aber sei unterworfen und vernichtet worden, als die Indogermanen kamen, ein patriarchalisches Reitervolk aus der östlichen Steppe.

Die Indogermanen, auf die zahlreiche der heute bekannten Sprachen zurückgehen (vom Gälischen über das Germanische, das Slawische, Griechische bis hin zum Persischen) wurden zu den kulturellen Urvätern der heutigen Europäer, wobei sie sich mit der Urbevölkerung des Alten Europa gemischt haben.

Europas Wiege

Die Theorien von Gimbutas sind allerdings unter Wissenschaftlern umstritten. "Im Tal der Donau, bei Varna, wurden auch Gräber von Männern gefunden, die reich mit Gold- und Kupferbeigaben geschmückt waren und demzufolge hoch standen. Und die Kultur kannte wohl auch männliche Götter", sagt NYU-Professor Anthony. Letztlich sei dieses Volk erst in Ansätzen erforscht. Das ändert aber nichts an der Feststellung, wonach es sich um eine Wiege der europäischen Kultur handele.

Anthony hat eine Idee davon, woher diese Alten Europäer gekommen sind: Aus der heutigen Türkei, aus Kappadokien. Hier, in der Nähe des Städtchens Catal Hüyük, wurden schon vor Jahrzehnten bei Ausgrabungen Gefäße gefunden, die um die 8000 Jahre alt sind. Diese Menschen kamen über die Ägäis nach Griechenland, so Anthony. "Da sie bereits Werkzeuge hatten, konnten sie auch Boote bauen." Von Griechenland wanderten sie in den Balkan weiter. Auch diese Europäer trafen auf Menschen, die dort bereits lebten, über diese ist aber noch weniger bekannt. Anthony geht davon aus, dass es sich um steinzeitliche Jäger und Sammler gehandelt habe. "Aus dieser Periode sind keine Kulturgegenstände erhalten, allenfalls Äxte und Knüppel", sagt er.

Nicht ganz Europa wurde übrigens von den Indogermanen erobert: Die Basken etwa sind eines der Völker, die den kulturellen Einfluss aus dem Osten abwehrten, sich ihm verschlossen und an einer eigenen Sprache festhielten.

Institute for the Study of the Ancient World, New York: bis 25. April 2010.

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