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Yves Netzhammer, „Biografische Versprecher“, 2009/19.

Ausstellung

„Emphatische Systeme“ im Frankfurter Kunstverein

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Sind ja nur Pixel, ist ja alles gar nicht echt: „Emphatische Systeme“ von Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo im Frankfurter Kunstverein.

Dass der Hauptprotagonist kein Wesen mit Gefühlen ist, ist auf Anhieb deutlich sichtbar. Die Figur, die Yves Netzhammer ins Zentrum seiner Filme stellt, ist so reduziert wie die Holzpuppen, die zu Proportions- und Bewegungsstudien beim Zeichnen dienen. Und dabei ist sie nicht mal aus Holz, sie imitiert eher Plastik. Sie hat kein Gesicht, keine Haare, (meist) keine Kleidung, kein Geschlecht. Sie wirkt aseptisch und harmlos. Doch Yves Netzhammer lässt sie Dinge tun. Handlungen ausführen, die mal menschlich, mal unmenschlich wirken. Mitunter sind diese Tätigkeiten vollkommen sinnlos, bisweilen sind sie brutal. Es scheint, als probiere das Männlein einfach mal aus, wie es wäre.

Wie es wäre, wenn man eine Taube an einem Akkuschrauber befestigte und sie daran rotieren ließe. Wie es wäre, Wattestäbchen, Tabletten und Schrauben in einer Pfanne zu braten. Wie es wäre, Schweine mit einem Bolzenschussgerät zu töten. Wie es wäre, ein Flüchtlingsboot zum Sinken zu bringen. Sind ja nur Pixel. Ist ja alles gar nicht echt. Blut verläuft zu opaken Flächen, aber es spritzt nicht. Wale treiben tot im Meer, aber es riecht nicht. Das alles findet nicht statt. Und doch löst das, was wir sehen, Emotionen aus, weil wir es mit der Realität abgleichen. Weil wir wissen, was die Abstraktion da abstrahiert. Weil wir das Männlein, das genauso gut ein Weiblein sein könnte, eben doch als Mensch interpretieren. Und weil wir wissen, dass Menschen all diese bösen und sinnfreien Dinge tun – und sei es aus Langeweile.

„Empathische Systeme“ heißt die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, in der diverse Filme, Installationen und Computerzeichnungen des Schweizers Netzhammer (geb. 1970) neben Werken zweier weiterer Künstler zu sehen sind. Sie handelt davon, was mit uns geschieht. Wie wir die Stellvertreter des Menschen wahrnehmen, mit deren Gegenwart wir zunehmend konfrontiert werden: elektronischer Kundenservice am Telefon, digitale Assistenten in der Wohnung. Ein Drittel der Deutschen spricht mit Alexa, Siri und Co. hieß es kürzlich in einer Studie. Auch der Einsatz von Pflegerobotern wird immer wahrscheinlicher. Was macht das mit uns? Können wir zuverlässig zwischen lebendigen und künstlichen Organismen trennen?

Theo Jansen, Strandbeest, „Duabus Caudis“, 2014.

Wenn wir das Köpfchen betrachten, das der Japaner Takayuki Todo (gab. 1985) im FKV präsentiert, können einem durchaus Zweifel kommen. Es handelt sich um ein kleines elektronisches Wunder: ein Kunststoffkopf mit androgynen, kindlichen Gesichtszügen und grauen Augen. Schaut man es an, dann schaut es zurück. Es neigt sich nach rechts oder links, hebt die Augenbrauen oder die Lider, bewegt die Pupillen. Mehr ist es nicht, doch wir fühlen uns unmittelbar gemeint. Wegschauen ist jetzt kaum noch eine Option, man will ja nicht unhöflich sein. Als sei der menschliche Verstand durch unser Gefühlsleben ausgehebelt. Dass uns etwas anschaut – und sei es nur eine Konstruktion aus 3D-Druck-Modulen, Motoren und Gesichtserkennungssoftware – lässt uns nun mal nicht kalt. Auch wenn wir sehen, dass aus dem Gebilde Drähte ragen und schließlich bemerken, dass es eine kleine Kamera ist, die dafür sorgt, dass der Kopf unsere eigenen Bewegungen lediglich spiegelt. Vielleicht sehen wir darin schlichtweg das, was wir sehen wollen.

Die riesigen Gebilde, die der Niederländer Theo Jansen baut, haben keine Augen. Sie haben nicht mal eine menschliche Silhouette. Es sind so schlicht wie genial konstruierte Apparate, die im Wesentlichen aus miteinander verbundenen Polyurethanröhren, Kabelbindern und PET-Flaschen bestehen. Nichts, wirklich gar nichts erinnert an Lebewesen – bis sie anfangen, sich zu bewegen.

Normalerweise geschieht das von selbst, denn die Gerätschaften wurden gebaut, um am Strand zu „leben“; sie werden vom Wind angetrieben. Im Kunstverein muss man den Wind per Kompressor erzeugen oder – in einem anderen Fall – das Ding selbst hinter sich herziehen. Der Eindruck ist gleichwohl bewegend. Wie vorzeitliche Dinosaurier, die – zum Leben erweckt – auf uns zukommen, mal seitlich wie Krebse, mal wie Raupen, die Brücken bilden. Die Konstruktionen sind so ausgeklügelt, dass man fast meint, es müsse ein göttlicher Plan dahinter stecken.

Jansen ist zwar nicht Gott, verfolgt aber seit fast dreißig Jahren die Vision neue artifizielle Lebensformen zu erschaffen. Kinetische Skulpturen, die sich nicht nur bewegen, sondern sich mithilfe eines Stufenzählers, der auf einem binären System basiert, auch orientieren können – stoßen sie auf Wasser, drehen sie um. Die Konstruktion der „Strandbeests“ basiert auf einem selbst geschriebenen Computerprogramm. Inzwischen ist sogar die NASA auf Jansen (geb. 1948) aufmerksam geworden und hat ihn gebeten, Ideen für autonome Maschinen beizutragen, die in Zukunft einmal auf der Venus eingesetzt werden könnten.

Jansens „Strandbeests“ haben keinen Stoffwechsel. Sie folgen keinem Zweck außer dem, sich fortzubewegen, das macht sie wahrhaft autark. Sie haben eindeutig kein Bewusstsein. Und doch ringen sie uns nicht nur Bewunderung ab, sie rühren uns regelrecht an.

Naturgemäß ist die Industrie längst dabei, sich die empathischen Impulse des Menschen zunutze zu machen. „Zahlreiche Wirtschaftsbereiche haben ein großes Interesse daran, die Gefühlssysteme zu kennen, um sie für die Entwicklung maschinellen Lernens und artifizieller Intelligenz einzusetzen“ schreibt Kunstvereinsleiterin Franziska Nori, die die Ausstellung kuratiert hat, im Begleitheft. „Systematisiertes Wissen über Gefühle, Affekte, Empfindungen, sowie Stimmungen, Perspektiven und Intentionen wird bereits gezielt eingesetzt.“ Ob uns das gefällt oder nicht, ist schon lange nicht mehr die Frage. Es kann allerdings nicht schaden, sich diese Entwicklung und unsere eigenen Reaktionsmuster hin und wieder bewusst zu machen.

Frankfurter Kunstverein: Bis zum 8. September. www.fkv.de

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