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Oft genug weiß man nicht, mit was man es zu tun hat.

Portikus

Frida Orupabo: Blicke des Unglücks

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Frida Orupabos Collagen über Rassismus und Sexismus zwingen im Portikus zum Hinsehen.

Auf einem großen Podest liegen Gliederpuppen aus Papier, das mit Schwarzweiß-Fotos bedruckt ist. Sie stellen dunkelhäutige Menschen dar und rufen ein leichtes Unbehagen hervor. Mal wurde ein Männerkopf an einen Kinderkörper montiert, mal sitzt er auf einem Frauenkörper, nichts passt so richtig zusammen. Hier fehlt ein Bein, da liegt eine vereinzelte Kinderunterhose neben zwei kaputten Kämmen, dazwischen immer wieder Pflanzenblätter, alles aus Papier ausgeschnitten. Es ist eine seltsam zerfleddert anmutende Collage, die Frida Orupabo unter dem Titel „the mouth and the truth“ im Frankfurter Portikus präsentiert: dunkle Fragmente vor einem weißen Hintergrund; man denkt an Zerstückelung.

Der Sinn der Collage lässt sich zunächst kaum erschließen. Dann entdeckt man hinter dem Podest ein Heft, schaut hinein, möchte gleich wieder wegschauen und ist doch gefesselt. Abgebildet ist eine Reihe von Schwarzweißfotos, die immer wieder Schwarze abbilden. Manche Motive sind unangenehm, weil sie zum Beispiel Verletzungen oder Krankheiten zeigen. Andere sind unangenehm, weil etwas mit ihnen nicht stimmt.

Da ist zum Beispiel diese schwarze Frau, die ein weißes Kind auf dem Schoß hat und mit ihrem leeren Blick aussieht, als hätte man sie in diese Situation gezwungen. Oder das Mädchen – es ist auch auf dem Ausstellungsplakat abgebildet – dessen Haar auf einer Hälfte des Kopfes zu einem Zöpfchen frisiert wurde, während die andere Hälfte unfrisiert ist. Es ist vor allem ihr unglücklicher Blick, der einen zu der Annahme bringt, die Aufnahme sei gemacht worden, um etwas – vermutlich die Haarstruktur – zu demonstrieren.

Es sind Bilder, die verunsichern.

Es handelt sich um medial verbreitete Bilder und Familienfotos, die die norwegisch-nigerianische Künstlerin (Jahrgang 1986) auf ihrem Instagram-Account @nemiepeba archiviert, darunter sind Aufnahmen kolonialer Gewalt, Filmstills aus afroamerikanischen Medien und Musikvideos. Es sind Bilder, die verunsichern, weil man sie teilweise nicht einordnen kann. Viele sehen ganz harmlos aus: ein Abfluss, ein Vorhang, ein Sofa. Doch zwischendrin stößt man auf Leichen. Auf Zähne, die zu spitzen Waffen gefeilt wurden. Auf ein Hakenkreuz. Ein deformiertes Bein. Oftmals wird man mit stereotypen Darstellungen konfrontiert, doch oft genug weiß man nicht, womit man es zu tun hat, weil man den Kontext nicht kennt. Soviel immerhin wird deutlich: Es geht immer wieder um Gewalt, Sexualität, Medizin. Um Banales und Dramatisches. So entstehen Geschichten, die man erahnt oder sich selbst zurechtspinnt.

Bis vor zwei Jahren war Orupabo noch eine Sozialarbeiterin, die ihre digitalen Collagen auf Instagram hochlud. Dann entdeckte sie der afroamerikanische Filmemacher Arthur Jafa als Künstlerin, Orupabo stellte in der Serpentine Gallery aus und war plötzlich sehr gefragt. In ihrem Studium hatte sie sich mit der Repräsentation von schwarzen Körpern in Europa auseinandergesetzt, mit dem kolonialen Blick auf schwarze Frauen. Frauen, die als Objekte gesehen wurden und deren Gesichter und Körper zur Demonstration von Stereotypen dienten. All das fließt in ihre Kunst ein. In ihren Collagen eignet sich Orupabo die Bilder an, macht sie zu ihren eigenen, macht etwas daraus, das einen zwingt, genauer hinzusehen. Bisweilen tut es weh, doch manchmal entsteht auch eine ganz eigenwillige Art von Schönheit und Poesie.

Portikus, Frankfurt: Bis 24.November. www.portikus.de

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