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Die Freiheit des Fuchsmädchens

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Von: Ingeborg Ruthe

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Die Nacht der Flügel, 1996, Berlinische Galerie.
Die Nacht der Flügel, 1996, Berlinische Galerie. © Repro: Kai-Annett Becker

Ein Hausbesuch bei der Malerin Cornelia Schleime, deren mythische Bildwelten voll Fabulierlust und Absurditäten die Berlinische Galerie derzeit ausstellt.

Flügelrauschen, wohl auch Kreischen und Krächzen vermeint man zu hören aus Cornelia Schleimes Bildern. Seltsame Vögel fliegen förmlich hinein, hin zu merkwürdigen Frauengestalten. Denen wachsen lange Rapunzelzöpfe zu Geweihen, zu Laokoonschlangen, zu langen Hasenohren. Manche haben Blüten und Blätter zwischen den Lippen. Oder sie stehen im Wasser.

So uneitel ist die Malerin, die solch mythische Bildwelten „meinen poetischen inneren Raum“ nennt, und der man eine „radikale Fabulierlust“ nachsagt, nun auch wieder nicht, dass sie das nicht ehren würde: Cornelia Schleime ist die Nummer acht in der Reihe jener aus dem Osten Berlins stammender Künstler, die seit der Wiedervereinigung mit dem nach der großen Berliner Dadaistin benannten Hannah-Höch-Preis der Stadt, inklusive Werkschau im Landesmuseum Berlinische Galerie, bedacht werden.

Und ihre Bilder, also die, auf denen sich ihre radikale Fantasie austobt, sind alle dabei. Menschenbilder, die in kein gängiges Kunstschema passen: Junge Frauen im Taucheranzug, wie Argonautinnen auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Die griechische Mythologie wird – feministisch – umgemalt. Und so macht Cornelia Schleime es auch mit den alten Märchen: Die Prinzessin küsst nicht den Frosch, auf dass er wieder ein Prinz werde. Sie steht selber tief im Brunnenwasser und lässt ihn auf ihrem Haar tanzen. So geht das weiter. Die Häsin aus „Hase und Igel“ schickt sie in einem knallroten Kleid nicht etwa in den Wettlauf mit dem Igelpaar, sondern auf ein „Blind Date“. Diese Malerin dreht Überliefertes, Tradiertes einfach um, „auf der Suche nach noch etwas anderem“. Und dieses „Andere“ sind nicht selten die Absurditäten unseres gegenwärtigen Lebens.

„Ich krieg den Preis fürs Lebenswerk“, sagt sie mit rauer Raucherstimme und lacht laut auf an ihrer Wohnungstür in Prenzlauer Berg. „Das klingt so, als wäre ich schon neunzig, nun ja, hab wohl auch schon so viel gemalt, als wäre ich wirklich so alt.“ Drinnen am Tisch, wo die selbst bemalten Keramiktassen für den Tee stehen, zündet sie sich eine Zigarette an, nachdem sie ihre winzige, wegen des Besuchs aufgeregte Terrier-Dame Susi energisch auf deren Schlafplatz verwiesen hat. Ach ja, Fernziel wäre: aufzuhören mit dem Rauchen.

Leicht gesagt, wenn man so nervös, ungeduldig, getrieben ist. „Und wenn man sich zerrissen fühlt. Schon seit der Kindheit: katholisches Elternhaus und sozialistische Schule, Beichte am Sonntag, Jugendweihestunde am Dienstag.“ Und heute? „Die Zwänge der Freiheit. Dauernd soll ich trendy sein, mich hip fühlen. Und als Frau muss ich natürlich immer toll aussehen und alles brauchen, was die Werbung bietet. Ich hab das Gefühl, an jeder Hausecke gibt es so Happiness-Produktionsbüros.“

Sie, deren Idol schon früh die Malerin Paula Modersohn-Becker war, flüchtet sich noch immer in ihre Bildwelt. Beim Malen, Zeichnen, da ist sie ganz eins, da muss sie nicht zweifeln und auch nicht rauchen. Schon damals in der Studentenzeit an der Dresdner Kunsthochschule, beim Aktmalen an den Moritzburger Teichen wie zur Zeit der Brücke-Expressionisten, da kam sie zu sich, ohne Zwänge und Zweifel, dafür mit Mückenstichen. Auch beim Zeichnen auf Dresdner und Berliner Friedhöfen, weg vom Alltagsgetriebe, von Massen. Ihre Unrast mündete in Aktionen: Super-8-Filme von Verhüllungen und Einschnürungen weiblicher Körper, vornehmlich des eigenen.

Performances, wie man solche Aktionen heute nennt, macht sie noch immer, an der Ostsee, auf märkischen Kornfeldern. Es sind fast mystische Szenerien mit langen Seil-Zöpfen und alten Kinderwagen. Fast manisch ist bis heute diese Lust an der Selbstinszenierung. Die Leinwand, der Geruch der Farbe. Da taucht die 64-Jährige im Atelier, egal ob unterm Dach der Wohnung am Kollwitzplatz oder in ihrem von Bäumen und Büschen zugewachsenen Refugium im Ruppiner Land, tief ein in ihre Bildwelten aus einem ungewöhnlichen, von ihr zusammenexperimentierten Amalgam aus Tusche und Aquarellfarbe, aus Acrylfarben und Schellack. Sie arbeite, so Schleime, indem sie sich „aus allem rauszieht“, nur im Dialog mit der Leinwand, dem Papier, dem Vokabular der Anschauung, der Erinnerungen, der Geschichten, der Szenen, die zu Bildern werden. Werden müssen. Von ihr ganz allein. Jeder Zweite im Atelier würde stören. Und Mal-Assistenten wie in einer Bilderfabrik? „Das wäre für mich undenkbar!“

Ein solches Bild aus dieser absoluten Abtauch-Situation hängt frontal überm langen Esstisch. Das wollten Sammler und Galeristen immer wieder haben, aber sie gibt es nicht her. Es ist das Schlüsselwerk einer Phase, die sie schließlich mit ihrem ersten Roman, „Weit fort“ von 2008, abgeschlossen hat: den Weggang aus der DDR 1984, wo sie Ausstellungsverbot hatte. Sie ging als Alleinerziehende mit dem damals kleinen Sohn Moritz, der heute ebenfalls Maler ist. Fast hat es sie zerrissen: der Abschied von Freunden in der Künstlerszene von Prenzlauer Berg, der Neuanfang im Westen, „wo keiner mich kannte“. Der „Befreiungsschlag“, wie sie sagt, „kam durch die DAAD-Stipendiumszeit in New York. Und dann der Mauerfall, wo alles plötzlich wieder da war, die Freunde, die Vergangenheit. Die böse Erfahrung, in Ost-Berlin die ganze Zeit bespitzelt worden zu sein.“ Vom einst besten Freund, der ihr zu den kühnen Aktionen geraten hatte, deretwegen sie dann das Ausstellungsverbot bekam: Sascha Anderson.

Schock, Schmerz, Wut, aber auch das allmähliche Verzeihen- und damit Abschließen-Können sind mittlerweile geronnen zu Farbe und Form: so zu einem Mädchenporträt im weinroten Kleid. Überall Blumen, im Haar, auf der Stirn, zwischen den Lippen. Der Anblick ist rätselvoll. Merkwürdig die Lippen, die den Blumenstängel nicht halten, sondern vielmehr ganz allmählich, wie eine Seifenblase, preiszugeben scheinen, was die eigentliche Magie des Bildes ausmacht. Aber die junge Frau bleibt von diesem Vorgang unberührt. Sie wirkt entrückt und unnahbar. Der neutrale Hintergrund macht eine räumliche Verortung nicht möglich. „Aber doch ist es immer der Ort, der mich interessiert, und nicht das Ausgedachte“, versichert die Malerin, wohl wissend, wie geheimnisvoll und doppeldeutig ihre Motive auf den Betrachter wirken.

Nun hängt auch dieses melancholische „Zwischen“-Bild in der Berlinischen Galerie. Neben anderen Mischwesen und Mutationen, Vogelfrauen und Reh- oder Fuchs-Mädchen mit Kafka-Käfern. Eine Tusche-Aquarell-Serie nennt sie „Echofenster“. Die Malweise erinnert an die Technik des Surrealisten Max Ernst. Bei der sogenannten Décalcomanie wird auf die noch nasse Farbe ein Blatt gelegt und wieder abgezogen. Die zufällig entstehenden amorphen Strukturen erinnern an imaginäre Landschaften, Zöpfe und Schleifen im Mädchenhaar könnten Schmuck sein, aber auch als Züchtigungsmittel gedeutet werden: „Ich verschaffe dem Zufall und dem Unbewussten Raum“, sagt Cornelia Schleime.

Es sind Camouflagen, aus denen zu erfahren ist, dass sie weniger ihre „Modelle“ als vielmehr fast immer sich selber erforscht in den im Ungewissen bleibenden, chimärenhaften Figuren, halb Frau, halb Tier, halb real, halb surreal. „Ja, meine Figuren, das bin ich“, bestätigt sie diese fast ritualhaften Motive. „Zopfmädchen“ malte sie, nachdem sie nach 1990 in ihren Stasiakten gelesen hatte. Und 2008 schrieb sie sich im Buch „Weit fort“ das von der Seele, „wo meine Malerei, mein Zeichnen nicht hinreichte“. Sie schrieb ihn sich weg, den Freund, der sie verriet. Aber beim Malen, beim Zeichnen, bei einer ihrer Körperaktionen in der Natur, da hilft Poesie als Gegenrealität: „Überleben durch Schönheit, um nicht an der hässlichen Wahrheit durchzudrehen.“

„Und bloß keine romantisierenden Variationen von Weiblichkeit!“, sagt sie. „Ich will Tragik, Liebe, Leidenschaft!“ In ihrer Kunst geht es, vor oft völlig leeren Bildhintergründen, wo ein Strich, ein Farbfleck die Leere bezwingt, um Schönheit, Reinheit. „Aber da ist immer auch der Abgrund. Oder das Wasser steht bis zum Hals. Nur: Was heißt schön? Schönheit muss man sich erarbeiten“, davon ist Cornelia Schleime überzeugt. „Biografie zwischen Kinn und Stirn ist erworben. Und Schönes ambivalent, flüchtig, ein Wimpernschlag. Ein winziger, beglückender Moment im Universum und der Zeit, die einem auf der Erde bemessen ist.“

Darum also nennt sie ihre Berliner Ausstellung „Ein Wimpernschlag“. Farbige „Wimpernschläge“ finden sich auf Papier, Leinwand, auf Keramik. Und dann sind da Schleimes Künstlerbücher, Reisetagebücher, alle ganz eigenständige Gebilde. Die stapeln sich in Schränken ihrer Berliner Wohnung: Collagen aus Malerei, Zeichnungen, eigene Fotos, Zettel, Notizen, Briefe.

Bild-Text-Bände also, wo aus Erinnerungsschichten Neues wurde. „Vergänglichkeit ist ein großes Thema für mich“, sagt sie. „Schon rein malerisch. Weil ich mit Schellack arbeite. Da kann es passieren, dass über Nacht alles verschwindet unter der brauen Schicht. Denn Schellack reagiert empfindlich auf Feuchtigkeit und Zugluft.“ Aber sie will „Materialität und Wesenhaftes“ schaffen, das mit heute nichts zu tun hat. „Angehaltene Zeit. Also muss ich erfahren, wie die Zeit lange vor der meinen war, woher wir kommen. Meine Bilder haben mit Tod zu tun, mit dem Mysterium des Endgültigen.“

Das Kunstmarktgeschwätz über Ranking, Preise, Sensationen regt sie auf: „Dieser aufgeblasene Business-Eventbetrieb in der Kunst stößt mich ab. Dieses nur noch Kunst-Hören-Sagen statt Sehen. Am liebsten würde ich durch Messe- oder Biennale-Hallen mit Burka gehen, damit ich wirklich unabgelenkt Kunst sehen kann. Ohne das ganze Gehabe um Hype und Trends – und wo hernach die beste Party ist.“

Kunst-Machen ist für Cornelia Schleime ein hochintimer Akt, „man gibt alles von sich preis“. Sie ist entsetzt, wenn sie von Malern hört, deren Galeristen Bilder verkaufen, die noch gar nicht gemalt sind. Sie sagt, sie komme noch aus einer Zeit, in der Arbeit wie die ihre eine gesellschaftliche Komponente hatte. „Kunst sollte mal die Welt verbessern. Dafür hatten wir eine mehr oder minder taugliche Taktik.“ Heute diktiert der globalisierte Kunstmarkt, was angesagt ist und was nicht. „Aber Kunst muss sich reiben, muss aufzeigen, was der Selbstbetrug in unserer narzisstischen Gesellschaft ist.“ 200, 300 Freunde auf Facebook? „In echt hat man im Leben vielleicht sechs, mit Glück acht, die wirklich da sind, wenn man sie braucht!“

Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst, Berlin: Ausstellung zum Hannah-Höch-Preis bis 24. April. www.berlinischegalerie.de

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