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In der Schirn sind aktuell die Werke von Lee Krasner zu sehen.

Ausstellung 

Lee Krasner in der Schirn: Die Frau, die sich immer wieder neu erfand

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Die Schirn Kunsthalle zeigt eine Retrospektive auf die kühne US-Künstlerin Lee Krasner. 

Geriete man versehentlich in die soeben eröffnete Schau in der Schirn Kunsthalle, man dächte vermutlich, man sei in eine wohlkomponierte Gruppenausstellung mit Vertretern des Abstrakten Expressionismus geraten. Jeder Raum zeigt eine andere Nuance der in den späten 1940er Jahren in den USA populär gewordenen Malerei, mal großformatig mit expressiven Pinselschwüngen, mal kleinteilig wie Wimmelbilder. Es sind Bilder darunter, die organisch anmuten, andere sind geometrisch komponiert. Vieles entstand mit dem Pinsel, anderes mit Leim und Schere. Lee Krasner, die all diese Werke geschaffen hat, war stets stolz darauf, dass sie sich nicht auf eine wiedererkennbare Handschrift festgelegt hat – obwohl man es damals ja genau so machen musste, um erfolgreich zu sein. Und womöglich ist das auch der Grund dafür, dass Menschen, die ein wenig Ahnung von Kunst haben, den Namen Lee Krasner zwar kennen, aber – bis jetzt – kein konkretes Werk vor Augen haben.

Vor allem in Europa kennt man die Künstlerin in erster Linie als Ehefrau von Jackson Pollock. Und das, obwohl Krasner sowohl vor, während, als auch nach ihrer Ehe permanent Kunst fabriziert hat. Gute, teils hervorragende Kunst, wie man jetzt sehen kann. Wieso das hier kaum jemand wusste, erklärt sich auch aus der Tatsache, dass es in Europa zuletzt vor fünfzig Jahren eine umfangreiche Krasner-Schau gab, in Deutschland noch nie. Die Begründung hierfür sei ziemlich schlicht, sagt Eleanor Nairne von der Barbican Art Gallery in London, wo die Ausstellung zuvor gezeigt wurde: Es liege an der Logistik. Tatsächlich sind diverse Arbeiten so groß, dass man in der Schirn vorübergehend Fenster ausbauen musste. Außerdem müsse man private Leihgeber erst einmal davon überzeugen, ein Jahr lang mit einer viereinhalb Meter breiten leeren Fläche an der Wohnzimmerwand zu leben.

Retrospektive in der Schirn: fast einhundert Werke

Die Retrospektive, die auch kaum je gezeigte Studienarbeiten aus den späten 20er und frühen 30er Jahren umfasst, demonstriert anhand von fast einhundert Werken, welche immense Entwicklung die Malerin in ihrem Leben bewältigt hat: von der akademischen Figurenzeichnerin hin zu einer souveränen Malerin lässiger All-Over-Kompositionen.

Die Künstlerin, die 1908 als Lena Krasner in New York zur Welt kam, war das erste in Amerika geborene Kind einer jüdisch-orthodoxen Einwandererfamilie aus Russland. Sie studierte in der Aktklasse der National Academy of Design und später an Hans Hofmanns School of Fine Arts, geriet in beiden Schulen jedoch mit den Lehrenden aneinander und handelte sich den Ruf einer „schwierigen“ Schülerin ein.

Von Bekanntschaften mit Jackson Pollock und einem Bauernhaus auf Long Island

Als sie 1942 Jackson Pollock kennenlernte, konnte sie aber bereits eine Reihe von Ausstellungsbeteiligungen vorweisen. 1945 kaufte sich das Paar ein Bauernhaus in Springs auf Long Island, und Krasner, die zuvor in kubistischer Manier gearbeitet hatte, entwickelte erstmals einen eigenen Stil, indem sie mehrere Schichten Farbe in flimmernde All-Over-Kompositionen verwandelte; die Bilder, die sie teilweise auch als strenge Raster komponierte, nannte sie „Little Images“.

Ab 1950 begann Krasner ihre Formate zu vergrößern. Immer wieder zerstörte oder überarbeitete sie nun Werke, die ihr nicht mehr gefielen. Eine Serie von Schwarzweiß-Zeichnungen riss sie nach kurzer Zeit wieder von den Wänden ihres Ateliers. „Als ich das nächste Mal kam“, so Krasner später, „– es vergingen ein paar Wochen, bis ich die Tür wieder öffnete –, erschien das sehr zerstörerisch. Wieso ich das getan hatte, weiß ich nicht, nur dass ich es tat.

Sie schnitt, collagierte, schuf so hochdynamische Bilder

Als ich die Tür aufmachte und hineinging, war der Boden dicht bedeckt mit zerfetzten Zeichnungen, so wie sie liegengeblieben waren, und das fand ich interessant und begann zu collagieren.“ Krasner nahm die Fetzen und klebte sie mit Sacktuch-Stücken, schwarzem Fotopapier und Elementen aus Pollocks verworfenen Zeichnungen neu zusammen. Als Bildträger dienten ihr eigene Gemälde, die sich als unverkäuflich erwiesen hatten und jetzt an verschiedenen Stellen durchblitzten. Die Reaktionen der Kritiker waren positiv, doch Krasner hielt sich nie lange mit einer Ästhetik auf.

Kubistische Körperformen in der Schirn Kunsthalle

1956, kurz bevor der alkoholkranke Jackson Pollock bei einem Autounfall starb, begann sie plötzlich ineinander verschlungene, kubistisch anmutende Körperformen zu malen. Der Titel „Prophecy“ wirkt im Nachhinein geradezu gespenstisch. Im nächsten Jahr bezog sie das Atelier ihres Mannes, das deutlich größer als ihr eigenes war, und erschuf abermals einen neuen Zyklus entsprechend großformatiger Bilder, für sie die Bahnen ungespannter Leinwand an der Wand befestigte. Die 1,60 Meter große Künstlerin musste mit einem langstieligen Pinsel in der Hand hochspringen, um die oberen Ränder zu erreichen. Krasner litt damals unter Schlaflosigkeit und arbeitete nachts, ohne Kunstlicht. 

In der Schirn sind aktuell die Werke von Lee Krasner zu sehen.

So entstanden organische, an Wirbelstürme oder Schlammfluten erinnernde Bilder in Brauntönen. In den frühen 60er Jahren kehrten schließlich die Farben in Krasners Gemälde zurück. Ihre Formen wurden nun immer kühner, energetischer, auch greller. Zu Beginn der 70er Jahre konnte Krasner mit schrillen Tönen und geometrischen Umrissen in den USA einen späten Durchbruch erleben: 1973 zeigte das New Yorker Whitney Museum ihr Werk in einer Einzelausstellung.

Zwei Jahre später stieß Krasner in ihrer Wohnung auf eine Reihe von Kohlezeichnungen, die sie als Studentin an der Schule von Hans Hofmann angefertigt hatte, und benutzte sie zur Herstellung neuer Collagen. Diesmal zerriss sie die Blätter nicht, sondern zerschnitt sie mit einer Schere und verwandelte so die Dokumente ihrer klassischen Anfänge in dynamisch zersplitterte Bilder, die zugleich als eine Art Selbstvergewisserung fungierten.

Als Krasner 1984 in New York starb, war sie eine geachtete Künstlerin, die an wichtigen Ausstellungen teilgenommen hat. Berühmt wurde sie erst viel später.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis 12. Januar 2020. www.schirn.de

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