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Für lange Zeiträume möchten nur sehr wenige Menschen abhängen wie die Faultiere.
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Für lange Zeiträume möchten nur sehr wenige Menschen abhängen wie die Faultiere.

Hygienemuseum Dresden

Frau Konjunktur hat Schmerzen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Als "Museum vom Menschen" beschreibt sich das Hygienemuseum Dresden, da muss es früher oder später um "Arbeit" gehen. Die Ausstellung besticht durch die vielen kleinen Anregungen, die sie gibt.

Noch nie war in den letzten Jahren ein dermaßen dicker, schwerer Katalog nach Hause zu tragen aus einer Ausstellung des Dresdner Hygienemuseums. "Arbeit" ist eine Materialsammlung, ein beeindruckendes Dokument des Arbeitsprozesses der Ausstellungsmacher, "Arbeit" zerrt an den Armen auf dem 20-minütigen Weg zum Hauptbahnhof, "Arbeit" ist lang nicht ausgelesen in den vielen Zugstunden nach Frankfurt/Main.

Das fühlt sich angemessen an bei einem Thema, mit dem man nicht vorrangig das Wort Vergnügen assoziiert; auch wenn das wiederum nicht bedeuten muss, dass man seine Arbeit nicht mag. Mehr als hundert Menschen diverser Berufe wurden für diese Ausstellung interviewt, ihre Antworten zu verschiedenen Themen sind per Video abrufbar. Ihre häufige Antwort auf die Was-wenn-Sie-genug-Geld-hätten-Frage ist: Ich würde weiterhin arbeiten, aber ich würde weniger arbeiten. Dazu passt, dass Freizeitgestaltung eine Mühe sein kann: Immer mehr Leute leben davon, anderen Leuten dabei zu helfen.

Als "Museum vom Menschen" beschreibt sich das Hygienemuseum da muss es eigentlich früher oder später um das gehen, was einen großen Teil der Lebenszeit der meisten Menschen okkupiert: Arbeit. Die leider unweigerlich ihren Widerpart mitbringt: Arbeitslosigkeit (im Juli in Deutschland wieder um 52.000 Menschen gestiegen). Andere Ausstellungsthemen hatten allerdings nicht nur auf den ersten Blick mehr Sexappeal: Traum, Glück, Tod, sogar "Das Wetter, der Mensch und sein Klima" klingt irgendwie aufregender als "Arbeit. Sinn und Sorge". Auch hat man diesmal auf künstlerische Positionen weitgehend verzichtet, was schade ist.

Doch haben sich die drei "Arbeit"-Kuratoren, die sich "Praxis für Ausstellungen und Theorie" nennen, sowie das Szenografie-Büro chezweitz & roseapple ansonsten allerhand ausgedacht: Erhellendes (ein "Statistikband" etwa), optisch Einleuchtendes, technisch Schickes, Lustiges (eine malade, schlangenähnliche "Frau Konjunktur"), sogar ein dem Domino ähnliches Spiel. In den Begriffen, die man dabei aneinanderlegen kann, spiegeln sich aktuelle Problematiken und Diskussionen: Familienarbeit, Generationenvertrag, Prekarisierung.

Denn nicht erst seit wir in der jüngsten Krise sind der Finanzkrise, Bankenkrise, Automobilindustriekrise, Jobkrise ist die Arbeit ein Streitobjekt, das leidenschaftlich wie oft auch zäh und immergleich debattiert wird (das dokumentieren in der Ausstellung Ausschnitte aus Fernseh-Talkshows). Die einen haben zu wenig A.. Die anderen zu viel. Die A. reicht einfach nicht (mehr) für alle. Sie würde reichen, wenn sie anders verteilt und/oder anders bezahlt würde. Wir müssen vorwärts in die Flexibilisierung und Globalisierung. Wir müssen zurück zur Solidargemeinschaft und zum Stolz am Handwerk. Wobei dieses "Handwerk" auch das eines Bankberaters meinen kann, der tatsächlich das jeweils Günstigste empfiehlt für die Vermögensverhältnisse seiner Kunden.

Kann das gute alte Handwerk die Lösung sein?

Denn hat nicht alles Finanzkrisen-Unglück damit begonnen, dass zu viele Menschen zu viel Geld mit Luftnummern verdienten? Mit Transaktionen, denen kein realer Gegenwert entsprach? Diese Menschen arbeiteten nach gängigem Verständnis des Begriffs, die Mehrzahl hielt sich regelmäßig in einem Raum auf, der als Büro bezeichnet wird aber ihre Mühe bezog sich auf eine Fata Morgana, ein Lug-und-Trug-Bild.

Viele Finanzarbeiter haben nicht wirklich verstanden, mit was sie handelten. Bernard Stiegler schreibt im Katalog vom "Geschäft zwischen Betrogenen" und der "systemischen Dummheit": Auch die Eliten seien heute "bar jedes Wissens über ihre eigene Logik". So liegt es in der Zeit, wenn Richard Sennett "The Craftsman" besingt (dt. "Handwerk", 2008), wenn sich derzeit Matthew B. Crawfords "Shop Class as Soul-craft" (2009) in den USA unter den 100 meistverkauften Büchern findet, eine Beschwörung alter (Arbeits-)Werte unter besonderer Berücksichtigung der Motorrad-Reparatur. Nach dem Motto: Es muss sie wieder geben, die gut gemachten und gepflegten Dinge.

Die Dresdner Ausstellung besticht wie überhaupt die Themenausstellungen im Hygienemuseum durch die vielen kleinen Anregungen, die sie gibt, die Anstöße, Erinnerungen, Richtigstellungen. Sie zeigt einen Grabstein, auf dem in vermutlich rühmender Absicht steht: "Dein Leben war Arbeit". Eine Wert- papier-Abrechnung vom 11.2.00, gekauft wurden T-Aktien. Eine frühe Espressomaschinen-Werbung, auf dass nur ja der Büroschlaf keine Chance habe. Eine 1949-Heute-Tabelle, der zu entnehmen ist, dass man für den Liter Superbenzin 1949 im Schnitt 14 Minuten arbeiten musste, heute nur 6. Das führt die regelmäßige Empörung des 85-jährigen Bekannten über die Benzinpreise auf die Vergesslichkeit des Menschen zurück.

Die große grüne Langeweile

Der Arbeiterstaat kommt in der Dresdner Ausstellung vor, natürlich, ein Braunkohlebrikett erinnert an die "2. Bestarbeiterkonferenz Spreetal 4. Oktober 1978". Ein Staat mit Vollbeschäftigung, die einerseits von vielen erträumt wird, andererseits so wie in der DDR eben nicht zu haben ist, aus Gründen der Bezahlbarkeit und der Langeweile. Auch nach letzterer wurden die gut hundert Interviewten gefragt. Einen einzigen hat die Journalistin beim Vor- und Zurückklicken gefunden, der von der "großen grünen Langeweile" spricht, die ihn ganz unleidlich mache, wenn sie ihn befalle. Und einen zweiten, der sich im Kellner-Job langweilt, wenn vor allem Stammkunden kommen und immer das Gleiche bestellen. Alle anderen wünschen sich wenigstens ab und zu von Herzen: Langeweile.

Als zu stark beschleunigt wird die (Arbeits-)Welt empfunden, und darum auch als sinnentleert. Wer soll das bezahlen?, lautet ein modernes Mantra (wer soll das kaufen? das andere), gerade singt es wieder Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und fordert Lohnsenkungen. Praxis ist, dass, während sich "Frau Konjunktur" windet, ständig an der Arbeit und ihrer Entlohnung zu justieren versucht wird. Der Soziologe Stephan Lessnich gibt in seinem Katalogtext zu bedenken, dass eigentlich bei uns (und anderswo) "anders gearbeitet, anders gewirtschaftet, anders gelebt" werden sollte. Aber, fragt er schon im nächsten Satz: "Wer will denn das im Ernst?"

Der Mensch mag durchaus sehnsuchtsvoll im Manufactum-Katalog blättern, aber erstens ist ihm klar, dass er sich den Schrank Toscana aus massiver Buche nicht wirklich leisten kann. Zweitens muss er jetzt schauen, dass er die S-Bahn zur Arbeit nicht verpasst.

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